DatenanalyseZahlen zeigen: Das Nein zur 10-Millionen-Grenze ist ein Sieg der Städte über die ländliche SchweizEin wuchtiges Nein aus den Städten machte am Sonntag den Unterschied. Statt um realen Wachstumsschmerz ging es eher um grundsätzliche Lebensrealitäten.15.06.2026, 11.29 Uhr3 LeseminutenIllustration Anja Lemcke / NZZMit rund 55 Prozent ist die Ablehnung der Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz am Abstimmungssonntag klarer ausgefallen als erwartet. Die NZZ hat die Resultate auf Gemeindeebene ausgewertet. Eine zentrale Erkenntnis: Der Stadt-Land Graben war bei dieser Vorlage besonders tief.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Vergleich mit der Masseneinwanderungsinitiative (MEI), welche im Jahr 2o14 knapp angenommen wurde, machten dieses Mal die Städte und das Tessin den Unterschied. Zürich und Bern lehnten die damalige Vorlage der SVP schon vor zwölf Jahren klar ab. Dennoch stimmte 2014 auch in den Städten noch ein beachtlicher Anteil der Bevölkerung mit Ja. Bei der Vorlage zur 10-Millionen-Schweiz ist dieser Ja-Anteil nun stark gesunken.In Zürich stimmten statt 33 Prozent wie bei der MEI nur noch 24 Prozent mit Ja. In Bern sank der Ja-Anteil von 28 auf 16 Prozent. Entscheidend war auch das Tessin, das 2014 ein klares Nein einlegte, und bei der aktuellen Abstimmung nur noch knapp mit Ja votierte. So stimmte Lugano 2014 noch mit 67 Prozent für die Zuwanderungsinitiative der SVP, 2026 waren es nur noch 48 Prozent.In den Städten wurde aber keineswegs überall besser mobilisiert – im Gegenteil. Im Vergleich mit 2014 war die Mobilisierung nur in den Deutschschweizer Städten höher. In Zürich, Bern und Luzern stieg die Stimmbeteiligung um 10 Prozentpunkte. In Lausanne und Genf sank sie leicht.In den ländlichen Gemeinden mit hohem Ja-Anteil war die Mobilisierung hingegen fast überall hoch. Der SVP gelang es also, mehr Leute an die Urne zu bringen. Genützt hat es jedoch nichts, der Meinungsumschwung war grösser.Wachstum kaum ein FaktorDas Bevölkerungswachstum der letzten 15 Jahren hatte kaum einen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten. In Gemeinden mit hohem Wachstum wurde statistisch gesehen sogar seltener Ja gestimmt als in jenen mit tiefem Wachstum. Der statistische Effekt ist jedoch praktisch bei null. Das Bevölkerungswachstum hat sich relativ gleichmässig auf die Gemeinden verteilt, Ortschaften mit sehr ähnlichem Wachstum stimmten unterschiedlich.Gleiches gilt auch, wenn man die Zunahme des Ausländeranteils mit dem Wahlresultat korrelieren lässt: Es ist kaum ein statistischer Effekt zu erkennen.Nicht die Veränderung, sondern die Ausgangslage macht den Unterschied: Je höher der absolute Ausländeranteil einer Gemeinde, desto geringer die Zustimmung zur SVP-Initiative.Vielmehr als die Veränderungen in den letzten Jahren scheint also die grundsätzliche Lebensweise den Unterschied gemacht zu haben: Wer im Alltag mit Ausländern mehr zu tun hat, ist gegenüber der Migration weniger skeptisch.In den Städten hat sich diese Haltung in den letzten Jahren noch verstärkt: war 2014 ein bedeutsamer Teil der Städter noch für eine eigenständige Steuerung der Migration, hat sich dort nun die Erkenntnis durchgesetzt, dass Zuwanderung der Schweiz grundsätzlich nützt.Auch der viel zitierte Dichtestress war kein Grund für ein Ja, der Zusammenhang ist stattdessen umgekehrt: Je dichter eine Gemeinde besiedelt ist, desto weniger Menschen stimmten für die SVP-Initiative.Für die Ja-Stimmenden scheinen weniger realer Dichtestress, tatsächliches Bevölkerungswachstum oder gelebter Multikulturalismus ausschlaggebend gewesen zu sein als die Angst davor und der Wunsch, die ländliche Idylle zu bewahren.Dieses Mal haben sich die Städter durchgesetzt, welche sich an diesen Punkten wenig zu stören scheinen. Der Konflikt zwischen Stadt- und Landbevölkerung bei Abstimmungen ist mit dieser Initiative wieder deutlich geworden. Es dürfte nicht die letzte Vorlage gewesen sein, bei der sehr unterschiedliche Lebenswelten aufeinandertreffen.Passend zum Artikel