Das Auffälligste an Helga Asher ist auf den ersten Blick die hellblau-blaue Mütze, die sie trägt. „ARG“ steht da in großen Lettern drauf, ARG für Argentinien. Selbst im Café trägt sie die Kopfbedeckung, so, als wollte sie sich damit irgendwo fest verorten. Eigentlich stammt Helga Asher aus Nicaragua, doch seit anderthalb Jahren darf sie nicht in ihre Heimat zurück. Erst Florida, dann Costa Rica und schließlich Buenos Aires heißt das Nirgendwo, in dem sie sich seitdem befindet. „Ich habe kein Vaterland mehr“, sagt sie.Seit drei Monaten lebt Helga Asher, 62, in einem dieser kargen Zimmer günstiger Hotels. Keine Küche und „ein schreckliches Frühstück“. Doch eine Wohnung von einem der Portale sei zu teuer. Helga Asher ist eine von den geschätzt 800 000 Nicaraguanern, die das Land in den vergangenen Jahren verlassen haben. Manche freiwillig, weil sie es nicht mehr länger dort aushielten. Andere, wie Helga Asher, unfreiwillig. Weil Nicaraguas autoritärer Präsident Daniel Ortega sie als Bedrohung empfindet.Die Anwältin Helga Asher, 62, darf seit eineinhalb Jahren nicht mehr in ihre Heimat Nicaragua einreisen. Derzeit lebt sie in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. Jan HeidtmannWährend am Sonntag vergangener Woche die halbe Welt das WM-Finale gesehen hat, ist der 80-jährige Ortega nun den nächsten Schritt in Richtung Einparteienstaat gegangen. „Es wird hier nie wieder Wahlen geben“, verkündete er zum 47. Jahrestag der sandinistischen Revolution. Helga Asher hat davon in ihrem kleinen Zimmer erfahren. „Nordkorea in den Tropen“ wird Nicaragua nur noch von Oppositionellen wie ihr genannt. Eine der letzten Bastionen einstiger Sozialisten in Lateinamerika.Anders als in Venezuela oder Kuba halten sich die USA zurückIn den anderen beiden Bollwerken haben die USA unter Donald Trump inzwischen interveniert. In Venezuela entführte das US-Militär mal eben den Staatschef. Um Kuba hat es einen Belagerungsring gezogen, die Menschen dort sollen ausgehungert werden. Doch in Nicaragua kann Präsident Ortega ungestört seine Macht ausbauen. Mit Unterbrechungen herrscht er jetzt seit rund 30 Jahren; 1979, als die Sandinisten den brutalen Langzeitdiktator Anastasio Somoza stürzten, wurde Ortega zu einer Galionsfigur der Linken wie vielleicht Fidel Castro oder Hugo Chávez. Zu Hunderten reisten junge Menschen auch aus Deutschland nach Nicaragua, um den Revolutionären bei der Kaffee-Ernte zu helfen und so im Kampf gegen die USA zu unterstützen.Doch heute, da Ortega kaum mehr besser ist als sein Vorgänger Somoza, bleibt die Reaktion aus den USA merkwürdig unbestimmt. „Ortegas Versprechen, die Wahlen in Nicaragua abzuschaffen, beweist seine Feigheit und seine Angst vor dem Willen des nicaraguanischen Volkes“, erklärte US-Außenminister Marco Rubio unverbindlich auf X. Die internationale Gemeinschaft sei nun aufgerufen, dem Land jegliche Unterstützung zu verwehren.Dabei war die Abschaffung der Wahlen nur der letzte Schritt des Regimes in Nicaragua, um jeglichen Widerstand im Land auszuschalten. Seit seiner Wiederwahl 2006 hat Ortega systematisch die Pressefreiheit beschnitten und die Arbeit von NGOs unmöglich gemacht. Als die Nicaraguaner 2018 wegen Kürzungen im Sozialbereich zu Tausenden auf die Straße gingen, ließ er die Proteste brutal niederschlagen. Über 350 Menschen starben. 2021, kurz vor Ortegas Wiederwahl, wurden Oppositionelle festgenommen, Hunderte von ihnen wurden ins Exil getrieben und ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen. „Die rot-schwarze Flagge des Sandinismus steht für die meisten Nicaraguaner nun für unerbittliche Unterdrückung“, schrieb Gioconda Belli. Die renommierte Autorin hatte einst mit den Sandinisten gekämpft. Ortega und seine Frau hätten Nicaragua „wieder in ein Land des Terrors verwandelt“.Ortegas Frau herrscht als Co-PräsidentinWäre die Lage nicht so tragisch, könnte sie als Stoff für eine düstere Polit-Parodie taugen: 2023 ließ Ortega die Verfassung so umschreiben, dass seine Frau Rosario Murillo als Co-Präsidentin neben ihm herrschen kann. Die 75-Jährige ist Autorin eines mindestens umstrittenen poetischen Werks, prägt aber das Image des Regimes. So ließ sie die Farben der Sandinisten Rot und Schwarz gegen Fuchsia sowie Türkis austauschen und riesige Werbetafeln im Land aufstellen. Darauf sind Präsidentin und Präsident lächelnd zu sehen. Darunter steht in ihrer Handschrift: „Nicaragua ist Liebe. Nicaragua ist christlich, sozialistisch und mitfühlend. Daniel und Rosario.“ George Orwell hätte es sich kaum besser ausdenken können.Helga Asher hat all diese Säuberungsaktionen überlebt. Und das, obwohl sie in Nicaragua über ein Vierteljahrhundert als Anwältin arbeitete. Zu ihren Mandaten zählte die wichtige Zeitung La Prensa, dazu kommt ihr Engagement als Abgeordnete für die Liberale Partei (PLI) im Rat der Hauptstadt Managua. Auf Youtube gibt es Videos, in denen ihre legendären Wortgefechte mit den Mächtigen in der Kommunalvertretung zu sehen sind. Das Ende ihres Lebens in Nicaragua kam, als sie am wenigsten damit rechnete – nach einem Besuch bei ihrer Mutter in Miami.Als sie im Februar vergangenen Jahres zurück nach Managua fliegen wollte, wurde sie von der Fluggesellschaft abgewiesen. Man werde ihr das Ticket natürlich erstatten, hieß es, aber die Behörden in Nicaragua erlaubten ihre Einreise nicht. „Sie haben mir zwar meine Staatsbürgerschaft nicht entzogen, aber de facto bin ich heimatlos“, sagt sie. Anschließend habe das Regime noch ihre Studiennachweise gelöscht, fünf Jahre Jurastudium seien ausradiert. Asher: „Ich bin eigentlich gar nichts mehr.“ Seitdem gebe es kaum eine Nacht, in der sie durchschlafe, manchmal bekomme sie Panikattacken.Oppositionelle sehen eine ChanceAndere Oppositionelle hingegen hegen jetzt wieder Hoffnung. Denn mit seinem Wahlstorno habe Präsident Ortega gezeigt, dass er Angst vor dem Widerstand habe, erklärt Juan Sebastián Chamorro am Telefon in den USA. Chamorro ist einer der bekanntesten Oppositionsführer und musste das Land 2023 verlassen. „Wir sehen jetzt eine Chance“, sagt er. Denn die Trump-Regierung müsse nun erkennen, dass das Regime in Nicaragua auch eine Bedrohung für die USA sei. Wegen Tausender Menschen zum Beispiel, die Nicaragua nun in Richtung Norden verlassen könnten. „Wir werden es beweisen“, meint Chamorro.Ob das klappt, ist jedoch fraglich. Denn anders als in Venezuela gibt es in Nicaragua kein Öl oder andere Bodenschätze, die für die Trump-Administration von Interesse sein könnten. Und anders auch als die Kubaner verfügen die Nicaraguaner in den USA über keine starke Exilgemeinde mit politischem Einfluss.Stattdessen hat sich Präsident Ortega im Verhältnis zu den USA immer auch pragmatisch gezeigt: Während er die Trump-Regierung öffentlich schon mal angreift, arbeitet das Land mit den USA zusammen, wenn es darum geht, den Drogenschmuggel zu bekämpfen oder die illegale Migration in Richtung Norden. Nach der Entführung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro erließ das Regime in Managua eine Visapflicht für mehr als 100 Länder, darunter auch für Kubaner.Helga Asher geht eher davon aus, dass die Familiendynastie der Ortegas noch länger an der Macht bleiben wird. Laureano Ortega, einer der Söhne des Präsidentenpaares, werde bereits seit Jahren als Nachfolger aufgebaut. Asher hofft deshalb erst einmal auf das Apartment, das sie und ihr Mann Ende des Monats in Buenos Aires beziehen wollen. Dann könne sie vielleicht auch wieder ein paar Mandate in Nicaragua übernehmen, sagt sie. „Natürlich nur in Fernarbeit.“