Drama bei Deutschlands ältester Bank: Die Aufsicht setzt die Führung ab, das Geschäftsmodell gerät unter DruckUnter der Führung des Aktienhändlers Hendrik Riehmer hat die Privatbank Berenberg Rekordgewinne erzielt. Wie geht es nun weiter?Cornelius Welp23.06.2026, 12.18 Uhr5 LeseminutenSchriftzug der Berenberg-Bank an ihrer alten Zentrale in Hamburg.Daniel Bockwoldt / DPAOb Hendrik Riehmer ahnte, was ihn bei dem Termin in den Räumen der deutschen Finanzaufsicht Bafin erwartete? Ob es turbulent zuging? Das Ergebnis der Zusammenkunft versandte die von Riehmer geleitete Hamburger Berenberg-Bank am vergangenen Freitagabend in einer Mitteilung mit der nüchternen Überschrift «Führungswechsel». Mit dieser endete eine der erstaunlichsten und schillerndsten Karrieren in der europäischen Finanzbranche. Mit einem lauten Knall.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hendrik Riehmer.PD«Auf Anordnung der Bafin», so heisst es in der Mitteilung, ruhten ab sofort die Befugnisse Riehmers und der beiden anderen Mitglieder der Geschäftsleitung. An ihre Stelle rückten zwei von der Behörde bestimmte Sonderbeauftragte. Grund dafür seien nicht näher spezifizierte «mögliche Corporate-Governance-Verstösse» bei «bestimmten Markttransaktionen». Dass die Bafin die Führung einer Bank auf einen Schlag komplett entmachtet, ist ein in der jüngeren Vergangenheit beispielloser Vorgang. Eine Rückkehr von Riehmer und seinen Mitstreitern auf ihre Posten ist ausgeschlossen.Für Deutschlands älteste Bank ist der erzwungene Abgang ihres Steuermanns eine harte Belastungsprobe. Zwar spricht nichts dafür, dass ihre finanzielle Stabilität gefährdet sein könnte. Auch die Intervention der vom früheren Chef der Schweizer Finma Mark Branson geleiteten Finanzaufsicht liefert keinerlei Hinweise darauf. Kaum eine Bank war jedoch so stark auf eine einzelne Person zugeschnitten wie Berenberg auf Riehmer. Der 57-Jährige war der wichtigste Architekt ihres Geschäftsmodells und der erste Ansprechpartner für die wichtigen Kunden. Riehmer selbst redete von sich stets als «Kundenmann», dem lange interne Meetings ein Graus seien.Eine kleine Bank übertrifft alle anderenEnde 2024 beschäftigte die 1590 in Hamburg gegründete Berenberg-Bank rund 1500 Mitarbeiter. Mit einer Bilanzsumme von 6,5 Milliarden Euro war sie kleiner als viele Sparkassen, ihre Ergebnisse waren in der Branche in einigen Jahren jedoch beispiellos. 2016 lag die Eigenkapitalrendite bei 96 Prozent, 2021 bei 83 Prozent. In beiden Jahren profitierte das Institut von seiner starken Position bei Börsengängen und Kapitalerhöhungen. 2021 begleitete Berenberg im deutschsprachigen Raum mehr Transaktionen als die um ein Vielfaches grösseren Wettbewerber.Dass Berenberg in dem Geschäft so stark reüssierte, war das Ergebnis eines radikalen Strategiewechsels, der vor allem von Riehmer forciert wurde. Wie bei anderen Privatbanken hatte auch das Geschäft der Hamburger Bank ursprünglich vor allem auf der finanziellen Betreuung reicher Privatkunden basiert. Riehmer dagegen setzte voll auf das Investment Banking angelsächsischer Prägung. Auch einige Rückschläge brachten ihn nicht vom eingeschlagenen Weg ab. Die Expansion in die USA lief längst nicht so erfolgreich wie geplant, auch die ganz grossen Pläne in der Vermögensverwaltung für institutionelle Kunden scheiterten.Über die Jahre profitierte er vor allem von seinen Kontakten in die deutsche Technologiebranche. Der Investor Christian Angermayer, die Samwer-Brüder (Rocket Internet) und der United-Internet-Gründer Ralph Dommermuth beauftragten Berenberg bevorzugt bei ihren Transaktionen. Während andere deutsche Traditionshäuser wie Sal. Oppenheim, Lampe und Hauck & Aufhäuser ihre Unabhängigkeit verloren, ging es für die Bank aus dem Norden immer weiter bergauf.Das Herz schlägt in LondonIn der Konsequenz verlagerte sich das Herz von Berenberg auch geografisch. Riehmer steuerte das Geschäft an den Kapitalmärkten vorwiegend aus den Büros an der Threadneedle Street in London. Wer ihn dort, in unmittelbarer Nähe der Börse, aufsuchte, traf auf einen Mann, der seine Bestimmung gefunden zu haben schien und voll in seiner Rolle aufging.Harte Aussagen inklusive: «Es geht nicht darum, sich selbst zu verwirklichen. Es geht darum, für die Kunden da zu sein», so im Jahr 2022 seine Begründung für die intern heftig umstrittene Entscheidung, als eines der ersten Unternehmen in Deutschland das Recht auf Home-Office komplett wieder abzuschaffen. Eine ungewöhnlich hohe Fluktuation unter den Mitarbeitern nahm er gerne in Kauf.Deutsche Wirtschaftsmedien nahmen solche Vorlagen dankbar auf und beschrieben Riehmer als «Wolf of Jungfernstieg» oder «Hai aus Hamburg». Dabei war die Hemdsärmeligkeit bei ihm keine Pose, sondern Konsequenz einer bei Privatbanken ungewöhnlichen Karriere.Der leidenschaftliche Hockeyspieler hatte nach dem eher mittelmässigen Abitur eine Lehre bei der Hamburger Sparkasse absolviert und war 1990 als Aktienhändler zu Berenberg gewechselt. 2001 übernahm er die Leitung des Investment Banking, 2009 stieg er in die Führung der Bank auf. Das Klischee des mit allen Wassern gewaschenen Marktprofis griff Riehmer mit den langen, zurückgegelten Haaren auch optisch auf.Eine Bank, die Grenzen austestetWomöglich folgte er ihm zu sehr. In der Branche galt Berenberg schon lange als Bank, die Grenzen austestet. Mancher kann nun sagen, dass er es schon immer geahnt habe. 2017 hatte die Staatsanwaltschaft gegen Riehmer ermittelt, das Verfahren jedoch eingestellt. Einige Jahre später drängte die Bafin die Bank dazu, die Geschäftsführung von zwei auf drei Mitglieder zu erweitern. Riehmers von der Behörde nun ebenfalls abgelöste Kollegen galten als treue Weggefährten.Anlass für das radikale Vorgehen der Aufsicht waren Bewertungsfragen, die bei Berenberg bereits zu einem Dissens mit den Wirtschaftsprüfern geführt hatten. In der Folge hat die Bank bisher noch keinen Abschluss für das Jahr 2025 vorgelegt. Die deutsche «Wirtschaftswoche» berichtete als Erste über vier konkrete Fälle, an denen sich der Streit entzündet haben soll.Die Suche nach Nachfolgern hat bereits begonnen, in der Zeit des Interregnums wird neben einem externen Banker auch Hans-Walter Peters wieder an die Spitze der Bank rücken. Der 71-Jährige hatte das Institut viele Jahre gemeinsam mit Riehmer geführt und dabei die Rolle des seriösen Gegengewichts zum impulsiven Aktienhändler übernommen. Als Präsident des Bundesverbands deutscher Banken fungierte er zwischen 2016 und 2021 als oberster Repräsentant der Branche.In ersten Wortmeldungen hat Peters vor allem auf die wirtschaftliche Stabilität der Bank verwiesen: Für 2025 rechnet Berenberg mit einem Gewinn von 20 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2026 sollen es schon 40 Millionen Euro gewesen sein. Am derzeitigen Geschäftsmodell dürften Riehmers Nachfolger wenig ändern. Es ist zwar abhängig von Schwankungen, andere Aktivitäten bringen aber schlicht zu wenig ein.Riehmer bleibt der Bank nach seinem Abschied zumindest vorerst verbunden. Eine von ihm und Peters gegründete Beteiligungsgesellschaft ist mit einem Anteil von 26 Prozent nach der Familie von Berenberg der zweitgrösste Eigner von Berenberg. Dass es dabei bleibt, scheint sehr unwahrscheinlich. Sollte er sich nicht selbst von seinen Anteilen trennen, könnte die Bafin Riehmer auch dazu zwingen, seine Anteile an einen Treuhänder zu übertragen. Eine Anfrage kommentiert die Behörde nicht.