Nach schweren Jahren scheint sich Julius Bär zunehmend zu berappeln. Der Schweizer Vermögensverwalter meldet für das erste Halbjahr 2026 einen rekordhohen Konzerngewinn von 673 Millionen Franken. Das ist mehr als doppelt so viel wie in der entsprechenden Vorjahreszeit, die freilich durch Sonderlasten aus dem Verkauf des lokalen Geschäfts in Brasilien und Wertberichtigungen auf Immobilienkredite beeinträchtigt war.Obwohl das Ergebnis besser ausgefallen ist als von Analysten erwartet, sank der Aktienkurs im Verlauf des Dienstags um vier Prozent auf 70,80 Franken. Dies könnte auf Gewinnmitnahmen zurückzuführen sein. Denn der Kurs war jüngst auf ein Allzeithoch von 75 Franken gestiegen. In diesem Aufschwung spiegelt sich die Zuversicht der Investoren, dass Julius Bär die Wunden der Vergangenheit nun mehr oder weniger nachhaltig geschlossen haben könnte.Die Zürcher Bank, die per Ende Juni Kundengelder von 547 Milliarden Franken verwaltete, hatte durch hochriskante Geschäfte mit dem österreichischen Immobilienjongleur René Benko das Vertrauen der Investoren und auch vieler Kunden verspielt. Das Kreditengagement bei Benkos zusammengebrochener Signa-Gruppe brockte den Schweizern Verluste von 600 Millionen Franken ein. Dieses Fiasko kostete dem damaligen Vorstandschef Philipp Rickenbacher den Job. Mit etwas Verzögerung gab auch der Verwaltungsratspräsident Romeo Lacher seinen Posten auf. Ihm folgte der Brite Noel Quinn, der bis 2024 die britische HSBC-Gruppe geführt hatte.Rigoroser SparkursDie operative Leitung von Julius Bär liegt seit Anfang 2025 in den Händen des Schweizers Stefan Bollinger. Der ehemalige Goldman-Sachs-Partner zog ein rigoroses Kostensenkungsprogramm durch, das mit dem Abbau von 400 Stellen einherging. Zugleich stutzte er den Vorstand um zwei Drittel auf fünf Mitglieder zurück. Wenn im August der Amerikaner Peter Burrill, von der britischen Bank Standard Chartered kommend, die seit 2022 amtierende Finanzchefin Evie Kostakis ablöst, wird die oberste Führungsspitze komplett aus Neuzugängen bestehen, die von außen hereingeholt wurden.Offenbar fehlte Bollinger das Vertrauen, dass ein echter Neuanfang mit der alten Garde auf wichtigen Feldern wie dem Risikomanagement und dem Umgang mit Rechtsrisiken (Compliance) möglich war. Dieser Einsicht lag die ernüchternde Erkenntnis zugrunde, dass die Altlasten längst nicht so weit bereinigt waren, wie er das vor seinem Amtsantritt erwartet hatte. Man habe die Lösung der Probleme zu lange in die Zukunft verschoben, gab Bollinger vor ein paar Monaten zu Protokoll. Die umfangreichen Aufräumarbeiten verbunden mit abermals sehr saftigen Kreditabschreibungen verhagelten das Ergebnis im vergangenen Jahr.Doch nun zeigt die Entwicklung bergauf. Seit Anfang dieses Jahres sind die verwalteten Vermögen um fünf Prozent gestiegen. Dabei kam Julius Bär zugute, dass die Bewertungen an den Aktienmärkten in dieser Zeit tüchtig gestiegen sind. Von den Reichen und Superreichen sammelte die Bank netto neue Gelder von 5,7 Milliarden Franken ein. Auf das Jahr hochgerechnet, entspricht dies einem Anteil von 2,2 Prozent der verwalteten Vermögen. Gegenüber den ersten Monaten hat sich das Neugeldwachstum zwar beschleunigt, es liegt aber immer noch deutlich unter dem Zielwert von vier bis fünf Prozent, den Bollinger bis 2028 erreichen will.Dies erklärte der Vorstand mit dem verschärften Risikoprofil: Man trennt sich schrittweise von Kunden aus bestimmten Ländern und Branchen, um nicht abermals irgendwo ins Messer zu laufen. Da es sich dabei um große Adressen mit teilweise illiquiden Anlagen handele, werde sich dieses „De-Risking“ noch bis in das Jahr 2027 erstrecken, sagte Bollinger im Gespräch mit Journalisten. Daher rechnet er damit, dass das Wachstum der Nettoneugelder im Gesamtjahr 2026 schwächer ausfällt als im Vorjahr. Diese Prognose könnte zur negativen Kursreaktion am Dienstag beigetragen haben, auch wenn sich die Bank im Frühjahr schon ähnlich geäußert hatte.Unsicherheit herrscht überdies weiterhin hinsichtlich des Verfahrens der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma). Im Gefolge des Benko-Desasters haben die Aufseher eine Sonderprüfung in die Wege geleitet. Solange deren Ergebnisse (und etwaige Verfügungen) nicht vorliegen, darf Julius Bär keine neuen Aktienrückkäufe tätigen. Bilanziell hätte die Bank für einen solchen unter Investoren sehr beliebten Schritt reichlich Spielraum. Die Kernkapitalquote liegt mit 18,5 Prozent weit oberhalb der regulatorischen Mindestschwelle von 8,4 Prozent.