Nicaragua ist das Nordkorea Lateinamerikas: Anzeichen für ein Ende der Diktatur des Altrevolutionärs Daniel Ortega gibt es nichtJüngst hat das Regime die für 2027 geplanten Wahlen abgesagt. Nicaragua sei zu einem totalitären Überwachungsstaat verkommen, sagen Menschenrechtsaktivisten und Journalisten.31.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNicaraguas Präsident Daniel Ortega, im Januar 2025 als Gast in Venezuela.Gaby Oraa / ReutersSingend und ihre Fahnen schwingend marschieren die Anhänger der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) an Daniel Ortega vorbei. Im Hintergrund leuchten die bunten «Lebensbäume» aus Metall, die seine esoterisch angehauchte Ehefrau Rosario Murillo, die gleichzeitig seine Vizepräsidentin ist, in der Hauptstadt Managua hat aufstellen lassen. Mit brüchiger Stimme verkündet der 80-jährige Präsident zum 47. Jubiläum der Revolution, die einst die Herrschaft des Diktators Anastasio Somoza zerschlagen hatte, das Ende der Demokratie: «Wahlen wird es nie wieder geben!»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ortega war 1990 nach seiner ersten Präsidentschaft abgewählt worden, doch 2006 gelang ihm die Rückkehr ins oberste Staatsamt. Seither höhlt er Nicaraguas Demokratie aus. War es bei den Wahlen 2011 und 2016 zu Manipulationen und zur Behinderung der Opposition gekommen, liess Ortega vor den Wahlen 2021 gleich alle sieben Oppositionskandidaten verhaften. Nun kommt das Aus für zukünftige Wahlen.Es gebe in Nicaragua keinen demokratischen Freiraum mehr, sagt Marta Hurtado, die Sprecherin des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) in Genf. Sie zeichnet im Gespräch ein düsteres Bild der Menschenrechtslage in dem zentralamerikanischen Land. So habe Ortega die Repression nach den Protesten gegen seine Regierung im Jahr 2018 deutlich verschärft. Bei der Unterdrückung der von Studenten und Rentnern angeführten Demonstrationen wurden mindestens 350 Personen getötet.«Die Regierung geht gegen jede Institution vor, die sie als oppositionell wahrnimmt», sagt Hurtado. Mehr als 5600 zivilgesellschaftliche Organisationen und 56 Medien seien so geschlossen und mehr als 300 Journalisten ins Exil gezwungen worden. Zudem gebe es derzeit 46 politische Gefangene, deren Haftbedingungen «grauenhaft» seien. Seit der Repressionswelle von 2018 haben rund 800 000 Nicaraguaner das Land verlassen.Auch die Vertreter der Uno hat das Land hinausgedrängt. Nicaragua sei das einzige Land weltweit, das keinerlei Zusammenarbeit mit dem Uno-Menschenrechtsbüro unterhalte, sagt Hurtado. Ortega hatte 2025 den Rückzug aus zahlreichen Uno-Gremien erklärt.«Das Nordkorea unserer Region»Nicaragua sei mittlerweile eine extrem abgeschottete Diktatur, «das Nordkorea unserer Region», sagt eine für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) arbeitende Journalistin, die anonym bleiben will. Im ganzen Land gebe es sogenannte Nachbarschaftskomitees, die Bewohner überwachten und Fehlverhalten den Behörden meldeten.Auch die digitale Überwachung sei umfassend. Personen seien nach kritischen Äusserungen in sozialen Netzwerken wegen «Landesverrats» inhaftiert worden. Unabhängige Medien-Websites würden blockiert. «Das Regime versucht, jegliche Art von abweichender Meinung oder gesellschaftlicher Organisation zu kontrollieren, selbst religiöse Prozessionen verbietet es», sagt die Journalistin.Auch die in letzter Zeit häufiger nach Nicaragua kommenden Touristen, die vor allem die dortigen Surfstrände schätzen, sind scharfen Einreisekontrollen unterworfen. Ihnen würden oft Bücher, Kameras und Drohnen abgenommen, berichtet die Journalistin. Influencern und Youtubern werde oft die Einreise verwehrt, aus Angst, dass sie kritisch über die Zustände im Land berichteten.Wie diese genau aussehen, ist unklar. Nicaragua gilt als eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Doch die letzten verlässlichen Erhebungen dazu stammen aus dem 2005 veröffentlichten Zensus. Damals lebten mehr als 48 Prozent der Bevölkerung in Armut, weitere 17 Prozent gar in extremer Armut.Die Ergebnisse des 2024 durchgeführten Zensus wurden nicht veröffentlicht. Nicaraguas Zentralbank attestiert dem Land jedoch eine ausgezeichnete Gesundheit. So habe die Arbeitslosigkeit 2025 nur 2,7 Prozent betragen, während die Wirtschaft um 4,9 Prozent gewachsen sei. Unabhängig verifizierbar sind diese Daten nicht.Ortega gleicht mittlerweile dem Diktator SomozaOrtega verhalte sich mittlerweile genau so wie der 1979 von ihm gestürzte Diktator Somoza, sagt die nicaraguanische Menschenrechtsaktivistin Haydée Castillo, die 2018 aus ihrer Heimat floh. Sie ist eine von mehr als 450 Personen, denen das Ortega-Regime die Staatsangehörigkeit entzogen hat: Aktivisten, Journalisten und Politiker.Nicaragua beschreibt sie als «totalitären Überwachungsstaat, ähnlich dem in George Orwells Buch ‹1984›». Neben Polizei und Militär habe Ortega auch die Finanzelite unter seine Kontrolle gebracht. Und die sich in der Nationalversammlung als Opposition ausgebenden Parteien seien in Wahrheit «völlig willfährige Handlanger des Regimes». Dieses werde die Macht niemals freiwillig abgeben. Deshalb plädiert Castillo für stärkeren Druck durch die internationale Gemeinschaft.Schon damals gefährlich – und heute undenkbar: In Nicaragua protestieren Oppositionelle gegen Daniel Ortega, der sich verhalte wie der 1979 von ihm gestürzte Diktator Somoza (Bild von 2018).Jorge Cabrera / ReutersUnd weiter sagt sie: «Ortega stützt sein gesamtes Repressionsnetz auf die Gewinne, die das Freihandelsabkommen mit den USA und das Assoziierungsabkommen mit der EU ermöglichen.» Ortega sei über Strohmänner der Besitzer der wichtigsten Exportunternehmen. Der Profit bleibe bei ihm, seiner Familie und seiner Führungsriege, während das Volk in Armut lebe. So herrsche in einigen Regionen aufgrund einer Dürre akuter Hunger. «Worauf wartet die internationale Gemeinschaft noch?», fragt Castillo.Umfassende Berichterstattung derzeit unmöglichSchon kurz nach seiner Rückkehr an die Macht 2006 habe Ortega damit angefangen, die Arbeit der Medien zu behindern, sagt die nicaraguanische Journalistin Nayel Martínez. Zuerst gab es für kritische Journalisten keinen Zutritt zu Pressekonferenzen, im Zusammenhang mit den Protesten von 2018 habe dann deren Verfolgung begonnen. Mittlerweile gebe es im Land keine unabhängigen Journalisten mehr. Auch ausländischen Journalisten werde die Einreise verwehrt – ausser solchen aus «Bruderstaaten» wie Russland, Weissrussland oder China.Martínez glaubt, dass weniger als 30 Prozent der Nicaraguaner das Regime unterstützen; doch dass sich die regimekritische Mehrheit erhebt, erwartet sie angesichts des umfassenden Repressionssystems nicht. Es gebe keinen einzigen Aspekt des Lebens in Nicaragua, den die Regierung nicht kontrolliere. «Ich würde gerne auf eine spontane Rebellion wie 2018 hoffen. Doch die Leute haben grosse Angst.»Martínez geriet ins Visier der Regierung, weil sie über Machtmissbrauch der Polizei berichtete. Nach der Verhaftung von Kollegen floh sie 2022 ins Nachbarland Costa Rica, wie viele andere Nicaraguaner. Doch seit dort 2025 der nicaraguanische Oppositionelle Roberto Samcam ermordet worden ist, sei ein Teil der Exilgemeinde in die USA oder nach Europa weitergereist, erzählt sie.Auch Wilfredo Miranda fühlt sich in Costa Rica nicht vor Ortegas Leuten sicher. «Sie können dir jederzeit ein paar Kugeln verpassen», sagt der Journalist, der unter anderem für die spanische Zeitung «El País» arbeitet. Er war 2021 in das Nachbarland geflohen, nachdem die Behörden ihm wegen der angeblichen Verbreitung von Fake News mit acht Jahren Gefängnis gedroht hatten.Die Familiendynastie Ortega-Murillo tue alles, um an der Macht zu bleiben, sagt Miranda. So sei die Ausübung der Presse- und Meinungsfreiheit unmöglich geworden: «Zückt man auf der Strasse eine Kamera oder führt man ein Interview, landet man gleich im Gefängnis.»Costa-ricanische Sicherheitskräfte sichern den Tatort, an dem der nicaraguanische Oppositionelle Roberto Samcam im September 2025 ermordet wurde.Stringer/ReutersGewalt gegen IndigeneAuch die Lage der Indigenen, die rund 9 Prozent der Bevölkerung ausmachen, beunruhigt Miranda. Rund ein Viertel der den Indigenen sowie afrokaribischen Gruppen zugesprochenen Gebiete sei ohne deren Zustimmung an chinesische Bergbauunternehmen übergeben worden. Diese wollen dort Rohstoffe fördern, vor allem Gold.Neben Umweltverschmutzung kommt es dabei auch zu Gewalt. Im Disput um ihre Gebiete sind laut indigenen Organisationen mehr als siebzig ihrer Anführer in den vergangenen zehn Jahren ermordet worden. Tausende von Indigenen sind vor der Gewalt nach Costa Rica geflohen. Das nicaraguanische Regime hält zudem mindestens zwölf indigene Anführer in Haft.Ende Mai starb der indigene Politiker Brooklyn Rivera im Gefängnis. Er war ab 2023 ohne Anklage festgehalten worden. Verwandte, die seine Leiche abholen wollten, verschwanden spurlos. Mit der Ermordung von Brooklyn Rivera habe das Regime eine klare Botschaft an die Indigenen ausgesendet, sagt die Aktivistin Haydée Castillo. «Wer die Hand erhebt, dem wird das Gleiche passieren.»Passend zum Artikel