In St. Moritz zeigt sich, was die Schweiz gern verdrängt:Wie gut sie von dem Geld lebt, das sie verachtet.Peer Teuwsen (Text), Lois Hechenblaikner (Bilder)05.07.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenSt. Moritz ist hässlich, das glaubte auch der Autor dieses Textes, bevor er sein Buch «Das reichste Dorf der Welt» geschrieben hatte. Und in der Tat ist es bizarr, dass sich dieses Städtchen, das sich offiziell immer noch als Dorf bezeichnet, auch wenn hier zu den Spitzenzeiten zwischen Weihnachten und Neujahr bis zu 25000 Menschen leben, auch wenn hier ein- und ausgeht, was Rang und Namen oder Geld oder alles zusammen hat, auch wenn es der teuerste Ort der Alpen ist –, dass sich dieses Weltdorf, einigen wir uns doch auf diesen Begriff, einen Empfang erlaubt, der erstaunlich abschreckend oder zumindest wenig einladend ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vom Bahnhof geht es durch eine Parkgarage namens Serletta eine Rolltreppe hoch, rechts das Projekt eines Wiederaufbaus des 1944 abgebrannten riesigen Grand-Hotels, das seit über zehn Jahren nicht vom Fleck kommt, dann nach links auf einem schmalen Trottoir am Hotel Badrutt’s Palace vorbei, wo die teuersten Schlitten vor der Tür aufgereiht sind, an dem sich Ivana Trump ein paar Tage nach ihrer Abreise erkundigte, ob diese 40000 Franken, die sie auf dem Nachttischchen in ihrem Zimmer vergessen haben wollte, noch vorhanden seien. Man teilte ihr mit Bedauern mit, dass kein Geld liegen geblieben sei, worauf Frau Trump, die 2022 verstorbene Ex-Frau des heutigen US-Präsidenten, beschied: «Na, egal, macht nichts.»Suvretta, 2019.Vis-à-vis des Hotels Palace, 2024.«Egal» ist hier ein wichtiges Wort. Weiter geht es auf engen Gehsteigen vorbei an Luxusmodeläden, aber auch leerstehenden Häusern, über den Schulhausplatz in die Via Maistra, die Hauptstrasse. Überall und immer muss man aufpassen, nicht überfahren zu werden. Dass der Verkehr bis heute nicht aus diesem Erholungsmekka der Reichen und der Schönen verbannt worden ist, kann man fast nicht glauben.Vielleicht hat es mit dem Umstand zu tun, dass man seine edle Maschine, hat man mit ihr die Berge bezwungen und es also nach ganz oben geschafft, zur Schau stellen will. Das Auto, einer der letzten Rückzugsorte des eingehegten modernen Menschen, an denen er ganz bei sich selbst sein kann, fluchen, singen, in der Nase popeln, es ist ein Ding, zu dem viele Menschen ein geradezu ekstatisches Verhältnis haben. Wie schrieb der faschistische Schriftsteller und Politiker Filippo Tommaso Marinetti 1909 in seinem «Futuristischen Manifest» über das Auto? «Wir gingen zu den drei schnaufenden Maschinen, um ihnen liebevoll ihre heissen Brüste zu streicheln.» Ein Rätsel bleibt es trotzdem, dass sich diese Faszination bis in unsere ach so aufgeklärte Zeit gehalten hat.Aber es ist sowieso vieles seltsam an St. Moritz. Vor allem anderen ist es der Umstand, dass dieser Ort in der Schweiz liegt. Denn es gibt nichts Unschweizerischeres als diesen abgelegenen Flecken in den Bündner Bergen mit knapp 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern, von denen 43 Prozent Ausländer sind, von denen wiederum rund achtzig Menschen nur pauschale Steuern bezahlen, also offiziell keiner Erwerbstätigkeit in der Schweiz nachgehen und bloss nach ihren selbst deklarierten jährlichen Lebenshaltungskosten besteuert werden. Diese Pauschale lohnt sich für Menschen, die ein steuerbares Vermögen von mindestens 20 Millionen Franken ihr eigen nennen. Es ist eine Steuer, um die Ultrareichen im Lande zu halten – und gleichzeitig eine höchst umstrittene Abgabe. Weshalb sie einige Kantone wie Basel-Stadt oder Zürich schon abgeschafft haben. Graubünden nicht. Weil sich nirgendwo in der Schweiz unter so wenigen Einwohnern so viele reiche Menschen tummeln. Die möchte man nicht verlieren, denn Geld ist schrecklich beweglich, ein Tastendruck, weg ist es. Weshalb es auch nie gelungen ist, Vermögen anständig zu versteuern. Denn anderswo gibt es immer tiefere Vermögenssteuern, oft auch gar keine wie etwa in Monaco oder Dubai.Vor dem Hotel Schweizerhof, 2026.Bally, Via Maistra, 2024.Natürlich ist der Satz, St. Moritz sei hässlich, vor allem eine Wunschvorstellung, um sich nicht der Tatsache stellen zu müssen, dass man weniger hat als die hier oben. Und nie so viel haben wird. Diese Konzentration von Reichtum auf so einem winzigen Flecken Erde ist eine Provokation, das Weltdorf St. Moritz verfügt zurzeit über ein Barvermögen von über 100 Millionen Franken. «Wir könnten heute, wenn wir dürften, die Steuern abschaffen», sagt der Gemeindepräsident und Künstler Christian Jott Jenny, der dem Ort als «Mayor», wie er sich gerne nennt, noch bis Ende 2026 vorsteht. Bislang lockt seine Gemeinde mit einer sehr tiefen Einkommenssteuer, der Steuerfuss wurde 2024 nochmals von 60 auf 55 Prozent gesenkt, 1964 verlangte die Gemeinde noch 110 Prozent der Kantonssteuer. Aber das ist nur wichtig für diejenigen, die hier auch arbeiten – und nicht bloss ihr Geld arbeiten lassen.Und das sind die wenigsten von denjenigen, die am Suvretta-Hang wohnen, einer der begehrtesten Wohnlagen der Welt. 2024 wurde dort ein Anwesen für 135 Millionen Franken verkauft, eine Summe, die selbst St. Moritz noch nie gesehen hatte. Worauf der Steuerverantwortliche der Gemeinde seine Lehrtochter innert fünf Minuten eine Rechnung über 8 Millionen Franken ausstellen liess, für die Handänderungs- und die Grundstücksgewinnsteuer. Das ist auch der Mann, der im Mai oder im Juni jeweils durch die Gänge der Gemeindeverwaltung an der Via Maistra 12 schreitet und verkündet, man habe die für das ganze Jahr budgetierten Steuereinnahmen jetzt schon erreicht. Letztere haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, von 50 Millionen auf über 88 Millionen Franken. Und man nimmt in der Finanzplanung bis 2036 an, dass dies die nächsten zehn Jahre so weitergeht.Übrigens ist der Satz, St. Moritz sei hässlich, Ansichtssache. Man muss den Blick ja nicht nach innen werfen, in dieses gepützelte Durcheinander von herrschaftlichen Häusern und vielem Unansehnlichem, diesem «Infill», wie es in der Sprache der Architekten heisst. Man kann auch nach vorne blicken, an die Kante, wo die Hotels aus der Gründerzeit des Ortes stehen, sie markieren die Bühne.Ein Engländer führt seine Begeisterung für die Schweiz spazieren, White Turf 2025.Ja, wer es sich einmal im Liegestuhl auf der dreissig Quadratmeter grossen Terrasse einer «Palace»-Suite gemütlich gemacht hat, der weiss davon ein herrlich Lied zu singen. Ein Panorama, wie es dies wohl kein zweites Mal auf der Welt gibt. Eingefasst wie eine Schale liegt im Goldenen Schnitt der See, je nach Jahreszeit in weissen, blauen, silbernen Farbtönen gekleidet, dahinter erhebt sich der unverbaute Piz da Staz, auch sommers mit einer Schneekappe grüssend. Dazu kommt das Licht, dieses Licht, das viele Dichter schon beschrieben und viele Maler schon gemalt haben. «Weissglühend» nannte es Giovanni Segantini, der in Maloja sein Atelier hatte.«Wir könnten heute, wenn wir dürften, die Steuern abschaffen», sagt Christian Jott Jenny, der Gemeindepräsident.Es ist eine luxuriöse Ruhe, die die Seele und den Geist streichelt. Weil hier die Natur eine Ästhetik geschaffen hat, die nicht zu kopieren, aber deren Anblick mit Geld zu kaufen ist. «Hier ist es heller als anderswo – im wörtlichen wie im geistigen Sinne», wie Friedrich Nietzsche seine Erfahrungen von 1881 bis 1888 im Oberengadin formulierte.Gottlob, muss man sagen, kann nicht einmal hier jemand Berge versetzen. Verlöre St. Moritz sein einzigartiges Panorama, es wäre am Ende, die Bühne abgebrochen, entsorgt, nicht zu rezyklieren.White Turf, 2018.Indische Hochzeit, Sankt-Moritzer-See, 2019.Wie vieles in der Schweiz, sogar das Land selbst, dessen politische Verfasstheit es dem Franzosen Napoleon Bonaparte zu verdanken hat, ist auch St. Moritz als Marke keine Erfindung seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Sie ist aus der Langeweile geboren, der Langeweile seiner britischen Sommergäste, die vom Hotelier Johannes Badrutt jun., der das «Kulm» von einer Pension zum Luxushotel erweitert hatte, mit einer Wette auch im Winter hierhergelockt wurden. Er soll ihnen versprochen haben, sie könnten hier oben auch im Winter sonnenbaden. Badrutt empfing, so heisst es, die Engländer tatsächlich im T-Shirt.Man hätte es halt gerne, dass St. Moritz hässlich ist. Weil die Welt immer hässlicher, immer ungerechter wird. Das obere eine Prozent der Menschheit besitzt heute so viel wie die untere Hälfte der Menschheit zusammen. Und die hier oben, die stellen diese Ungerechtigkeit auch noch zur Schau. Das mag man nicht. Und fühlt sich doch angezogen. In Gruppen fallen sie ein in dieses Weltdörfchen, den Wimpelmann mit Megafon voraus, um zu schauen, was sie nicht haben, und um sich die Bestätigung ihrer Vorurteile zu holen, dass die hier aus Fleisch und Blut sind – und die meisten ganz schön dumm, wenigstens primitiv. Was natürlich nur schon deshalb falsch ist, weil man immer zuerst in den Spiegel schauen sollte, bevor man ein Urteil über andere fällt, die man gar nicht kennt.Ja, viele Menschen sehnen sich nach Reichtum. Weil sie denken, ihr Leben, dieser Marathon, wäre leichter, wenn sie mehr als genug hätten. Auch wenn sie in ihrem Sehnen ihren Irrtum schon ahnen, wissend um die banale Tatsache, dass Geld allein nicht glücklich macht. Und dass, ab einem Vermögen von zehn Millionen Franken, das Glücksempfinden nicht mehr gesteigert werden kann, ab da beginnt der Stress, weil man damit zu viel zu tun und zu viel zu verlieren hat, das ist wissenschaftlich erwiesen.Event-Gebäude der Automarke Audi, Ski-Weltmeisterschaften, 2017.Aber man will oben mitschwimmen, so ist der Mensch. Status heisst die Währung, für die die meisten Menschen sich Tag für Tag ein Bein ausreissen. Auch das ist ein Grund, warum Regelungen, die Reichen härter, einige würden sagen: gerechter, zu besteuern, in der Schweiz wohl niemals Erfolg haben werden. Denn die Menschen wollen sich das Leben, das sie einst, vielleicht, vielleicht, vielleicht in St. Moritz, führen werden, nicht ohne Not verbauen. Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel hat einmal gesagt, der Schweizer Arbeiter neide seinem Chef nicht den Mercedes, denn irgendwo in seinem Herzen glaube er daran, irgendwann auch einen solchen zu fahren. Damit hat er ein passendes Bild für die psychische Natur der Einheimischen gefunden. Und auch für das Erfolgsgeheimnis dieses Landes, in dem, im Vergleich zu den umliegenden Ländern, immer noch mehr gearbeitet wird als im Rest Europas, weil es sich als Steigbügelhalter für das Glück der anderen versteht (und dabei das daraus resultierende eigene Glück lieber unter den Scheffel stellt).St. Moritz ist ein Fallbeispiel für unsere Heuchelei im Umgang mit Menschen, die wir «Superreiche» nennen.St. Moritz ist ein Fallbeispiel für unsere Hassliebe zum Reichtum. Man könnte auch sagen: unsere Heuchelei im Umgang mit den Menschen, die wir «Superreiche» nennen. Im Wort steckt unsere Bewunderung, «super» ist nicht unbedingt als Schimpfwort bekannt. Das Land lebt auch von den reichen Menschen, die meisten von ihnen zahlen Steuern, und davon nicht wenig. Das obere eine Prozent der Menschen, die in der Schweiz einer Erwerbsarbeit nachgehen, bezahlt rund 25 Prozent der progressiv gestalteten Einkommensteuer, obwohl sie «nur» wenig mehr als 10 Prozent aller Einkommen erzielen. Bei der Vermögenssteuer bezahlen die Ultrareichen über die Hälfte, das sind fast 5 Milliarden Franken. Zudem tragen sie viel dazu bei, dass die AHV, die Alters- und Hinterbliebenenversicherung, einigermassen im Lot ist. Die Beiträge zu diesem Vorsorgesystem sind nicht gedeckelt. Wer viel verdient, zahlt also viel mehr in die AHV ein, als er nach der Pensionierung bekommt. Und die Reichen schaffen Arbeitsplätze und spenden.Baustelle beim «Palace», 2023.Influencerin vor Prada-Geschäft, 2026.Natürlich kann man dies auch anders sehen. Man kann sagen, die Vermögenssteuer sei lächerlich tief. Und dass es in den meisten Kantonen keine Erbschaftssteuer gebe, sei eine Ungerechtigkeit sondergleichen, ist es doch eine Tatsache, dass von den rund 100 Milliarden, die in der Schweiz pro Jahr vererbt werden, der Löwenanteil denen zufällt, die ohnehin schon viel haben. Dieser dynastische Reichtum, der von Generation zu Generation weitergegeben wird und für den die meisten wenig bis nichts geleistet haben, zementiere gesellschaftliche Strukturen. Es gibt hier Familien, die haben seit Jahrhunderten das Sagen.Man kann es mit Fug und Recht stossend finden, dass drei Viertel des Vermögens der Reichen vererbt ist, dass 60 Prozent des Geldes, das die 300 reichsten Menschen der Schweiz im Jahr 2025 besassen, aus Erbschaften stammt, Geld also, für das sie gar nichts geleistet haben, ausser in die richtige Familie geboren worden zu sein. Falsch: Auch dafür haben sie nichts geleistet. Das widerspricht grundsätzlich dem liberalen Glauben an eine Meritokratie, in der zu gesellschaftlichem Ansehen gelangt, wer sich dies durch seine Leistungen verdient hat. Man kann mit Erstaunen feststellen, dass Leistung heute weniger zählt als finanzielles Vermögen. Ja, das alles kann man sagen und beklagen.Einfach ist unser Verhältnis zum Reichtum jedenfalls nicht. Da ist nichts Entspanntes, gerade auch weil wir alle im Kapitalismus gross geworden – und so erzogen sind, dass wir meinen, unser jeweiliger Kontostand entscheide über Glück und Verderben unserer selbst.Hier feiert man das Leben, um sich der eigenen Erfolge zu vergewissern – aber auch, um die eigenen Ängste zu übertönen.Ja, man kann staunen über St. Moritz. Was für eine riesige, funkelnde, opulente Bühne, die der Mensch in die Oberengadiner Naturkulisse hineingestellt hat, auf der sich dieses Theater, das wir das Leben nennen, abspielt. Was für ein Kraftakt einer Spezies, die noch gar nicht so lange auf diesem Planeten ihr Unwesen treibt! Er zeugt doch von einem grossartigen, unbändigen, unbedingten Willen, zu zeigen, wozu der Mensch fähig ist – und wozu leider auch ganz und gar nicht.Es ist beeindruckend, mit welcher Aufopferung hier die Einheimischen (oder diejenigen, die es geworden sind) Tag und Nacht einer Klasse zuarbeiten, zu der sie nie gehören werden. Und es ist auch fürchterlich, mitzuerleben, wie krachend sie meistens scheitern, wenn sie der Versuchung erliegen, mittun zu wollen.St. Moritz ist Spiegel einer Welt, die aus den Fugen ist. Es wird härter, gewalttätiger, dunkler, man liest, hört und sieht es jeden Tag. Manche sprechen von einem Rückfall in vergangen geglaubte Zeiten, von einer neuen Oligarchie, auch in demokratischen Ländern, von einer Moderne, die an ihr Ende gekommen sei, weil es kein Versprechen auf eine bessere Zukunft mehr gebe, eine Grundbedingung dafür, den Marathon des Lebens unter die Füsse zu nehmen. Männer, die sich für die Herren der Welt halten, kommen an die Macht, wütend nach oben gespült oder sogar gewählt von denen, die keinen Sinn mehr in Ausgleich und Besonnenheit sehen. In St. Moritz feiert man das Leben als rauschendes Fest, um sich der eigenen Erfolge zu vergewissern – aber auch, um die eigenen Ängste zu übertönen.Bis 2030, so schätzen die Vereinten Nationen, werden jährlich 1,8 Milliarden Touristen auf der Welt unterwegs sein. Die meisten von ihnen mehrmals. Das sind doppelt so viele wie 2015. Ein Viertel aller menschengemachten CO2-Emissionen stammt dann vom Tourismus. Es ist, als reise man, weil es kein Morgen geben wird. Das wird, wir wissen es und verdrängen es, ein schlechtes Ende haben, und zwar für alle.So wird es enger auf der Welt, in jeder Hinsicht. An diesem Getümmel der Massen, dieser verzweifelten Suche nach dem Erlebnis, nimmt es nicht teil, das eine Prozent der Weltbevölkerung, das sich alles kaufen kann, was mit Geld zu haben ist, dieses eine Prozent, das fast gar nichts falsch machen kann. Man verdient sein Geld eigentlich im Schlaf.In diesen Sphären geht es gar nicht mehr um Geld. Dies kann man an Kleinigkeiten beobachten. Etwa daran, dass es im St. Moritzer Hotel Carlton, wo kein Zimmer unter 1200 Franken die Nacht zu haben ist, wo man mit dem Angebot «Rent a Mountain» den Corvatsch für einen Abend ganz allein hat: «Von 19 bis 22 Uhr steht Ihnen die beleuchtete Abfahrt samt privater Gondel exklusiv zur Verfügung. Der Weg zur Talstation? Von Fackeln gesäumt, mit rotem Teppich. Der Transfer: ein privater Shuttle direkt vom Hotel.» In diesem Hotel, in dem «Aleksandra, unsere Outdoor-Butlerin» die Gäste begleitet, gibt es jetzt ein Restaurant, den Italiener «Da Vittorio», zwei Michelin-Sterne, 18 Gault-Millau-Punkte, in dem keine Vorspeise mehr unter 100 Franken zu haben ist ausser den Artischocken im Blätterteig für 75 Franken. Wo der Biserno Il Pino aus der Toskana, Jahrgang 2006, online für 40 Euro und im Grossisten-Einkauf noch günstiger zu kaufen, 500 Franken kostet. Solch eine Marge kann man nur erzielen, wenn das Geld gar nicht mehr wichtig ist, wenn es nur darum geht, an diesem Ort zu sein.Ist das alles gut? Kann es sich die Schweiz, kann es sich die Welt wirklich leisten, Sonderzonen des exorbitanten Reichtums zu errichten? Und das in Zeiten, in denen die Kluft zwischen denen da ganz oben, die gesamtgesellschaftliche Fragen immer deutlicher grossräumig umfahren (oder haben Sie Elon Musk schon einmal darüber reden gehört, wie er etwas zurückgeben könnte, um globales Leid zu mildern?), und dem Rest immer grösser wird.Privater Reichtum existiert ausserhalb und parallel zu unseren demokratischen Gesellschaften, leider immer häufiger, ohne Verantwortung zu übernehmen, sondern um politische Macht auszuüben. Ja, wir leben im Schatten einer weltweiten Plutokratie. Gut kann das nicht sein, zeigt die Geschichte doch, dass solche sich zuspitzenden Entwicklungen zu sozialen Unruhen und gar Umstürzen führen können. Das kann niemandem egal sein, am wenigsten den Überreichen, denn sie gefährden ihre sorglose Existenz, wenn es zu viel Ungleichheit auf der Welt gibt.Reiche bellen nicht!Einige, vor allem die Touristiker, rühmen St. Moritz, es habe hier in allen Preisklassen etwas, vom Campingplatz bis zu den Luxushäusern, alles da. Das mag sein, aber man lügt sich auch in die Tasche, wenn man so spricht. Das Günstige für Normalsterbliche verschwindet langsam, aber stetig. Weil der Ort dafür, wenn man einmal ganz ehrlich wäre, eigentlich gar nicht mehr vorgesehen ist – und weil er es im Grunde genommen auch gar nicht mehr will. Notdürftig schafft der Staat ein bisschen günstigeren Wohnraum, damit die Dienstleistungsgesellschaft, die vor allem aus auffallend vielen Portugiesinnen und Portugiesen besteht, nicht vollends aus der Balance gerät. Das sind Tropfen auf den heissen Stein, «Pflästlerlipolitik», wie man in der Schweiz sagt.Doch allmählich zieht sich das Weltdorf zurück aus der Öffentlichkeit. Die Zeit ist längst vorbei, in der man die Wildheit der Reichen schamlos beäugen konnte. Einige Hotelhallen sind nur noch den eigenen Gästen vorbehalten, jeder Winkel wird mit Kameras überwacht, überall sind Schranken, Fahrverbote und Privatstrassen. Das krasse, ausgelassene, vielleicht gar sonst verbotene Leben, es hat sich verkrochen in die Privatgemächer. Es scheint gefährlicher geworden zu sein. Man fragt sich bereits, was an dieser Einigelung so erstrebenswert sein soll.Und doch, der Neid auf diejenigen in diesem Weltdorf, er lässt nicht nach. Ja, die Sehnsucht nach Reichtum, sie stirbt zuletzt. Die erfolgreiche Schweizer Band Hecht, die sogar das Zürcher Stadion Letzigrund füllt, hat 2025 einen Anti-St.-Moritz-Song veröffentlicht: «Ech wott immer no gar nüt / vo all üchne Spiilzüüg / ech gönn üch alles, alles, rich kids / aber ech trinke lieber s Läbe lang Ankerbier / als nur ei Nacht meh, ei Nacht meh in St. Moritz». Was auf Hochdeutsch so viel heisst wie: Ich trinke lieber ein Leben lang Bier, als dass ich nochmals eine Nacht in St. Moritz verbringen möchte.Christian Jott Jenny lud die Band postwendend ans nächste Festival da Jazz ein, das der «Mayor» 2008 persönlich gegründet hat. Das Hecht-Management schickte ebenso blitzschnell die Bedingungen: 100000 Franken Gage und Suiten für alle im Luxushotel. Für ein einziges Konzert. Auch die Feinde von St. Moritz nehmen, was sie kriegen können. Aber das war sogar St. Moritz zu viel des Guten.Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus dem Buch «Das reichste Dorf der Welt. Hinter den Kulissen von St. Moritz» von Peer Teuwsen und Lois Hechenblaikner. Es erscheint am 22. Juli im Echtzeit-Verlag. Leserinnen und Leser der «NZZ am Sonntag» können das Buch mit 15 Prozent Rabatt hier vorbestellen: echtzeit.ch/nzzamsonntagEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum ArtikelFür Sie empfohlen