Klimatisiert die Büros! Warum das Land kühle Köpfe brauchtGanze Volkswirtschaften verdanken ihren Aufstieg wohltemperierten Arbeitsplätzen. Nur in Schweizer Büros wird noch immer tapfer geschwitzt. Ein Plädoyer für mehr Coolness.27.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenStrategien gegen die Hitze? Klimaanlagen gehören oft nicht dazu.Ute Grabowsky / ImagoIn Schweizer Büros gibt es zwei Jahreszeiten. Die eine dauert ungefähr elf Monate. In ihr arbeitet man. Die andere beginnt, sobald das Thermometer über 30 Grad steigt. Dann arbeitet man nicht mehr. Man siedet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die extreme Hitze dieser Tage bestimmt den Arbeitstag. Die Kollegin reisst das Fenster auf, der Kollege schliesst es wieder. Das Facility-Management stellt einen Ventilator hin. Und noch einen. Es nützt alles nichts. Die Hemden kleben am Bauch, die Haare im Nacken, und mit jedem Grad Celsius denkt es sich ein bisschen langsamer.Spätestens dann sind sich für einmal alle einig: Um Himmels willen, klimatisiert die Büros!Hitzige Debatten um kühle RäumeDer Bund schätzt, dass 40 Prozent der Flächen in Altersheimen, Spitälern, Büros, Restaurants, Kinos und Schalterhallen klimatisiert sind. Detailliertere Zahlen fehlen. Man kann daraus aber immerhin ableiten, dass wohl mehr als die Hälfte aller Büroangestellten auch in diesem Sommer ohne Kühlung am Schreibtisch sitzt.Es ist bemerkenswert, wie tapfer die Schweizer schwitzen. Aber sie sind nicht allein.Frankreich macht aus der Hitze einen Kulturkampf. Im Land, das am Dienstag den heissesten Tag seit Messbeginn erlebte, warf Marine Le Pen linken Parteien und Umweltaktivisten vor, sich auf Kosten der öffentlichen Gesundheit ideologisch gegen Klimaanlagen auszusprechen.In Grossbritannien meldeten sich Tausende Angestellte zu einem Hitzestreik, nachdem Gewerkschaften erfolglos eine gesetzliche Höchsttemperatur am Arbeitsplatz gefordert hatten. Selbst im Land des Regens wird inzwischen darüber gestritten, wann ein Büro zu warm zum Arbeiten ist.In Deutschland wiederum, wo am Wochenende bis zu 40 Grad erwartet werden, empfiehlt das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit, Teppiche einzurollen und Elektrogeräte auszuschalten. Von Klimaanlagen rät es ab. Die Hitze soll bekämpft werden, nur bitte nicht durch Kühlung.Auch in der Schweiz tut sich etwas. Ein bisschen zumindest. Der GLP-Nationalrat Patrick Hässig hat vergangene Woche einen Vorstoss eingereicht und will vom Bundesrat wissen, weshalb Klimaanlagen trotz häufigeren Hitzewellen kaum eine Rolle spielen. Und ob Kühlung nicht auch volkswirtschaftlich sinnvoll wäre.Die Antwort dürfte ernüchternd ausfallen. Klimaanlagen stellen für das Bundesamt für Energie noch immer die letzte Option dar. Priorität haben «bauliche und passive Massnahmen wie Isolation, Verschattung und nächtliches Lüften». Das klingt vernünftig. Aber es verkennt die Realität.Mit Klimaanlagen zum WohlstandUm mehr Wohlwollen gegenüber der Klimaanlage zu schaffen, hilft vielleicht ein Blick zurück. Denn sobald der Mensch lernte, die Temperatur seiner Umgebung nach unten zu regeln, ging es mit ihm bergauf. Singapurs erster Premierminister Lee Kuan Yew bezeichnete die Klimaanlage gar als eine der grossen Erfindungen der Moderne. Sie habe, sagte er 1999, «das Wesen der Zivilisation verändert». Durch sie wurden in den Tropen jene Arbeitsbedingungen geschaffen, die Produktivität, Wohlstand und wirtschaftlichen Aufstieg überhaupt erst ermöglichten.Ohne Klimaanlagen wären Orte wie Singapur, Dubai oder Hongkong nicht zu den Wirtschaftszentren geworden, die sie heute sind. Ein Unternehmen, das in den Tropen oder der Wüste Software entwickelt, braucht nicht bloss Talent und Kapital. Es braucht Arbeitsplätze, an denen seine Angestellten nicht permanent mit dem Kühlen des eigenen Körpers beschäftigt sind.Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sinken Konzentration und Denkleistung bei Raumtemperaturen über 26 Grad, und ab 28 Grad setzt ein Leistungsabfall ein. Das überrascht nicht. Das Gehirn ist ein hitzeempfindliches Organ, deshalb tragen wir es hoch oben, an exponierter Stelle: damit es kühl bleibt.Ein gesetzliches Recht auf Hitzefrei gibt es in der Schweiz trotzdem nicht – weder auf dem Bau noch im Büro. Nur Schwangere und Stillende dürfen ab 28 Grad Raumtemperatur der Arbeit fernbleiben. Alle anderen werden ihrem Schicksal überlassen. Möge sich der Kreislauf irgendwie an den Klimawandel gewöhnen.Die Börse mag’s kühlEs ist ein merkwürdiger Widerspruch. Unternehmen investieren Millionen in künstliche Intelligenz und digitale Assistenten, um ihren Angestellten täglich ein paar Minuten Arbeit abzunehmen. Gleichzeitig akzeptieren sie, dass diese denselben Effizienzgewinn im Hochsommer wieder ausschwitzen.Der Kanton Zürich rechnet für die nächsten Jahre aufgrund starker Hitzeperioden mit jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von bis zu 245 Millionen Franken. Und die Allianz gab kürzlich eine Studie heraus, wonach sich die finanziellen Schäden in Deutschland bis 2030 auf 115 Milliarden Euro summieren könnten, wenn sich die Hitzewellen der vergangenen Jahre wiederholen. Problematisch ist die doppelte Belastung für Unternehmen: Steigende Temperaturen senken die Produktivität, während gleichzeitig die Energiekosten steigen.Es gibt gute Gründe, die gegen einen Einsatz von Klimaanlagen sprechen. Sie verbrauchen Energie. Schlechte oder veraltete Geräte belasten das Klima. Niemand verlangt amerikanische Verhältnisse, bei denen man im Hochsommer mit Pullover im Restaurant sitzt. Aber zwischen Tiefkühltruhe und Tropenhaus liegen bekanntlich ein paar Grad.Moderne Anlagen arbeiten effizient. Werden sie mit erneuerbarem Strom betrieben und vernünftig eingestellt – auf 25 statt auf 19 Grad –, dann sind sie auch kein ökologischer Wahnsinn. Sie sind schlicht Infrastruktur. So wie ein guter Bürostuhl. Oder schnelles Internet.An den Börsen scheint man das verstanden zu haben. Anleger investieren massiv in Hersteller von Klima- und Kühlsystemen. Sie wetten darauf, dass eine wärmere Welt mehr Kühlung braucht: weil der Klimawandel eine Hitzeperiode nach der anderen mit sich bringt und weil riesige Rechenzentren mehr industrielle Kühlsysteme benötigen.Vielleicht werden Klimaanlagen auch in hiesigen Büros eines Tages selbstverständlich sein. Bis dahin schwitzen die Schweizer weiter. Mit gutem Gewissen.Passend zum Artikel
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Ganze Volkswirtschaften verdanken ihren Aufstieg wohltemperierten Arbeitsplätzen. Nur in Schweizer Büros wird noch immer tapfer geschwitzt. Ein Plädoyer für mehr Coolness.















