KommentarDie Städte werden dörflicher und das Land verstädtert – trotzdem driftet die Schweiz auseinander. Das wird zum ProblemDie Kernstädte lehnten die Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz ab, kleine Dörfer stimmten ihr zu. Das Gefühl, in der Politik dominiert zu werden, wächst auf beiden Seiten.17.06.2026, 14.54 Uhr5 LeseminutenAsphaltierer Feldweg in Urnäsch: Die Entfremdung zwischen Stadt und Land fällt dabei in eine Zeit, in der sich Lebensweisen eher annähern.Gian Ehrenzeller / KeystoneEptingen, ein Oberbaselbieter Bauerndorf mit 560 Einwohnern, einer Kirche, zwei Beizen und einer in der ganzen Schweiz bekannten Mineralquelle, liegt nur gute 20 Autominuten von Basel entfernt. Am Sonntag jedoch, als die Stimmbürgerinnen und -bürger über die Initiative gegen die 10-Millionen-Schweiz abstimmten, trennten die beiden Orte Welten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Baslerinnen und Basler schmetterten die SVP-Initiative mit drei Vierteln der Stimmen regelrecht ab, während die Eptinger mit ungefähr gleich grosser Mehrheit und Überzeugung zustimmten. Viel tiefer als hier in der Nordwestschweiz scheint der Stadt-Land-Graben nicht sein zu können.Doch es ist ein Bild, das sich an diesem Wochenende im ganzen Land zeigt: Je ländlicher die Gegend – und je geringer der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung –, desto grösser fiel die Zustimmung zur Initiative aus. Wohl stimmten auch eher ländlich geprägte Kantone wie Basel-Landschaft, Graubünden oder Jura gegen eine Obergrenze bei der Bevölkerungszahl.Doch begibt man sich tiefer in die Statistik, ist das Bild eindeutig: In den Kernstädten stimmten dem Volksbegehren laut einer Auswertung des Bundesamtes für Statistik (BfS) nur knapp 30 Prozent der Stimmenden zu, auf dem Land waren es rund doppelt so viele.«Der Abstimmungskampf hat die Polarisierung entlang der Stadt-Land-Unterschiede weiter verstärkt», konstatiert Claude Longchamp, der Doyen der Schweizer Politikwissenschafter. Und tatsächlich fielen die Unterschiede zwischen Kernstädten und ländlichen Regionen vor zwölf Jahren, als die Masseneinwanderungsinitiative das Land ähnlich spaltete, noch deutlich geringer aus.Zwar war die Zustimmung zur Begrenzung der Einwanderung in dünn besiedeltem Gebiet schon damals ähnlich hoch wie heute. Die Städte sind in Migrationsfragen seither jedoch deutlich von der SVP-Linie abgerückt. Mit der Ausdehnung der Städte wuchs und wächst zudem das Gebiet, in welchem migrationskritische Initiativen wenig Chance haben.Laut einer Sotomo-Studie aus dem Jahr 2023 sind die grösseren Städte mit über 50 000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Vergleich zur gesamten Schweiz seit 1991 generell deutlich linker geworden. An der Urne macht sich dieses Phänomen etwa beim Umweltschutz oder beim Ausbau des Sozialstaats bemerkbar. Bei Vorlagen zur Sicherheit liegt die Zustimmung in den grossen Städten im Durchschnitt sogar um 15 Prozentpunkte tiefer als im Durchschnitt der Schweiz.Älplermagronen in der «Eptinger Hütte»Das hat Folgen für die Befindlichkeit, wie eine weitere Untersuchung von 2021 zeigt: Die Landbewohner fühlen sich von den Städtern zunehmend dominiert. Der SVP-Präsident Marcel Dettling befeuert dieses Gefühl nach der Niederlage vom Wochenende deshalb ganz gezielt: Die Städte hätten das Land «wie eine Lawine einfach ausradiert», zitiert ihn SRF. Inzwischen haben auch andere Vertreter der Partei diese Ressentiments aufgenommen, um mit ein paar markigen Sprüchen gegen die Städte (und die Westschweiz) von der Niederlage abzulenken.Solche Spannungen zwischen Stadt und Land werden in der Schweiz seit den 1960er Jahren thematisiert. In den Medien tauchte der Begriff des «Stadt-Land-Grabens» Mitte der 1990er Jahre erstmals auf. An einem einzigen Abstimmungssonntag scheiterten 1994 sowohl der Kulturförderungsartikel als auch ein Bundesbeschluss über die erleichterte Einbürgerung für junge Ausländer am Ständemehr. Im Volk und insbesondere in den Städten waren dagegen beide Vorlagen auf Zustimmung gestossen. Seither gehört der Stadt-Land-Graben in der Schweiz zum festen Inventar der politischen Debatte.Die Entfremdung zwischen Stadt und Land fällt dabei in eine Zeit, in der sich die Bedürfnisse und Lebensweisen eher anzunähern scheinen: Mit den Städten der 1990er Jahre, die mit Quartieraufwertungen gegen die sogenannten AAA-Probleme (Alte, Ausländer, Arbeitslose, Arme, Abhängige) ankämpften, sind die auf entspannten Lifestyle getrimmten Zentren von heute kaum mehr vergleichbar. Die Städte sind komfortabler und gewissermassen ländlicher geworden.Mit begrünten und vom Verkehr befreiten Wohnstrassen wird für dörfliche Behaglichkeit gesorgt. An die industrielle und oftmals schmutzige Vergangenheit erinnern höchstens noch einige Backsteinwände in Szenelokalen. Lärmklagen nehmen in den gentrifizierten Stadtteilen zu, der Ärger über zu viele Emissionen des Gewerbes ebenfalls. Die Städte sind heute zwar lebenswerter, damit sind aber auch die Ansprüche gestiegen.So steigt die Wohnfläche pro Einwohner trotz Verdichtung auch in den Städten an. Dank Klimawandel wächst zudem die Sehnsucht nach Natur, statt Beton sind Wildbienen und Urban Gardening angesagt. Auch kulturell schwinden die Berührungsängste: In Basel findet Ende Juni das Eidgenössische Jodlerfest statt, das seit Wochen zum kultigen Grossevent aufgebaut wird, Älplermagronen mit Apfelmus in der «Eptinger Hütte» inklusive.Ausserhalb der City ist gleichzeitig ein gegenläufiger Trend feststellbar: Das Leben auf dem Land nähert sich demjenigen in der Stadt an. Ablesen lässt sich das nicht nur am Verlust der Bauernhöfe und an der Anpassung ans städtische Berufsleben mit neuen Pendlerströmen. Viele einstige Bauerndörfer sind zahlenmässig zu Kleinstädten geworden, und Hochhäuser schiessen auch abseits der Zentren in die Höhe. Umliegende Gemeinden werden zu Überlaufbecken für die von Wohnungsnot geplagten Städte.44 Zürcher gegen einen AppenzellerAuch die gesellschaftlichen Probleme gleichen sich damit an, von den höheren Sozialhilfequoten über die Demografie bis zum Rückgang des dörflichen Vereinslebens und einer Tendenz zur Anonymisierung. An die Stelle von Freiwilligenarbeit und Ehrenämtern treten auch in Dörfern mehr und mehr professionalisierte Dienstleistungen nach dem Vorbild von grösseren Orten. Und während die Städte in den letzten zwei Jahrzehnten an Selbstbewusstsein gewonnen haben, sind es inzwischen eher ländliche Gemeinden, die um ihre Seele und ihre Identität ringen.Dörfer wie Eptingen werden von dieser Entwicklung nicht in gleichem Mass erfasst wie die Agglomerationen. Trotz geringer Distanz und guten Verkehrsverbindungen liegen sie zu peripher. Den härter werdenden Kampf um finanzielle Mittel und um Entwicklungsperspektiven spüren aber auch sie. Das schärft Mentalitätsunterschiede, und es befördert Animositäten auf beiden Seiten. Diese Regel gilt zwar für gesellschaftliche Gräben aller Art – in Bezug auf Stadt und Land ist sie aber besonders evident.Interessanterweise verstärkt sich der Eindruck, dominiert zu werden, nämlich auch bei den Städtern: Bei Verfassungsabstimmungen hat die Stimme eines Bürgers von Appenzell Innerrhoden wegen des Ständemehrs heute rund 44-mal so viel Gewicht wie die eines Zürchers. Das verleiht der Landbevölkerung aus Sicht der Städter übermässig viel Einfluss.Weil die Bevölkerung in Kantonen mit grossen Städten zudem schneller wächst, wird die Diskrepanz zwischen Volks- und Ständemehr grösser: 1955 brauchte es 25,3 Prozent der Bevölkerung, um eine Verfassungsvorlage zum Absturz zu bringen. 2020 reichten dazu theoretisch schon 14,7 Prozent aus. Bis heute gilt zudem die Bauernlobby als besonders schlagkräftig, während sich die Städte in Bern verzetteln. Die Urbanisierung scheint am schweizerischen Politsystem fast spurlos vorbeigezogen zu sein.Wenn sich der Eindruck von Verlust an Einfluss jedoch auf beiden Seiten – Stadt und Land – verfestigt, verliert das politische System langfristig an integrativer Kraft. Es erschwert die Kompromissfindung. Es befördert die Spaltung in unversöhnliche Lager, die sich gegenseitig die Legitimität absprechen, das Land zu repräsentieren und im gemeinsamen Interesse entscheiden zu können. Das wird zum Problem.In der Debatte über die neuen EU-Verträge spielt dieser Aspekt schon jetzt eine zentrale Rolle. Der Streit darüber, ob es das Ständemehr für die Zustimmung zu den neuen Verträgen benötigt, widerspiegelt präzise diese Polarisierung zwischen Stadt und Land.Weil es um das wohl wichtigste politische Geschäft des Jahrzehnts mit weitreichenden Folgen für die Entwicklung des Landes geht, stellt dies für die Demokratie eine Herausforderung dar. Taktische Überlegungen drohen nicht nur die inhaltliche Debatte in den Hintergrund zu drängen, sondern auch das Vertrauen in die Fairness des politischen Systems zu untergraben.Auflösen lässt sich der Konflikt nicht – schon gar nicht mit schnell realisierbaren Lösungen. Es bleibt letztlich bei der alten Grundregel: In der Demokratie liegt es in der Verantwortung aller, die eigene Lebenswelt nicht als Mass aller Dinge zu verstehen.Passend zum Artikel