On is cool, Künzli ist lässig. Und kurze Hosen gehen auch im Büro. Unterwegs im Land der modischen TristesseEine kleine Stilkritik über die Sommerferien-Schweiz.21.07.2026, 05.29 Uhr4 LeseminutenMit kurzer Hose im Büro: Der modische Fauxpas wirkt auf einmal wie schweizerisches Understatement.Fabian Sommer / DPADie Benutzer eines durchschnittlichen SBB-Abteils liefern in diesen Tagen ein prächtiges Beispiel für den Zustand dieses Landes. Es herrscht Unordnung im sommerlichen Hitze- und Dichtestress.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erkennbar wird das schon an der Bekleidung. Es ist gar nicht mehr so trivial, die unterschiedlichen Gruppierungen korrekt einzuordnen. Pendler, Touristen, Festival-Fanatiker (das generische Maskulinum ist kein Zufall) – alles vermengt sich zu einem undefinierbaren Gemisch. Selbst in der ersten Klasse. Bei den Schweizerischen Bundesbahnen gibt es keine Stände mehr. Wofür stehen wir noch?Der moderne Schweizer lässt sich nicht mehr gerne etwas vorschreiben. Nicht einmal mehr in seiner Rolle als Angestellter. «Tippinpoint» machte kürzlich publik, dass Gianfranco Lot, Schweizer Landespräsident von Swiss Re, den männlichen Kollegen in einer E-Mail geschrieben hat: «Shorts are for weekends . . .»Das sei nicht so gut angekommen, berichtete das Wirtschaftsportal, die Mitarbeiter hätten den Hinweis als «paternalistische Ermahnung zu einer Kleiderordnung» empfunden, «die es im Konzern eigentlich gar nicht gibt». Heute dominiert eine Anything-goes-Mentalität. Und verstärkt den mittelprächtigen helvetischen Geschmack in diesem Jahrtausend.Zu grosse Anzüge, zu kurze SockenJeroen van Rooijen, der «Modepapst» («Blick») der Schweiz, sagte schon vor über einem Jahrzehnt, dass das Land kein «modisches Profil» habe.Selbst der «Schweizer Businessman» trage nur «mittelgute» und «mittelgraue» Anzüge, immer eine Nummer zu gross, wie van Rooijen das beschrieb, kombiniert mit zu kurzen Socken und Schuhen mit fester Gummisohle.Der «Schweizer Freizeittourist» glänze mit kurzärmligen Hemden und Dreiviertelhosen. Und stets dabei: ein Rucksack.Besser ist es nicht geworden seither. Manchmal lässt sich nicht einmal mehr unterscheiden, ob die Kleidung jene eines Bünzli oder eines Hipsters ist. Konnte man früher wenigstens noch am Schuhwerk erahnen, ob jemand ins Bundeshaus oder in die Badi geht, herrscht heute Einförmigkeit.Typisch Schweiz, dass es ein Sport- und Laufschuh ist, der den Alltag prägt. Überall sieht man das On-Schuhwerk, ob bei Topmanagern und Bundesräten, Wandergruppen (Status: pensioniert) oder Irgendwas-mit-Kommunikation-Studenten (Status: Praktikum). Bei Politikern wird das wenigstens noch gelobt, vor allem im Boulevard: als Schweizer Bodenständigkeit.Bei hochbezahlten Führungskräften wirken (weisse) Sneakers dagegen eher wie eine Anbiederung an die Generation Z. Wirtschaftsmagazine widmen dem Thema ganze Ausgaben; sie philosophieren darüber, was sich ziemt und was nicht.Im «Tages-Anzeiger» sagte Tanja Herrmann, Studiengangsleiterin für Marketingstrategie an der Hochschule für Wirtschaft Zürich: «Für Junge in der Schweiz ist On eine Rentnermarke.»Man wird den Eindruck nicht los, dass es in diesem Fall ordentlich viele Pensionierte unter 50 geben müsste.Ist eine Krawatte zu reaktionär?Selbst bürgerlich-bewahrende Kräfte haben ihren Strukturkonservatismus weitgehend aufgegeben. Dieser Typus trägt womöglich eher Künzli als On. Und würde sich wohl weniger als cool und eher als lässig beschreiben. Ein schnittiger Gesundheitsschuh-Pionier, der sich in der Gesellschaft festgesetzt hat, ist immerhin auch ein Statement.Vielleicht hat sich diese Vorliebe in den Köpfen festgesetzt, weil man sich in der Schweiz nicht verdächtig machen will. Mode ist politisch. Aber selbst ein Künzli-Schuh ist heikel. War die Marke früher einfach «Kult», droht nun der «Musk-Effekt», wie der «Blick» berichtete.Weil sich Elon Musk nun politisch rechts äussert, geben Tesla-Fahrer gerne bekannt: «Ich kaufte meinen Tesla, bevor Elon verrückt wurde.» Künzli gehört Roberto Martullo, dem Ehemann von Magdalena Martullo-Blocher. Er hat die Marke zwar gerettet, verdächtig bleibt er trotzdem.Trägt auch darum kaum einer mehr selbstbewusst Krawatte, weil sofort der Vorwurf kommen könnte: Der ist ein bisschen gar reaktionär?Wo ist die «männliche Sexyness»?Dabei war die Schweiz nicht immer modisch abgehängt. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts war Zürich eines der wichtigsten Produktionszentren für «qualitativ hochwertige Krawattenstoffe, die in alle Welt exportiert werden», wie das Landesmuseum in den Jahren 2014 und 2015 in einer grossen Ausstellung zeigte.Von den «Zeugnissen» dieses einst «wichtigen Wirtschaftszweiges» übrig geblieben sind jedoch nur die Archive der «bedeutendsten Schweizer Krawattenstoffproduzenten» im Nationalmuseum.Die Macherinnen der Ausstellung betonten zwar noch, dass auch jüngere Generationen wieder zunehmend Krawatte trügen. Mehr als eine Dekade später ist davon allerdings wenig zu sehen.Die Wissenschaft sieht zumindest zarte Verbesserungsansätze. Ulrike Langbein, die an der Universität Basel den Studienschwerpunkt Kulturanthropologie der Mode entwickelte, hat erforscht, dass sich gerade bei der Männermode etwas getan hat. Aufgrund der Migration. Die eher traditionell gekleideten Schweizer kämen vermehrt mit italienischer oder türkischer Mode in Kontakt. «Männliche Sexyness» gebe es nun sogar bei uns, «obschon der Drang, sich modisch auszutoben, bekanntlich nicht besonders stark ausgeprägt ist».Im gemeinen SBB-Abteil ist der «Mister» aber noch immer eine Species rara. Und ob das Land die «zahlreichen Barbershops», die Langbein als Beispiel nennt, wirklich als Gewinn sieht?Die Schweiz setzt auf «funktionalen Schrebergarten-Chic»Die Schweizer Modeszene bietet auch wenig Gegenwehr. In der NZZ wurde im vergangenen Jahr bilanziert, dass sie es verstehe, «Gefühle im Keim zu ersticken». Zu klein, zu wenig mutig, zu wenig Geld. Talente gehen ins Ausland. Nicht einmal, weil sie unpatriotisch wären. Sie setzen durchaus auf «Swissness»; nicht auf Schweizerkreuze wie auf On-Schuhen zwar, dafür auf «funktionalen Schrebergarten-Chic». Das wiederum passt ganz gut zum Chrüsimüsi in den SBB-Zügen.Solange überhaupt noch etwas Stoff getragen wird, darf man womöglich sogar froh sein. Die nackte Haut wird im öffentlichen Raum präsenter; auch an Körperteilen, wo durchaus Vorsicht geboten wäre. Doch selbst auf Kleidung ist – manchmal ganz bewusst – nicht mehr Verlass. Überall schimmert es durch. Das Pendlerorgan «20 Minuten» hat den «Sommer-Fauxpas» aufgrund luftiger Kleider erkannt – und fragt einigermassen besorgt: «Ansprechen, wenn man die Unterhose sieht: übergriffig oder nett?» Eine Strassenumfrage muss es richten. Doch das Volk ist indifferent.Aus dieser Frage resultieren auch Gewinner: Eine kurze Hose im Zug (oder im Büro) wirkt auf einmal wie schweizerisches Understatement. Und ein Künzli-Schuh elegant.Passend zum Artikel
On is cool, kurze Hosen gehen auch im Büro. Eine Stilkritik über die Schweiz
Eine kleine Stilkritik über die Sommerferien-Schweiz.









