Nach dem Nein zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz»: Durchwursteln genügt nicht, es gilt, Vertrauen zurückzugewinnenDie Ablehnung einer starren Bevölkerungsobergrenze ist erfreulich. Aber die 45 Prozent, die Ja dazu gesagt haben, zeigen: Wirtschaft und Politik müssen künftig mehr zustande bringen, als nur vor Chaos und Wohlstandsverlust zu warnen.15.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenMit welcher Identität durch die globalen Turbulenzen in die Zukunft fliegen? Im Hintergrund der Entscheidung über die SVP-Initiative und der kommenden Abstimmungskämpfe steht auch die unbeantwortete Frage nach der richtigen Zukunftsvision für eine erfolgreiche Schweiz.Urs Flüeler / KeystoneEs ist noch einmal gutgegangen. 55 Prozent der stark mobilisierten Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben Nein gesagt zu einer SVP-Initiative, die die Schweiz dazu gezwungen hätte, als erstes Land in der Welt eine feste Bevölkerungsobergrenze in die Verfassung zu schreiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Resultat ist erfreulich. Es zeigt, dass die Stimmbürger in der Schweiz auch bei emotional aufgeladenen Vorlagen sachlich abwägen. Es beweist ein weiteres Mal, dass trotz ausgeprägtem Stadt-Land-Graben eine mehr oder weniger knappe Mehrheit weltoffen und wirtschaftsfreundlich denkt.Das ist nicht selbstverständlich. Ob das Resultat in anderen europäischen Ländern gleich wäre, wenn die Zahl der Ausländer in 25 Jahren um vier Fünftel zunimmt, die Bevölkerung um über einen Viertel wächst, der Ausländeranteil von 20 auf 28 Prozent steigt und sich bei der Infrastruktur und auf dem Wohnungsmarkt unübersehbare Anzeichen der Überforderung zeigen würden, ist jedenfalls alles andere als sicher. Doch eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer hat erkannt, dass diese Volksinitiative kein Problem gelöst hätte, sondern nur darauf abzielte, die Personenfreizügigkeit mit der EU abzuschaffen und damit das Ende des bilateralen Wegs herbeizuführen.Begründete Anzeichen von EliteversagenBei aller Freude über das Resultat sollte die Schweizer Politik jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Dass 45 Prozent der Abstimmenden einer Initiative zugestimmt haben, gegen die sich ausser der SVP alle Parteien und Verbände ausgesprochen haben, zeugt von einer bedenklichen Kluft zwischen Elite und einem Teil der Stimmbürger – um nicht zu sagen: von einem Eliteversagen. Auch zeigt sich eine klare Spaltung zwischen der Westschweiz und einer Deutschschweiz, die sich mit den Veränderungen merklich schwerer tut. Und obwohl es stark auch um die wirtschaftliche Zukunft der Schweiz ging, hat diesmal wohl Mitte-links und nicht die Bürgerlichen den Ausschlag für das Abstimmungsresultat gegeben.Wie genau sich die Befürworter der 10-Millionen-Initiative zusammensetzen, wird erst die Nachwahlbefragung zeigen. Ziemlich sicher jedoch wollte ein substanzieller Teil von ihnen ein Zeichen dafür setzen, dass sie sich und ihre Sorgen zu wenig ernst genommen fühlen. Sie haben das Vertrauen verloren, dass die Politik sich dieser Bedenken ernsthaft annehmen will.Noch ist das Land zum Glück weit entfernt von deutschen Verhältnissen, aber beim Stolz vieler Schweizer, dem reibungslos und pünktlich funktionierenden öffentlichen Verkehr, kommt es doch häufiger zu Tür-, Anzeige- und Betriebsstörungen, und die Züge sind auf den Hauptachsen oft überfüllt. Auf der Autobahn gehören zwischen Bern, Zürich und Basel Staus zur Tagesordnung. Vor allem in den städtischen Agglomerationen ist der Mietmarkt für Neumieter angespannt; Eigentum können sich die meisten ohne Erbschaft kaum mehr leisten. Die rasche Zuwanderung hat Ängste vor Identitäts- und Arbeitsplatzverlust ausgelöst, und manche Eltern machen sich Sorgen um die Qualität der Schule bei allzu hohem Ausländeranteil. Auch wenn es kaum die Regel ist, gibt es schliesslich im Asylwesen offensichtlich Missbrauch und mangelnde Bereitschaft, zu arbeiten und sich zu integrieren.Die Kampagne der Gegner der 10-Millionen-Vorlage war dürftig. Sie ist auf all diese Ängste nicht eingegangen, sondern hat sich darauf beschränkt, vor einem wie auch immer gearteten Chaos zu warnen.Dabei steht im Zentrum der Auseinandersetzung um die 10-Millionen-Initiative Ähnliches, wie es absehbar auch die Diskussion um die Neutralitätsinitiative und die Abstimmung über die neuen bilateralen Verträge mit der EU prägen wird. Es geht um die ungelöste Frage, was für eine Zukunftsvision die Schweiz anstreben will.Selbstverzwergung in der idealisierten VergangenheitDer zuvorderst von der SVP umworbene Teil der Stimmbürger idealisiert die Vergangenheit und ist strukturkonservativ. Er hält das, was früher gewesen sein soll, für besser und möchte sich eigentlich nicht anpassen, sondern zur Vergangenheit zurückkehren. Die Notwendigkeit von neuen Infrastrukturvorhaben und verdichtetem Bauen hält er nicht für vordringlich, weniger Zuwanderung und weniger Internationalisierung sollen es richten. In der grossen wirtschaftlichen Dynamik der Zentren orten viele nicht Erfolg, sondern Identitätsverlust, Überfremdung und Dichtestress – aber auch mangelnde Wertschätzung der eigenen Lebensvorstellungen.Dieser Teil der Bevölkerung steht auch internationalen Konzernen oft skeptisch gegenüber. Seine Vision der idealen Schweiz liesse sich am ehesten mit einer Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU, einer stark kontingentierten Zuwanderung und einer Steuerpolitik erreichen, die den Standort Schweiz für ausländische Firmen weniger attraktiv macht. Das würde zu einem Bedeutungszuwachs des geschützten Binnensektors der Wirtschaft gegenüber dem exportorientierten führen. Der Binnensektor aber ist deutlich weniger leistungsfähig; Wohlstandseinbussen wären unausweichlich. Im Rückzug in die Ballenberg-Schweiz müsste sich das Land allmählich selbst verzwergen.«Global Switzerland» braucht mehr QualitätDem steht die Vision einer wirtschaftlich erfolgreichen, dynamischen und weltoffenen Schweiz gegenüber, der es gleichzeitig gelingt, ihre Vorzüge zu erhalten. Eine Eidgenossenschaft also, die ihre subsidiäre direktdemokratische Entscheidungsfindung pflegt und sich gleichwohl in der Welt heimisch fühlt. Ein Land, in dem die Infrastruktur zuverlässig funktioniert, in dem es sich sicher leben lässt und in dem der allergrösste Teil der Ausländer gut integriert ist, arbeitet und sich mit der Schweiz verbunden fühlt. Eine Heimat auch, die eine weitgehend intakte Umwelt hat und grüner und weniger urban ist als grosse Metropolregionen wie London oder Paris, von New York ganz zu schweigen. Es ist die Vision eines in Europa gut integrierten, dynamischen Kraftzentrums, das als «Global Switzerland» seine Eigenheiten bewahrt.Die 45 Prozent der Abstimmenden, die am vergangenen Wochenende der SVP-Initiative zugestimmt haben, zeigen, dass diese Vision nur Wirklichkeit werden kann, wenn es gelingt, etwas mehr Wert auf qualitatives Wachstum zu legen und dabei die Sorgen der Kritiker ernst zu nehmen.Das müssten auch die Vertreter der Wirtschaft beherzigen. Statt nur vor Chaos und wirtschaftlichem Niedergang zu warnen, sollten sie konkreter zeigen, wieso der Vorwurf unbegründet ist, sie wollten nur teure ältere Schweizer durch günstige EU-Zuzüger ersetzen. Die Immigration aus dem EU-Raum ist hauptsächlich vom Arbeitsmarkt getrieben. Gelingt es, das inländische Arbeitspotenzial besser auszunutzen, führt dies automatisch zu weniger Zuwanderung.Wo sind die Programme der Wirtschaft, die glaubwürdig illustrieren, dass über 50-jährige Schweizer bei ihren Betrieben gute Chancen haben, eingestellt zu werden? Welche Unternehmen bieten Anreize, über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten? Welche Patrons kommen den Eltern entgegen, die Kinder und Beruf unter einen Hut bringen müssen? Und wieso sich nicht endlich dafür einsetzen, dass die Beiträge an die zweite Säule die Älteren nicht länger unnötig verteuern? Man könnte sich sogar vorstellen, dass die Arbeitgeber einen Fonds schaffen, in den sie bei jeder Anstellung von ausländischen Arbeitskräften freiwillig einzahlen und damit zum Beispiel Kinderkrippen subventionieren, statt nach dem Staat zu rufen. Tue Gutes und sprich darüber!Handeln statt reden und streitenGefordert ist aber auch die Politik. Sie muss wieder besser zeigen, dass sie imstande ist, über Probleme nicht nur zu reden, sondern auch konkrete Lösungen dafür zu entwickeln.Beim Arbeitsangebot braucht es eine Flexibilisierung des Pensionsalters, welche die Erwerbstätigkeit der Älteren stärkt. Soll tatsächlich mehr Augenmerk auf qualitatives Wachstum gelegt werden, müsste Arbeit im Niedriglohnbereich eher teurer werden und die Standortförderung primär Firmen anlocken, die vor Ort gut bezahlte Tätigkeiten ansiedeln. Dichtestress auf Autobahnen und in Zügen wiederum ist keine Folge von Hongkonger Verhältnissen, sondern eine von zu wenig weitsichtigem Ausbau und zu geringem Unterhalt der Infrastruktur. Eine dank der Zuwanderung von Fachkräften und dem hohen Steuersubstrat internationaler Konzerne erfolgreiche Schweiz könnte diesen Ausbau leicht finanzieren.Günstigere Wohnungen gäbe es mit weniger Bürokratie bei den Bauvorschriften und flexibleren Bewilligungsverfahren. Und die teuren Mieten auf dem freien Markt sind nicht nur die Folge von Zuwanderung, sondern auch Resultat der Überregulierung der Bestandesmieten und generell der Zweiteilung des Wohnungsmarktes. Mehr Markt würde zu mehr und günstigerem Angebot führen.Das Problem beginnt im BundesratDie Welt verändert sich. Erfolgreich und reich wird die Schweiz bleiben, wenn es ihr in diesen geopolitisch schwierigen Zeiten gelingt, daran teilzuhaben und gleichzeitig ihre Vorzüge zu erhalten. Dazu braucht sie eine pragmatisch interpretierte Neutralität und ein mit den neuen bilateralen Verträgen gutnachbarlich geregeltes Verhältnis zur EU. Dafür gilt es, eine Mehrheit der Schweizer Stimmbürger – und möglichst auch die Landbevölkerung – davon zu überzeugen, dass die Vision der Ballenberg-Schweiz eine rückwärtsgewandte Verklärung ist. Es braucht stattdessen eine überzeugende Vision einer weltoffenen, international ausgerichteten Schweiz, die Wert auf qualitatives Wachstum legt und Probleme löst. Sie hat im geopolitischen Wettbewerb die besten Aussichten.Doch wie so oft beginnt das Problem ganz oben. Ein meist zerstrittener Bundesrat hat sich in den turbulenten vergangenen Jahren unfähig gezeigt, gemeinsam Visionen zu entwickeln und zu vertreten. Statt nur die Interessen der jeweiligen departementalen Verwaltung und der eigenen Partei zu vertreten und abzuwarten, welche parlamentarischen Motionen die Exekutive gerade wozu auffordern, müsste sich das Gremium wieder stärker als Exekutive verstehen, die eine gemeinsame Vision entwickelt und die Interessen des Landes gegenüber den Parteien und Lobbygruppen aktiv vertritt.Es ist verführerisch, jetzt einfach zur Tagesordnung zurückzukehren. Doch es hätte gar nicht so viel gefehlt, und die Abstimmung zur 10-Millionen-Initiative wäre anders herausgekommen – mit verheerenden Folgen.Der zuständige Bundesrat Beat Jans kommentierte am Sonntag, die Demokratie habe gewonnen. Der Bundesrat nehme die Anliegen derjenigen, die zu der Initiative Ja gesagt hätten, ernst und wolle ihnen mit konkreten Vorschlägen gegenübertreten. Das wäre zu begrüssen. Sich weiter im Durchwursteln zu üben, genügt nicht mehr. Es gilt jetzt, eine mutige gemeinsame Vision einer zukunftsgerichteten Schweiz zu entwickeln und das Vertrauen derjenigen zurückzugewinnen, die den Glauben an Wirtschaft und Politik verloren haben.Über die Zukunft von «Global Switzerland» nach der Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz diskutiert heute Montag um 12 Uhr mittags in einem «NZZ Pro»-Talk live die Inlandchefin Christina Neuhaus mit dem Sicherheitsexperten Georg Häsler und dem Chefökonomen Peter A. Fischer. Wer sich hier anmeldet, erhält einen Teilnahmelink.Passend zum Artikel