In der wohlgeordneten Schweiz herrscht momentan Alarm. Alles dreht sich um das Schlagwort „Chaos“: Chaos in der Politik, Chaos im Verkehr und im Gesundheitswesen, drohendes Chaos in der Wirtschaft. Die ganze Schweiz droht angeblich im Chaos zu versinken. Ausgelöst wurde dieser Krieg der Wörter durch die Volksinitiative „Keine 10-Millionen-Schweiz!“, auch Nachhaltigkeitsinitiative genannt, über die am kommenden Sonntag abgestimmt wird.Um was geht es? Seit 2002 ist die Einwohnerzahl der Schweiz um 1,7 Millionen gewachsen, Ende 2025 lebten hier offiziell 9,1 Millionen Personen, davon 27 Prozent Ausländer. Die Initiative will dieses immigrationsgetriebene rasante Wachstum bremsen. Ihr Gesetzesentwurf verlangt, dass die Wohnbevölkerung bis 2050 die Zahl von 10 Millionen nicht überschreiten darf und dass Bundesrat (die siebenköpfige Regierung) und Parlament schon bei 9,5 Millionen „Maßnahmen für eine nachhaltige Bevölkerungsentwicklung“ beschließen müssen, um die Wachstumsspirale unter Kontrolle zu bringen. Dies „insbesondere zum Schutz der Umwelt und im Interesse der dauerhaften Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Leistungsfähigkeit der Infrastrukturen, der Gesundheitsversorgung und der schweizerischen Sozialversicherungen“.Ein weitverbreitetes UnbehagenDie Initiative hat die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft aufgeschreckt, denn sie adressiert ein weitverbreitetes Unbehagen über die von ihnen jahrelang ignorierten Probleme, die die ungebremste Einwanderung im Lebensalltag der Normalbürger verursacht. Schon länger macht das Schlagwort vom „Dichtestress“ die Runde, und dass etwas daran ist, räumen selbst Gegner der Initiative ein.Mit solchen Plakaten wirbt die SVP, hier am Hauptbahnhof in Basel.dpaDie Initiative wurde von der Rechtspartei SVP lanciert, der die Personenfreizügigkeit schon immer ein Dorn im Auge war. Sie stellt mit rund 30 Prozent der Sitze im Parlament die zahlenmäßig stärkste Fraktion und lässt sich von der herzlichen Abneigung, die ihr von linksgrün bis ins bürgerliche Lager seit je entgegenschlägt, nicht irritieren. Der Streit um die 10-Millionen-Schweiz ist für sie auch ein Probelauf für die Mutter aller Schlachten, die Abstimmung über das heftig umstrittene Vertragspaket mit der EU. Das heizt die Stimmung an. Die Wirtschaftsverbände werden nervös, die seit der Credit-Suisse-Pleite ohnehin schon angeschlagene Wirtschaftspartei FDP sorgt sich um ihre bröckelnden Ränder, die Linken und Grünen empören sich über den Begriffsklau beim Wort „nachhaltig“, das bisher zu ihren Markenzeichen gehörte und nun von ihrem Gegner in viel umfassenderem Sinn interpretiert wird.Eine lupenreine FehlstrategieDie Fronten waren sofort klar: alle gegen rechts! Doch das hat sich als lupenreine Fehlstrategie erwiesen, trotz der unter Führung der Wirtschaftsverbände machtpolitisch erdrückenden Koalition von Parteien, Medien, Professoren und Amtsträgern vom Bundesrat bis hinunter zum Gemeindepräsidenten. Man setzte auf die stets erfolgreiche Methode des SVP-Bashings und übersah, dass die Initiative über alle Parteigrenzen hinweg auf Sympathie stieß. Als dann im Mai, in der heißen Phase des Abstimmungskampfs, die Initiative laut einer Umfrage vorne lag, ertönten die Warnsirenen.Da half nur noch der Holzhammer, ab sofort wurde vorwiegend mit dem Kampfbegriff „Chaos-Initiative“ hantiert. Das verächtliche, offensichtlich von PR-Beratern erfundene Etikett vergiftete die politische Auseinandersetzung nachhaltig. Das Pro-Lager reagierte postwendend und warf den Gegnern vor, mit der ungebremsten Rekrutierung billiger Arbeitskräfte aus dem Ausland selbst ein Chaos zu verursachen, keine Lösungen zu präsentieren und dem unkontrollierten, auf Dauer schädlichen Wachstum aus Egoismus einfach zuzuschauen.Man haut sie raus wie ein KartenspielerJetzt tobt in den Medien, vor allem den sozialen, der Krieg der Worte. Neben „Chaos“ machen weitere Buzzwörter die Runde: starrer Bevölkerungsdeckel, Fachkräftemangel, Wohnungsnot, Abschottung. Sie dienen nicht der Überzeugungsarbeit, sondern nur der Selbstvergewisserung der jeweiligen Sprecher. Man haut sie raus wie der Kartenspieler, der seinen Trumpf krachend auf den Tisch haut. „Tourismus gegen Chaos!“, „Ohne sie keine Pflege!“, „Wohnraum schaffen!“. Plakatweisheiten ohne argumentative Kraft.Mehrere tausend Personen demonstrieren in Zürich für mehr bezahlbaren Wohnraum, aufgenommen im April 2025dpaAls aktiver Stimmbürger habe ich mich auf Linkedin ebenfalls ins Meinungsgetümmel gestürzt und dabei interessante Beobachtungen machen können. Mit dramatischen Bildern und Worten wird das Ende der Schweiz heraufbeschworen, wobei die KI, die erstmals eine wichtige Rolle spielt, die Aussagen zum gigantischen visuellen Schwachsinn aufbläst. Straßen voller Unrat, verrußte Hausfassaden, Läden mit leeren Verkaufsregalen und hilflos alleingelassene Alte im Rollstuhl: zwingende Folgen bei einer Annahme der Initiative. Auf der Gegenseite: Menschenschlangen bis zum Horizont vor einer zur Miete ausgeschriebenen Wohnung, Karikatur der Wirtschaftsvertreter als Speichellecker der EU.Beinahe rührend wirken dagegen die vielen Initiativgegner, die sich persönlich vor die Kamera stellen. Sie verkünden mit unbeholfenen Standardgesten die Parolen ihres Nein-Komitees und geben sie als eigene Meinung aus. Dummerweise sind die Kernvokabeln oft identisch. Linkedin wird mit solchen Kurzvideos geflutet, und man erinnert sich an die Mahnung, die einst Pierre Boulez an seine Dirigierstudenten richtete: „Machen Sie ihre eigenen Bewegungen und imitieren Sie mich nicht wie ein Papagei.“ Die Kosten dieser vermutlich ineffizienten Kampagnen – die Meinungen sind so gut wie gemacht – sind hoch. Das Verhältnis der Pro- zur Nein-Kampagne bezifferte die NZZ mit sechs zu neun Millionen Franken.Hinter dem verbissenen Streit steckt nach Meinung von Befürwortern ein Aufstand großer Teile der Bevölkerung gegen die Classe politique, der vorgeworfen wird, die Partikulärinteressen der Wirtschaft vor diejenigen der Bevölkerung zu stellen – ein kapitaler Fehler in der direkten Demokratie. Das Vertrauen in die politischen Organe ist geschrumpft, und angekreidet wird das nicht zuletzt dem Bundesrat, der in der EU-Politik eine ziemlich unglückliche Figur macht.Etwas kamerascheu, aber authentischDafür wurde das Erscheinungsbild der Bundesratsmitglieder radikal aufpoliert. Noch vor zwei Jahrzehnten wirkten sie mit wenigen Ausnahmen relativ ungeübt im Umgang mit den Medien – etwas kamerascheue, aber authentisch wirkende Persönlichkeiten, Ausführende im Dienste der vom Souverän vorgegebenen Politik. Ihr heutiges Auftreten hingegen verrät die erfolgreich absolvierte mediale Schulung: situationsgerechtes Outfit, eine bewusste Körperhaltung, die Entscheidungskraft suggeriert, fester Blick in die Kamera und eine Rede im geglätteten, auf wahrnehmungsfreundliche Aussagen vereinfachten Politikersprech ohne „äh“ und „oder“. Und keine Angst mehr vor Hochdeutsch. Alles Eigenschaften, die es braucht, um in der auf bewegte Bilder eingeschworenen Öffentlichkeit gut dazustehen, wenn es um die spärlichen Mitteilungen über die zähen Verhandlungen mit Brüssel geht.Außenminister Ignazio Cassis, dem lange der Misserfolg ins Gesicht geschrieben stand, stellt sich neuerdings mit Hohlkreuz vor die Kameras, und Justizminister Beat Jans verkündet zum Thema 10-Millionen-Schweiz in staatsmännischem Tonfall: „Diese Initiative kann Ihre Gesundheit gefährden“, als ob es um ein Paket Zigaretten ginge. Aus der alten helvetischen Tugend des „Hinstehen und die Meinung sagen“ beziehungsweise des nüchternen Informierens über Fakten ist eine windschnittige Version medialer Selbstdarstellung geworden, mit dem Ziel, eine vorgefertigte Botschaft möglichst wirkungsvoll in der Öffentlichkeit zu platzieren. Die Regierenden als PR-Sprecher in eigener Sache.Dieses Top-down-Verhalten, das Kommunikation als Einbahnstraße begreift, hat sich vor allem im Zuge der Verhandlungen mit der EU eingebürgert. Eine schleichende Erosion des direktdemokratischen Systems findet statt, die man auch beim jetzigen Abstimmungskampf beobachten kann. Auch wenn die Initiative vermutlich knapp verworfen wird: Die Angst vor der Ablehnung der EU-Verträge sitzt dem Bundesrat im Nacken. Die Verträge zwischen Bern und Brüssel sind zwar unterschrieben, aber noch fehlt die Abstimmung darüber. Sie wird 2027 oder 2028 stattfinden. Dann hat das Volk, der große Lümmel, das letzte Wort.