Eingefleischten Campingfreunden macht das Gewusel von Zelt an Zelt wenig aus. Die meisten Menschen haben es aber gern ruhiger. In der Schweiz hat das Wort „Dichtestress“ Konjunktur und befeuert die Volksabstimmung zur „Keine 10-Millionen-Schweiz“-Initiative: Am Sonntag votieren die Stimmberechtigten über einen Bevölkerungsdeckel im Land.Schon das Gefühl des „Dichtestresses“ schürt Unmut, der alle Lebensbereiche durchzuziehen scheint. Im Wohnungsbau lautet die Chiffre „Verdichtung“. Theoretisch klingt das gut, weil das die Wohnungsnot in schweizerischen, deutschen und anderen Städten lindern kann. Aber für Dichte vor der eigenen Haustür fällt die Begeisterung wie ein Stein.Luzern hat sich touristisch zu einem beliebten Reiseziel gemausert. Die Wertschöpfung ist groß. Dadurch breiten sich Airbnb-Apartments und auch geschäftliche Kurzzeitmieten möblierter Wohnungen aus. Benjamin Koch, Präsident des städtischen Wirtschaftsverbandes, sagt: „Wenn alles wächst, aber nichts ausgebaut wird, steigt der Dichtestress.“ Jetzt soll eine Gondelbahn ins Zentrum für Hilfe beim Stadtverkehr sorgen.Worauf kommt es bei der Verdichtung an?Doch die Verdichtung wird nicht umfassend genug gedacht. Ein Investor hat noch lange keinen „grünen Daumen“, wenn er auf der neuen Anlage ein paar Sträucher und keine Bäume pflanzt. Gemeinschaftsräume nutzen wenig, wenn die Mieter sie nicht wollen. Mehrgenerationenprojekte brauchen auch genügend Rückzugsmöglichkeiten für Senioren. So beginnt das Vorgehen gegen Dichtestress im Kleinen. Hat eine Wohnung einen Balkon, kann der Bewohner diesen begrünen. Persönliche Ruheplätze lassen sich mit einem Sessel und Büchern ergänzen.Häuser an der Aare: Die Bevölkerung der Schweiz wächst.Picture AllianceGerade kleinere Wohnungen brauchen neue Konzepte. In den vergangenen 25 Jahren verminderte sich in der Schweiz die neu gebaute Wohnfläche im Durchschnitt von 51,4 auf 46,5 Quadratmeter je Person. Sie liegt damit ungefähr auf dem Niveau Deutschlands. Die Bevölkerung in der Schweiz wächst dabei und ist auf 9,1 Millionen Menschen gestiegen. Die Initiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung vor dem Jahr 2050 die Schwelle von zehn Millionen nicht überschreiten darf.Als bestes Mittel der Verdichtung gelten neben Aufstockungen und kleineren Wohnungen möglichst viele Hochhäuser. Sie sind vor allem in städtischen Gebieten beliebt und werden durch viele Zuzüge klare Dichtepole.Zwar wird so der Boden besser genutzt. Doch die Wohnungsgröße offenbart ein zwiespältiges Bild. Eine aktuelle Studie der Zürcher Kantonalbank zeigt: Auf den ersten zehn Stockwerken sinkt nicht nur der Bodenverbrauch, sondern tendenziell auch die Wohnfläche je Person. Danach wird großzügiger geplant – für die vielen Singles und Doppelverdiener in den Städten. „Bei Wohnhäusern mit vier bis acht Stockwerken sehen wir eine hohe Dichte und gleichzeitig eine hohe Wohnqualität“, sagt Ursina Kubli, Leiterin der Immobilienforschung in der Bank. Diese Gebäude bieten die höchste Flächeneffizienz.Auf dem Dach: Unter diesem „Überlandpark“ in Zürich liegt eine Autobahnstrecke.Picture AllianceDas Gefühl der Dichte und Enge ist persönlich: Menschen in Hongkong, Mumbai oder Shanghai werden darüber anders urteilen als der typische Mitteleuropäer. In diesen Riesenstädten leben die Menschen oft näher zusammen. In Schwellenländern treten die Gegensätze besonders hervor. Slums in der Nachbarschaft von Luxushotels sind keine Seltenheit. Viel Raum zum Leben ist nicht nur ein Wohlstandsausweis, sondern bringt eine hohe Lebensqualität. Auch in London wohnen Einwohner lieber eher in Kensington als in Newham, in Hamburg gern an den Ufern der Elbe statt im Stadtteil Veddel, was sich in den Immobilienpreisen zeigt.Immobilieninvestoren ahnen, dass eine großzügige Begrünung hilft, den Dichtestress zu mindern. Doch oft genug beschränken sich die Rasenflächen zwischen Hochhäusern auf einige Büsche, die vor allem leicht zu pflegen sind. Vor den Toren der Innenstadt hat die Stadt Zürich 2025 knapp einen Kilometer Autobahn überdacht, die zwei größere Wohngebiete voneinander trennt. Einen „begrünten Betonfelsen zwischen Wohnbauten“ nannte ihn die Bauzeitung „Espazium“. Den Anstoß für die 30 Meter breite Grünzone mit kleineren Bäumen statt einer weitgehenden „Einhausung“ der Autobahn gab einst eine Volksinitiative. Noch muss sich zeigen, ob die Bevölkerung den „Überlandpark“ auf Dauer mit Leben füllt.Lebensqualität in der Stadt speist sich meist aus einer Mischung zwischen begrünten Freiräumen mit Hügeln, Parks oder kleinen Wäldern und Begegnungszonen wie Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Spielplätzen. Ein Streitpunkt sind immer wieder Einkaufszentren: Einerseits schaffen sie Flaniergelegenheit und Vergnügungserlebnisse, andererseits schrecken große Parkflächen für Autos und ein falscher Ladenmix mit verwaisten Stockwerken ab.Doch woher kommt der Wunsch nach viel Grün auf kleineren Flächen? Die Architekturpsychologin Alice Hollenstein von der Universität Zürich erklärt das so: „Die Forschung zeigt, dass sich das Stresshormon Cortisol am schnellsten bei leichter Aktivität in der Natur abbaut. Einerseits sind wir beschäftigt und nicht gelangweilt, andererseits ist die Aufmerksamkeit nicht gerichtet.“ Dank weniger Reize aus allen Ecken könnten die Gedanken freier fließen. Nach ihrer Erfahrung können Museen auf Menschen eine ähnliche Wirkung ausüben wie die Natur.
Schweiz: Bevölkerungsdeckel und Verdichtung im Fokus
Viele Menschen ziehen in die Städte. In der Schweiz wächst der Unmut über zu viel Dichte. Jetzt stimmt das Land über einen Bevölkerungsdeckel ab.
















