Luzern wächst schneller als jeder andere Kanton – und dennoch ist man unzufriedenTiefe Unternehmenssteuern, steigende Zuwanderung und wachsender Tourismus: Während Luzern boomt, fragen sich viele Einwohner: Wofür das alles?Maurice Koepfli17.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin beliebtes Reiseziel: die Kapellbrücke in Luzern.Urs Flüeler / KeystoneLuzern wirkt dieser Tage wie die Schweiz unter dem Brennglas. Am Vierwaldstättersee bündeln sich die grossen Probleme des Landes: Zuwanderung, Wohnungsnot, Massentourismus – und die Sorge, dass die Schweiz von ihrem eigenen Erfolg überrumpelt wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Kanton wächst in den kommenden Jahren schneller als jeder andere. Bis 2055 rechnet das Bundesamt für Statistik mit einem Bevölkerungswachstum von rund 30 Prozent. Gleichzeitig boomt der Tourismus. Noch nie wurden so viele Übernachtungen gezählt wie im vergangenen Jahr: Zusammen mit den Tagesgästen kamen rund neun Millionen Besucher in die Stadt – das sind doppelt so viele wie noch 2005.Dass immer mehr Menschen nach Luzern strömen, hat viele Gründe. Da gibt es zum einen die pittoreske Landschaft: Hinter der Altstadt steigen die Berge auf, der Vierwaldstättersee reicht bis ins Zentrum. Gleichzeitig ist Luzern hervorragend angebunden – Zürich, Basel und Bern sind mit dem Zug in rund einer Stunde erreichbar. In Bellinzona ist man in 90 Minuten.Und als wäre das nicht genug, kommt neuerdings ein Steuervorteil hinzu. In den vergangenen Jahren hat Luzern die Unternehmenssteuer schrittweise gesenkt. Laut einer aktuellen Analyse von PricewaterhouseCoopers (PwC) erhebt der Kanton im laufenden Jahr einen effektiven Steuersatz von 11,66 Prozent. Es ist der tiefste Wert der Schweiz.Luzern boomt also in mehreren Bereichen zugleich – wirtschaftlich, touristisch und demografisch. Doch mit dem Erfolg wächst auch das Unbehagen. Besonders in der Stadt, wo sich das Wachstum kumuliert. Viele Einwohner klagen über Dichtestress, steigende Mieten und fehlende Infrastruktur. 2023 stimmte die Stadtbevölkerung einer strengeren Regulierung der Untervermietungen über Airbnb zu. Man wolle nicht zu einem zweiten Venedig werden, hiess es. Als Nächstes kommt eine Initiative vors Volk, die die Zahl der Hotelbetten begrenzen will.Im katholisch geprägten Gebiet, das sich lange über seine Beschaulichkeit definierte, stellt man sich heute die Frage: Wie viel Wachstum passt zu uns?Gejammer statt TatendrangBenjamin Koch, Präsident des Wirtschaftsverbands der Stadt Luzern, sitzt an diesem Nachmittag im «Seebistro Luz» nahe dem Bahnhof. Durch die grossen Fenster fällt der Blick auf das Luzerner Postkartenpanorama: See, Dampfschiffe, die Rigi. Luzern habe immer davon gelebt, dass Menschen von aussen hierherkommen wollten, sagt Koch. Mark Twain, Friedrich Nietzsche oder William Turner, alle waren sie hier.Koch gehört zu jenen, die im Boom vor allem eine Erfolgsgeschichte sehen. Der Kanton wächst, die Firmengewinne steigen, ebenso die Steuereinnahmen. Nicht das Wachstum sei das Problem, sondern der politische Umgang damit. Statt die Entwicklung anzunehmen und die Stadt für Touristen und neue Unternehmen weiterzuentwickeln, werde vor allem gejammert.Exemplarisch dafür sei der kürzlich erschienene SRF-Dokumentarfilm «Überrannt – Overtourism in der Schweiz», der Luzern am Anschlag zeige. Der Film blende aus, dass viele Probleme hausgemacht seien – etwa fehlende Investitionen, um die zusätzlichen Gäste zu lenken, sagt Koch. «Wenn alles wächst, aber nichts ausgebaut wird, steigt natürlich der Dichtestress.»Seit Jahren fehle in Luzern der politische Mut für grössere Projekte. Diskutiert wurden ein Parkhaus unter dem Musegghügel oder gar eine Metro – gebaut wurde am Ende nichts. Links-Grün sperre sich gegen alles, was nach Beton oder Asphalt klinge. Kochs neuste Hoffnung: eine Gondelbahn. Noch dieses Jahr stimmt die Bevölkerung darüber ab. Künftig sollen Touristen also nicht mehr im Stau stehen, sondern elegant über die Stadt hinweg ins Zentrum schweben.Wachstum: Ja, aber wie?Auf der anderen Seeseite, nur wenige Schritte vom Löwendenkmal entfernt, steigt eine Touristengruppe aus einem Reisecar. Solche Szenen sind seltener geworden. Seit eine Juso-Initiative 2017 den Carparkplatz beim Bahnhof abschaffte und die Stadt vergangenes Jahr eine Haltegebühr von 100 Franken für Reisecars im Zentrum einführte, ist die Zahl der Cars in der Innenstadt zurückgegangen.Für den nahe beim Löwendenkmal aufgewachsenen SP-Nationalrat David Roth ist das eine begrüssenswerte Entwicklung. Doch sei das Problem damit nicht gelöst. Im Wey-Quartier, wenige Meter entfernt, zeigt Roth auf die Klingelschilder: hier ein Businessapartment, dort eine Airbnb-Wohnung. «Der Wohnraum wird durch Touristen und zahlungskräftige Neuankömmlinge verdrängt.» Für Roth ist das die Kehrseite des Luzerner Wachstums: «Die Stadt wird wohlhabender und internationaler – doch die Einheimischen profitieren zu wenig davon.»2023 stimmte die Luzerner Bevölkerung deshalb auf Anregung der SP einer strengeren Regulierung von Airbnb zu. Wohnungen dürfen seither nur noch während maximal 90 Tagen pro Jahr touristisch vermietet werden. Doch auch Hotels verdrängten den Wohnraum, sagt Roth. Deshalb fordert er als Nächstes eine Begrenzung der Hotelbetten.Seine Idee: den Tourismus breiter im Kanton zu verteilen. Wenn Gäste ausserhalb der Stadt übernachteten, entlaste das die Innenstadt und schaffe zugleich Anreize für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs im gesamten Kanton. «Das ist sinnvoller, als einfach ein Tourismusprojekt wie eine Gondel zu realisieren, das nicht in das gesamte ÖV-Netz eingebunden ist.»Allgemein müsse Wachstum in dieser Stadt breiter gedacht werden. Viele Firmen kämen zwar wegen neuer Steuerstrategien nach Luzern, schafften aber verhältnismässig wenig Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung. «Treibsandpolitik» nennt Roth das. Eine Politik, auf der langfristig nichts Eigenes wachsen könne.Jetzt bleibt er vor dem Gebäude der Firma Organon stehen, die einst Teil des ebenfalls in Luzern ansässigen Pharmakonzerns MSD war. Roth behauptet, MSD mache rund 60 bis 70 Prozent der Steuererträge der juristischen Personen des Kantons aus, wobei die grossen Gewinne der Firma auch auf das neue Krebsmedikament Keytruda zurückgingen. «Das ist doch kein Beispiel für nachhaltiges Wachstum», kritisiert der SP-Politiker.Das KlumpenrisikoEin einzelnes Medikament als Treiber des Steuerwunders? Das lässt sich nicht unabhängig überprüfen – auch weil MSD mehrere Standorte in der Schweiz betreibt. Hinweise für eine Einordnung liefert jedoch eine Recherche der «Republik»: Laut dieser zahlte MSD im Jahr 2025 in der Schweiz 1,8 Milliarden Franken Steuern. Das von Roth erwähnte Medikament Keytruda soll dabei für fast die Hälfte des Gesamtumsatzes von MSD verantwortlich gewesen sein.Auf Anfrage erklärte das Unternehmen MSD, man äussere sich nicht zu steuerlichen Fragen auf Länderebene. Der Kanton beruft sich seinerseits auf das Steuergeheimnis – ebenso wie die Luzerner Statistikstelle Lustat. Ganz verschlossen bleibt man dort allerdings nicht: Lustat verweist auf die neuesten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2022. Damals trugen die zehn ertragsstärksten Firmen fast die Hälfte zu den kantonalen Steuereinnahmen juristischer Personen bei. Das Wachstum des Kantons wird also tatsächlich stark von einzelnen Unternehmen getragen.Gleichzeitig zeigen die Zahlen des Statistikbüros, dass seit Beginn der neuen Steuerstrategie kontinuierlich neue Unternehmen nach Luzern gezogen sind. Eine Auswertung des Steuerjahrs 2019 ergab: Gesellschaften, die seit weniger als zehn Jahren im Kanton steuerpflichtig waren, machten bereits 57 Prozent des Bestandes aus und lieferten 45 Prozent der Steuereinnahmen juristischer Personen. Die neu angesiedelten Firmen sind also eine wichtige Stütze der kantonalen Einnahmen.Ist der Plan folglich aufgegangen? Anruf bei Marcel Schwerzmann. Der frühere Finanzdirektor (parteilos) prägte die Luzerner Tiefsteuerpolitik zwischen 2007 und 2019 entscheidend mit. Er sei heute sehr zufrieden, sagt Schwerzmann, er blicke mit Stolz auf diese Politik zurück. Luzern sei damals von Tiefsteuerkantonen umgeben gewesen. «Wir mussten handeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben», sagt er. Die Luzerner Bevölkerung habe diesen Kurs mehrfach an der Urne mitgetragen. Nach schwierigen Jahren zeige sich nun, dass die Strategie aufgegangen sei.Er verweist auf die Steuersenkungen für natürliche und juristische Personen der letzten Jahre, neue Unternehmungen und Arbeitsplätze. Davon profitiere auch die Bevölkerung. Ein Teil des Bevölkerungswachstums sei die Folge des immer attraktiveren Wirtschafts- und Wohnkantons. Überbauungen mit Büro- und Wohnflächen wie im Mattenhof in Kriens oder entlang der A 2 seien sichtbare Folgen dieses Wachstums. Zudem habe sich die Pendlerstatistik zugunsten des Kantons Luzern verbessert.Schwerzmann klingt wie ein pragmatischer Standortpolitiker. Dass heute die Sorge wächst, der wirtschaftliche Erfolg könne die eigene Lebensqualität gefährden, hält er für nachvollziehbar: «Gerade darin zeigt sich doch, wie demokratische Prozesse funktionieren: Man nimmt sich einer Herausforderung nach der anderen an.» Zuerst habe sich Luzern wirtschaftlich behaupten müssen. Nun gehe es darum, die zusätzlichen Einnahmen so zu verteilen, dass möglichst viele davon profitierten.Passend zum Artikel