KommentarWährend die Städte zunehmend in eine Parallelwelt abheben, positioniert sich das Land als Gegenpol dazu. Keine gute Entwicklung für einen Staat, der auf gegenseitiges Verständnis angewiesen ist.05.07.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenAbdriften in eine Parallelwelt: Ein Mann lässt sich beim Stadtberner Marzilibad in der Aare treiben.Lukas Lehmann / KeystoneIhre Attraktivität ist gross, ihr Hang zur Tollerei ebenso. So gerne wir in den Städten leben, so sehr sorgen wir uns bisweilen um den Verbleib des gesunden Menschenverstandes in ihnen. Auch diese Woche bot einiges an Anschauungsunterricht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zum Beispiel im Berner Marzilibad, wo eine Transfrau mit ihrem männlichen Körper im FKK-Bereich für Frauen für Aufruhr sorgte. Anstatt Verständnis für die teilweise irritierten Frauen aufzubringen, entschuldigt sich die Stadt in aller Form bei der Transfrau für deren Wegweisung, verbreitet einen Leitfaden und schickt das Badipersonal zwecks gezielter Schulung zu einem Präsenz- und Präventionsteam. Bern macht damit einen weiteren Schritt hin zur «Überwindung der Geschlechterbinarität», wie es eine SP-Stadträtin formuliert. Und opfert dafür einen geschützten Raum für Frauen.In der Stadt Zürich erhält derweil das Verbot von kommerzieller Werbung auf öffentlichem Grund immer mehr Unterstützung. Neuerdings erwärmen sich auch Forscher der staatlich finanzierten Hochschule für Angewandte Wissenschaften für die Links-aussen-Idee, die im Stadtparlament eine Mehrheit gefunden hat. Mit einem Projekt in Wiedikon wollen die Wissenschafter ergründen, wie «sich der öffentliche Raum ohne Konsumdruck anfühlt». Die Quartierbewohner dürften den Tag herbeisehnen, an dem sie befreit von diesem Druck den aufrechten Gang wiedererlangen.Schlimmer als der Werbung ergeht es in Zürich nur noch dem Automobil: So gelangte ein AL-Vertreter diese Woche im Stadtparlament zu der Erkenntnis: «Strassenräume sind nicht primär für das Bewegen und das Lagern von privaten Autos da» – und stiess mit der Idee, die Stadt weitgehend autofrei zu machen, auf breite Zustimmung. Die Velo-Stadträtin Simone Brander schwärmte von einer Rückkehr zu früheren Verhältnissen und darf nun das Ansinnen weiter konkretisieren.Die Schweizer Städte sind eigentlich die Fortschrittsmotoren dieses Landes; wirtschaftlich, gesellschaftspolitisch und kulturell. Doch sie entwickeln zunehmend einen pädagogischen Eifer, wie der ideale Mensch zu sein hat – zum Beispiel geschlechts-, werbe- und autobefreit. Mit Fortschritt hat das nichts mehr zu tun.Vielmehr drohen die Städte mit solch kauzigen Einfällen in eine Parallelwelt abzudriften. Und damit wiederum jenen Kräften Auftrieb zu geben, die den ländlichen Raum noch stärker als Gegenpol zu den Städten etablieren wollen. Bei nationalen Abstimmungen zeigt sich dieses Auseinanderdriften von Stadt und Land inzwischen verstärkt.Solche Fliehkräfte, angestossen von radikalen Ideen hüben wie drüben, sind keine gute Entwicklung für ein Land, das trotz verschiedenen Konfliktlinien in seinem Innern bisher über einen erstaunlich guten gesellschaftlichen Kitt verfügte. Wir sollten schauen, dass er nicht zu porös wird.