Volle Züge, verstopfte Strassen, Wohnungsbesichtigungen mit langen Schlangen: Viele Menschen in der Schweiz spüren, dass der Platz knapp wird. Die Schweiz hat für dieses Gefühl sogar ein eigenes Wort: «Dichtestress». Und tatsächlich wächst die Schweiz rasant, schneller als fast jedes andere Land in Europa. Grund dafür ist vor allem die Zuwanderung. Kein Wunder also, dass das Thema politisch umkämpft ist. Aber was genau bereitet den Schweizerinnen und Schweizern solchen Dichtestress? Und ist das Land wirklich zu voll?Richtig bekannt wurde das Wort «Dichtestress» in der Schweiz im Jahr 2014. Die SVP benutzte den Begriff im Vorfeld der Masseneinwanderungsinitiative. Seitdem steht er für das Gefühl, dass die Schweiz voller und enger wird. Im Juni 2026 stimmt die Schweiz über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ab. Darum hört man den Begriff heute wieder häufiger: «Überlastung und Dichtestress, wo man in diesem Land hinschaut.»Ursprünglich kommt der Begriff «Dichtestress» aber aus der Biologie. In den 1960er-Jahren hat ein Verhaltensforscher Versuche mit Mäusen durchgeführt. Er wollte wissen, was passiert, wenn viele Tiere auf engem Raum zusammenleben. Das Resultat: Obwohl die Tiere immer genug Futter hatten, wurden sie unruhiger. Sie kümmerten sich schlechter umeinander und bekamen weniger Nachwuchs. Das Experiment sollte zeigen: Enge und sozialer Stress schaden der Gruppe, auch wenn eigentlich genug Ressourcen zum Leben da sind. Ob sich das direkt auf Menschen übertragen lässt, ist umstritten. Einbildung ist das Gefühl von Dichtestress trotzdem nicht.Denn die Forschung zeigt: Auch Menschen können Stress empfinden, wenn ihnen viele Leute zu nahe kommen. In einer Studie haben sich Forschende zum Beispiel Zugpassagiere während der Stosszeit angeschaut.Alice Hollenstein, Architekturpsychologin: «Und zwar hat man untersucht, welchen Einfluss hat die Dichte im Zugabteil auf Stressindikatoren. Man hat befragt zum Wohlbefinden. Man hat Speichelkortisol gemessen. Und dann hat man auch noch Aufmerksamkeitstests nachher gemacht. Und tatsächlich hat man auf alle drei Masse einen Effekt gefunden bei dieser Studie, je nachdem, wie viele Menschen in einem Abteil sind.»Spannend ist aber: Die Cortisol-Werte steigen nicht einfach nur, weil es voller wird. Entscheidend ist auch, wie nahe sich die Menschen kommen. Der Stress nimmt besonders zu, wenn jemand zwischen zwei fremden Personen sitzen muss.Alice Hollenstein: «Das sind so diese 60 Zentimeter, wo man wirklich sagt, da beginnt dann physische Nähe, da lasse ich dann wirklich nur Menschen rein, die ich gerne mag, wo es einem dann auch schnell unangenehm wird.»Unser Stresslevel hängt aber auch von weiteren Faktoren ab.Alice Hollenstein: «So ist es zum Beispiel der Fall, dass, wenn meine Mitmenschen eher ähnliche Werte haben, eher ähnlich sind wie ich selbst, dann führt das etwas weniger zu Dichtestress.»Zum Beispiel bei einem Konzert.Eine höhere Dichte bedeutet also nicht automatisch mehr Stress. Darum unterscheidet man in der Forschung zwischen objektiver Dichte und erlebter Dichte. Was damit gemeint ist, sieht man, wenn man diese Bevölkerungsbefragung der Stadt Zürich anschaut. Forschende haben Menschen in verschiedenen Quartieren gefragt: Wie dicht fühlt sich deine Nachbarschaft an? In Weinegg sagen rund 17 Prozent der Menschen, ihr Quartier sei zu dicht bebaut. Das sind ähnlich viele wie in Werd. Dort finden etwa 15 Prozent, ihr Quartier sei zu dicht. Schaut man aber auf die tatsächliche Bevölkerungsdichte der Quartiere, ist der Unterschied riesig. In Weinegg leben 56 Menschen pro Hektar, in Werd sind es 243. Die objektive Dichte ist in Werd also mehr als viermal so hoch. Die erlebte Dichte ist aber an beiden Orten etwa gleich.Alice Hollenstein: «Es gibt verschiedene Studien, die den Zusammenhang zwischen Dichte und Dichtestress untersuchen. Und da sieht man eigentlich, dass die wahrgenommene Kontrollierbarkeit einen grossen Einfluss hat und auch die Ressourcenknappheit einen grossen Einfluss hat, ob objektive Dichte in Dichtestress resultiert.»Dichtestress entsteht also vor allem dann, wenn im Alltag Dinge knapp werden: zum Beispiel der Platz im Zug oder auf der Strasse. Genau das sieht man oft: Ein Ort wächst schnell. Es entstehen neue Wohnungen, mehr Menschen ziehen zu. Die Politik baut aber Strassen, Bahnhöfe, Schulen oder öffentliche Räume nicht schnell genug aus. Genau dann wird Wachstum zur Belastung. In der Forschung spricht man dabei vom «Infrastruktur-Lag».Die Gemeinde Oftringen im Aargau ist nur eines von vielen Beispielen. Die Region ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Seit 2015 sind rund 800 neue Wohnungen gebaut worden. Doch die Politik kommt kaum hinterher, zum Beispiel mit dem Bau von neuen Schulhäusern. In der Zwischenzeit gehen Kinder in Container-Provisorien zur Schule. Dazu kommt der Verkehr: Oftringen liegt zwischen zwei Autobahnen. Dadurch fahren jeden Tag bis zu 30'000 Autos durch das Dorfzentrum.Alice Hollenstein: «Ich glaube, die Verdichtung per se ist nicht das Problem. Wichtig ist, dass wir diese Verdichtungen gut organisieren. Wenn ich einfach nur Wohnbauten mache, aber nie eine neue Badi mache, dann wird es in der Badi immer voller und dann sind die Leute irgendwann genervt.»Dass Wachstum nicht automatisch zum Problem werden muss, zeigt ein Beispiel rund 70 Kilometer weiter nordöstlich: das Quartier Neuhegi in Winterthur. Hier sind in den letzten Jahren Wohnungen für rund 2000 Personen gebaut worden. Weitere Projekte sind geplant. Aber mit den neuen Wohnungen kamen nicht nur neue Häuser. Die Stadt hat auch neue Freiräume und bessere Infrastruktur gebaut. Zum Beispiel hier im Eulachpark. Der wurde zur grössten Parkanlage der Stadt. Die Stadt baut auch den öffentlichen Verkehr aus. Der Bahnhof Grüze zum Beispiel wird gerade umgebaut. Er wird von einem einfachen Quartierbahnhof zu einem grossen Verkehrsknotenpunkt.Alice Hollenstein: «Beim Thema Dichte ist es auch wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, welche schönen Sachen Dichte bringen kann. Dichte kommt meistens einher mit viel Auswahl. Zum Beispiel habe ich viel mehr Auswahl an Gastronomie. Ich habe grössere Supermärkte. Ich habe viel mehr Möglichkeiten, Freunde zu finden oder Partnerinnen zu finden. Oder auch kulturell, beruflich, da eröffnen sich einfach viel mehr Optionen.»Oftringen und der Stadtteil Neuhegi lassen sich nicht eins zu eins vergleichen. Die geografische Lage ist anders. Und auch die Entstehungsgeschichte und die Verkehrssituation unterscheiden sich deutlich. Die Beispiele zeigen dennoch: Dichtestress hat nicht nur mit der Zahl der Menschen zu tun. Er entsteht vor allem dort, wo Wachstum und Infrastruktur nicht im gleichen Tempo vorankommen. Ausschlaggebend ist eher: Gibt es ausreichend Wohnungen, gute Verkehrsanbindungen und genügend Freiräume?
Dichtestress: Ist die Schweiz wirklich zu voll?
Volle Züge, verstopfte Strassen, zu wenig Wohnungen: Hierzulande nennt man dieses Gefühl «Dichtestress». Doch ist wirklich die Zahl der Menschen das Problem?











