Die Schweiz sagt Nein zu einer Begrenzung der Bevölkerung auf 10 MillionenDie Erleichterung der Gegner ist gross: Die Volksinitiative der Schweizer Volkspartei (SVP) wird laut Hochrechnungen mit 55 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.14.06.2026, 13.39 Uhr3 LeseminutenDie Kampagne für die SVP-Initiative verfing nicht. Die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer sieht ihr Idyll nicht bedroht.Andreas Haas / ImagoDie Schweiz hat 9,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.2,4 Millionen Menschen im Land haben keinen Schweizer Pass. Das entspricht mehr als jedem vierten Bewohner des Landes.Die grösste Zuwanderergruppe bilden mit 351 000 Menschen die Italiener. Auf Platz zwei folgen die Deutschen mit 334 000 Zuwanderern.Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 sind fast 2 Millionen Menschen zugewandert.Rund 40 Prozent der Stimmberechtigten haben einen Migrationshintergrund.235 000 Menschen in der Schweiz sind Asylsuchende oder aufgenommene Personen.In Basel-Stadt liegt der Ausländeranteil bei 39 Prozent. Mehr als die Hälfte der 211 000 Stadtbewohner dürfen nicht abstimmen, weil sie die Staatsbürgerschaft nicht haben oder noch keine achtzehn Jahre alt sind.In der Stadt Zürich leben 453 000 Menschen. 32 700 davon sind Deutsche. Das entspricht in etwa der Stadt Bad Nauheim oder 8 Prozent der Zürcher Stadtbevölkerung.Vor diesem Hintergrund haben am Sonntag gegen 60 Prozent der Stimmberechtigten über die Frage abgestimmt, ob die Schweiz eine Bevölkerungsobergrenze von maximal 10 Millionen Menschen in der Verfassung verankern soll. Ab 9,5 Millionen Einwohnern müsste der Bundesrat Massnahmen prüfen, wie die Zuwanderung gebremst werden soll.Gemäss den Initianten der Schweizerischen Volkspartei (SVP) müsste die Regierung vor allem bei der Asylmigration und dem Familiennachzug ansetzen. Eine Kündigung der mit der EU ausgehandelten Personenfreizügigkeit würde erst zum Thema, wenn alle anderen Massnahmen nichts nützen – dann aber wäre eine Kündigung des bilateralen Abkommens zwingend geworden.Die Volksabstimmung sorgte in ganz Europa für grosses Aufsehen. Die «Financial Times» schrieb im Vorfeld, die Schweizer Regierung habe bis heute keine umfassende Antwort auf Fragen zu Wohnungsmangel und überlasteter Infrastruktur geliefert. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» widmete der Frage einen Schwerpunkt. Das Cover zeigte einen Schweizer Stimmzettel mit der Aufschrift: «Deutsche raus». Die zuständigen Redakteure hatten sich im Vorfeld wohl die Frage gestellt, wie eine entsprechende Abstimmung in Deutschland ausgegangen wäre.Lange Gesichter bei den Initianten. Der SVP-Präsident Marcel Dettling (links) und sein Vize Thomas Matter.Peter Schneider / KeystoneDoch die Schweizerinnen und Schweizer neigen selten zu Bauchentscheiden an der Urne. Pro und Contra einer Vorlage werden in der Regel sorgfältig geprüft. Und bei der jüngsten Zuwanderungsinitiative der SVP überwiegen nun mal die Nachteile. Zehnmal hat sich die Bevölkerung in den vergangenen 26 Jahren hinter die Personenfreizügigkeit gestellt, und beim elften Mal war es nicht anders: Laut Hochrechnungen lehnen 55 Prozent der Stimmberechtigten das Volksbegehren ab. Der Fehlerbereich liegt bei 2 Prozent.Ein Nein – aber weshalb?Doch warum zeichnet sich nach der grossen Aufregung im Vorfeld nun doch ein solch klares Nein ab?Dafür nennen Beobachter mehrere Gründe:Erstens gelang es dem Nein-Lager, die wirtschaftlichen Risiken in den Vordergrund zu stellen. Die Landesregierung, die Wirtschaftsverbände, die Gewerkschaften, die Hochschulen sowie alle anderen Parteien ausser der SVP warnten vor Fachkräftemangel, Wachstumsverlust und Unsicherheit im Verhältnis zur EU.Zweitens verfing das Argument der drohenden Kündigung der Personenfreizügigkeit offenbar stärker als von der SVP erwartet. Viele Stimmberechtigte betrachteten die möglichen Folgen für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt als zu riskant.Drittens hatte sich die Stimmung bereits in den letzten Umfragen gedreht. Während die Initiative im Frühjahr zeitweise auf Zustimmung stiess, zeigte die zweite SRG-Umfrage Ende Mai erstmals eine Mehrheit gegen die Vorlage.Entsprechend gross ist die Erleichterung bei den Gegnern. Cédric Wermuth, der Co-Präsident der Schweizer Sozialdemokraten, sprach von einer «enormen Erleichterung». Die Schweizer FDP wertet das Resultat als «Bekenntnis zu einer offenen und wirtschaftlich vernetzten Schweiz». Die Grünliberale Partei konstatiert befriedigt, dass die Bevölkerung «Probleme traditionell mit Sachlichkeit, Innovation und Zusammenhalt angeht, nicht mit Abschottung und einfachen Parolen». Und die Grünen mahnen, dass der Bundesrat und die Parteien nun alles daransetzen müssten, die geplanten institutionellen Abkommen mit der EU zu sichern.Und nun?Auf der anderen Seite zeigte sich der SVP-Präsident Marcel Dettling enttäuscht. Er erklärte, das Ergebnis sei «kein gutes Resultat für die Schweiz». Die SVP betont, Probleme wie die Wohnungsnot, die Verkehrsüberlastung und das starke Bevölkerungswachstum würden durch das Nein nicht verschwinden.Tatsächlich dürfte die Abstimmung die Zuwanderungsdebatte nicht beenden. Die doch relativ hohe Zustimmung zeigt, dass Fragen nach Bevölkerungswachstum, Wohnraum, Infrastruktur und Migration weiterhin zu den zentralen politischen Themen der Schweiz gehören. Schon der Abstimmungskampf hatte deutlich gemacht, dass viele Bürgerinnen und Bürger das Wachstum des Landes kritisch sehen, selbst wenn sie die vorgeschlagene Lösung ablehnen.Passend zum Artikel
Schweiz lehnt Initiative zur 10-Millionen-Obergrenze ab – 55 Prozent stimmen mit Nein
Die Erleichterung der Gegner ist gross: Die Volksinitiative der Schweizer Volkspartei (SVP) wird laut Hochrechnungen mit 55 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.










