KommentarZuwanderung in der Schweiz: Die Regierung hat ihre Wirtschaftspolitik nicht zu Ende gedachtDrei Länder wachsen in Europa stark: die Schweiz, Luxemburg und Irland. Ihnen gemein sind unternehmensfreundliche Steuerregimes. Dagegen gilt es nichts einzuwenden, etwas aber fehlt.01.06.2026, 15.19 Uhr3 LeseminutenDie Klagen in der Schweiz, in Irland und Luxemburg ähneln sich: Die Infrastruktur hat mit dem Wachstum nicht Schritt gehalten.Andres Becker / KeystoneAuch ein wenig selber schuld, das möchte man den Regierungen in der Schweiz, aber auch in Luxemburg und Irland zurufen. Jahrelang haben sie mit ihrer Politik zwar die Wirtschaft gefördert und damit die Zuwanderung angetrieben, diese Strategie aber aus heutiger Sicht nicht zu Ende gedacht. Die Bemühungen, auch die Infrastruktur zu erweitern und die gesetzlichen Hindernisse im Wohnungsbau zu schleifen, waren ungenügend. Und nun klagen die Bewohner über hohe Mieten, Staus und das Gedränge in Tram und Bus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Geringe Hürden bei der MigrationIn den drei Staaten wächst die Bevölkerung so rasch wie fast nirgendwo sonst in Europa. Zwei Gemeinsamkeiten sind dabei augenfällig. Erstens spricht man in allen drei Ländern Sprachen, die zu den am weitesten verbreiteten in Europa zählen, nämlich Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Das senkt die Hürden der Zuwanderung.Zweitens haben alle drei bewusst ein unternehmensfreundliches Steuerregime installiert. Manche kritisieren diese Politik hart. Sie sehen darin eine Art «Beggar your neighbour»-Politik: also ein Vorgehen, das Steuersubstrat bei Nachbarländern absaugt und diesen so Schaden zufügt.Gelungene wirtschaftliche TransformationDiese Kritik ist unfair. Die Schweiz, Luxemburg und Irland sind nämlich auch Länder, denen eine wirtschaftliche Transformation gelungen ist. Alle drei kämpften in ihrer jüngeren Geschichte mit Problemen und mussten handeln. So ging in Luxemburg Ende der 1990er Jahre die Ära der Montanindustrie zu Ende. Die Stahlherstellung war nicht mehr konkurrenzfähig, Tausende Bewohner verloren ihre Arbeit.Sich neu erfinden oder untergehen – das waren Luxemburgs Alternativen. Die Regierung entschied sich für eine Vorwärtsstrategie. Das Land spezialisierte sich auf Nischen im Finanzsektor und zog mit den niedrigsten Unternehmenssteuern Europas entsprechende Anbieter an.Vor einer Herausforderung stand einst auch die Schweiz, obwohl sie nicht so gross war wie jene Luxemburgs. In der Schweiz gerieten traditionelle Industrien ebenfalls in den Sog des Strukturwandels, etwa der Textil- und der Uhrensektor. Die Schweizer Behörden reagierten, indem sie beispielsweise den Pharmasektor forcierten. Irland schliesslich war ein verhältnismässig schlecht entwickeltes Land; heute jedoch generiert die Regierung dank der Anwesenheit amerikanischer Tech-Firmen hohe Steuereinnahmen.In Luxemburg gibt es nur eine Tramlinie – seit kurzemDie Infrastruktur hat mit der wirtschaftlichen Expansion der drei Staaten nicht Schritt gehalten. Die Schweiz bewältigte das Wachstum zwar vergleichsweise gut, Luxemburg und Irland dagegen waren säumig. In den Hauptstädten beider Länder ist der öffentliche Verkehr völlig unterentwickelt. Luxemburg-Stadt ist fast so gross wie Bern, hat aber erst seit neun Jahren eine Tramlinie. Letztlich war die Wirtschaftspolitik aller drei Länder so erfolgreich, wie das vor Jahrzehnten niemand für möglich gehalten hatte.Eine Abkehr von der bisherigen Politik wäre riskant. Die Schweiz, Luxemburg und Irland sind wohlhabend, weil sie Ausländer anziehen, und diese kommen, weil die Länder eine so produktive Wirtschaft haben. Das eine bedingt das andere.Besonders die Schweiz und Luxemburg stecken in einem Dilemma. Falls sie sich von ihrem Wirtschaftsmodell abwenden, könnte eines Tages das Geld für den grosszügig ausgestalteten Sozialstaat fehlen. Wenn sie aber wie bisher weiterwachsen, ohne die Infrastruktur klug auszubauen, verschärfen sich die Engpässe – auch zum Schaden der Wirtschaft.Das sollte gerade auch Nachzüglern eine Lehre sein, beispielsweise Luzern. Der Kanton wirbt seit neuestem mit sehr günstigen Steuern um Firmen. Auch dagegen gibt es nichts einzuwenden – sofern die Regierung diese Strategie zu Ende denkt. Es braucht Investitionen in Wohnungen und in den öffentlichen Verkehr, die effizienteste Transportform, die es gibt.Passend zum Artikel