Nach dem Grossreinemachen bei Julius Bär stellt sich die grosse Frage: Kann Bankchef Stefan Bollinger auch Wachstum?Nach einem ruppigen 2025 ist bei der traditionsreichen Privatbank Ruhe eingekehrt. Nun muss der Bankchef Bollinger zeigen, dass er mit Bär erneut Kunden gewinnen kann.20.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMit seiner Geschwindigkeit hat der CEO von Julius Bär viele überrascht.Martin Rütschi / NZZEines muss man Stefan Bollinger lassen: Er setzt sich unermüdlich für Julius Bär ein. Laufend postet der Bankchef auf Linkedin Bilder seiner Treffen mit Mitarbeitern und Kunden der Privatbank. So tritt er bei einem Lunch für Kunden mit dem früheren Wimbledon-Sieger John McEnroe auf, dann wieder besucht er die Julius-Bär-Filiale in St. Gallen oder ein Kunstwochenende in Zürich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seitdem er die Führung der Privatbank Anfang 2025 übernommen hat, greift der 51-Jährige konsequent durch. Er verkleinerte die Geschäftsleitung, schrieb weitere Altlasten in dreistelliger Millionenhöhe ab, überprüfte das Kreditbuch der Bank und lancierte ein Sparprogramm. 400 Stellen sind bereits im vergangenen Jahr verschwunden. Bis 2028 will Julius Bär insgesamt 260 Millionen Franken einsparen.Dazu kommt neues Schlüsselpersonal. Bollinger hat die Geschäftsleitung der Privatbank mittlerweile komplett erneuert. In dem siebenköpfigen Gremium sitzt mit der Finanzchefin Evie Kostakis momentan noch eine Person, die aus der Ära von Bollingers Vorgänger Philipp Rickenbacher stammt. Und auch ihre Tage bei der Bank sind gezählt: Mitte August übernimmt Peter Burrill als CFO, der zuletzt bei der britischen Bank Standard Chartered war.Probleme immer wieder auf die lange Bank geschobenMit seinem Tempo hat Bollinger viele auf dem Finanzplatz vor den Kopf gestossen. Die zahlreichen Wechsel beim Spitzenpersonal hätten dazu geführt, dass Julius Bär die typische Kultur einer Schweizer Bank verloren habe, sagen Kritiker. Die Privatbank sei dadurch austauschbar geworden, bemängelt ein früherer hochrangiger Bär-Manager. Enttäuschte Mitarbeiter verschafften ihrem Frust immer wieder auf einschlägigen Finanzblogs Luft.Bei der traditionsreichen Privatbank wurden viele Probleme in der Vergangenheit jedoch einfach auf die lange Bank geschoben. Das Ausmass davon hat selbst Stefan Bollinger erstaunt. Er sei davon ausgegangen, dass die Bereinigung der Altlasten weiter fortgeschritten sei, sagte der Bankchef Anfang Jahr der «NZZ am Sonntag» in einem Interview. Ihm sei klar geworden, dass Julius Bär sie «rigoros anpacken muss».Unter Bollingers Vorgängern hat sich die Privatbank in Geschäftsfelder begeben, die sie zu wenig verstand. So zum Beispiel mit der Kreditvergabe an den Signa-Gründer René Benko. Nach dem Konkurs der österreichischen Immobilien- und Handelsgruppe sah sich Julius Bär gezwungen, rund 600 Millionen Franken abzuschreiben. Rickenbacher musste zurücktreten, und die Finanzmarktaufsicht (Finma) eröffnete ein Verfahren gegen die Privatbank, das immer noch nicht abgeschlossen ist.Für die Privatbank war das erste Jahr unter Stefan Bollinger ein Übergangsjahr. Sie erzielte 2025 einen Reingewinn von 764 Millionen Franken. Im Vorjahr lag der Gewinn noch bei rund einer Milliarde Franken. Neben den Abschreibungen hat unter anderem auch der Verkauf des Brasilien-Geschäfts zum Gewinnrückgang geführt.An der Vergangenheit festgeklammertDer Umbau der Geschäftsleitung im Nachgang der Signa-Krise sei notwendig gewesen, heisst es aus der Bank. René Benko hätte bei Julius Bär gar nie einen Kredit erhalten dürfen. Schuld daran seien die unklaren Kompetenzen im Management gewesen. Die Geschäftsleitung habe damals nicht als Gremium, sondern immer nur auf der Grundlage von Einzelgesprächen entschieden.Dass die neue Führung der Privatbank zum Teil extern rekrutiert wurde, sorgt für Kritik. Immerhin war Bollinger mit dem Versprechen angetreten, mehr eigene Talente zu fördern. Nicht in jedem Fall hielt er dieses jedoch ein: Der neue Risikochef kommt von der UBS. Den Co-Chef für das Schweizer Geschäft und die neue Compliance-Chefin holte Bollinger bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, der amerikanischen Grossbank Goldman Sachs.Zu den Besetzungen will sich Julius Bär auf Anfrage der NZZ nicht äussern. Die externen Neubesetzungen habe es gebraucht, sagen Vertraute des Bankchefs. Viele der alten Garde im Management von Bär hätten sich an der Vergangenheit festgeklammert. Sie wollten keine Verantwortung für die Altlasten bei Julius Bär übernehmen. Für einen wirklichen Kulturwandel brauche es daher Manager mit einem frischen Blick von aussen.Die Frage nach dem NeugeldNach einem ruppigen 2025 will die Privatbank nun nach vorne schauen. Sie will sich wieder auf ihr Geschäft konzentrieren. Tatsächlich ist es um Julius Bär in den vergangenen Monaten ruhiger geworden. Laut Beobachtern ist dies unter anderem darauf zurückzuführen, dass bei Bär wieder vermehrt die Leistung zählt. Wer liefert, der komme vorwärts. Zudem habe Bollinger einen neuen Ton etabliert. Die Geschäftsleitung höre den Anliegen der Mitarbeiter zu. Julius Bär will auch wieder mehr Kundenberater rekrutieren. Im Mai gab die Privatbank bekannt, dass sie in diesem Jahr dreissig Personen eingestellt hat und sich mit nahezu fünfzig weiteren in Anstellungsgesprächen befindet.Operativ ist der Privatbank der Start ins 2026 zumindest teilweise geglückt. In den ersten vier Monaten stiegen die verwalteten Vermögen auf den Rekordwert von 528 Milliarden Franken. Die Privatbank hat von den steigenden Aktienkursen profitiert. Zudem haben ihre Kunden mehr gehandelt.Entscheidend ist für Beobachter jedoch etwas anderes: «Die grosse Frage ist die Entwicklung des Neugeldes», sagt der Vontobel-Analyst Andreas Venditti. Anfang Jahr war die Entwicklung hier eher enttäuschend. Bis Ende April hat Julius Bär 3 Milliarden Franken frisches Geld eingesammelt. Auf das ganze Jahr gerechnet, lag der Zuwachs gerade einmal bei 1,7 Prozent. Bis 2028 strebt sie einen Wert von 4 bis 5 Prozent an.Mehr Klarheit dürfte die Publikation der Halbjahreszahlen am Dienstag bringen. Die Finanzanalysten rechnen mit einem deutlich besseren Ergebnis als im Vorjahr.Das langsamere Wachstum beim Neugeld hängt für Ausano Cajrati Crivelli, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, unter anderem mit den Aufräumarbeiten zusammen, die bei Julius Bär immer noch im Gange sind. Das nach wie vor hängige Finma-Verfahren könnte laut ihm ebenfalls dazu führen, dass gewisse Prozesse länger dauern und die Privatbank hier langsamer wächst.Wie lange die Aufsichtsbehörde noch für den Abschluss ihres Verfahrens braucht, ist unklar. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg von Anfang Juli soll die Finma mit ihrer Untersuchung kurz vor dem Abschluss stehen. Eine Veröffentlichung könnte dann im zweiten Halbjahr erfolgen.Erwartet wird, dass Julius Bär dann auch wieder ein neues Programm für einen Aktienrückkauf auflegt. Das könnte den Papieren der Privatbank zusätzlich Auftrieb verleihen, nachdem sie Mitte Juli zum ersten Mal kurzzeitig den Wert von 75 Franken überschritten haben.Hochrisikokunden haben keinen Platz mehrEin Grund für das langsamere Wachstum beim Neugeld ist aber auch, dass sich Julius Bär im vergangenen Jahr von einer Reihe von Kunden getrennt hat, die nicht mehr zu ihr gepasst haben. Nach den risikoreichen Jahren unter Bollingers Vorgängern hat die Privatbank angekündigt, dass sie sich künftig auf ihr Kerngeschäft konzentrieren will: die Vermögensverwaltung sowie die Vergabe von Lombardkrediten und Hypotheken für Wohnimmobilien.Julius Bär sieht sich beim Aufräumen der Altlasten auf Kurs. Die Überprüfung des Kreditbuches wurde im November abgeschlossen. Im Fall Benko hat sie einige der abgeschriebenen Gelder bereits wieder zurückerhalten. Offen ist dagegen noch das Verfahren einer Signa-Tochter gegen Julius Bär. Sie hat die Privatbank auf 62 Millionen Euro verklagt. Momentan führen die Parteien laut einem aktuellen Bericht des Insolvenzverwalters Gespräche über eine aussergerichtliche Einigung. Strittig ist dem Vernehmen nach die Höhe der Vergleichszahlung.Mit seinem konsequenten Durchgreifen hat Stefan Bollinger Altlasten beseitigt und für einen neuen Ton bei der traditionsreichen Privatbank gesorgt. Nun muss er liefern. Sonst riskiert er, dass auf ein Übergangsjahr gleich ein nächstes folgt.Passend zum Artikel
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