Overtourism an Social-Media-Hotspots: «Die Dynamik ist so enorm, dass die Orte keine Zeit haben, sich vorzubereiten»Die Ferienplanung per Smartphone führe zu Reiseströmen, die kaum mehr kontrollierbar seien, sagt der Luzerner Tourismusforscher Florian Eggli. Obergrenzen für Hotelbetten verschärften das Problem aber nur.25.05.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenVon den für die Touristen gebauten Dampfschiffen profitieren in Luzern auch die Einheimischen.Urs Flüeler / KeystoneHerr Eggli, SRF hat kürzlich einen Dok-Film über Overtourism ausgestrahlt, der von Touristikern als übertrieben und einseitig kritisiert wurde. Wie nehmen Sie persönlich den Tourismus in der Stadt Luzern wahr?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Beitrag bringt das Problem sehr pointiert auf den Bildschirm, indem er mit markanten Bildern arbeitet, die die Auswüchse des Massentourismus zeigen. Ich nehme diesen in Luzern zwar auch wahr, allerdings weniger akzentuiert. Über das Jahr hinweg gibt es tatsächlich Spitzentage, an denen es auf dem Schwanenplatz und in Teilen der Altstadt eng wird. Hier spürt man, dass die Zahl der Besucher in den vergangenen Jahren stets gestiegen ist. Es gibt aber auch viele Tage, an denen das Zusammenleben mit dem Tourismus sehr gut klappt. Die Stadt Luzern und der Tourismus stehen seit 200 Jahren in einer stetigen Wechselwirkung.Wie definieren Sie selbst Overtourism?Overtourism ist etwas sehr Subjektives – das Phänomen ist vielschichtig, situations- und kontextabhängig. So gibt es keine klare numerische Definition, ab wann und wo es zu Overtourism kommt. Jeder Einheimische, aber auch jeder Reisende entscheidet ganz persönlich, ob eine Situation für ihn ein Zuviel an Tourismus ist oder ob es noch akzeptabel ist. Es gibt viele Menschen, die ihr Reiseziel bewusst so aussuchen, dass sie auf ausgetretenen Pfaden unterwegs sind, wo sie durch die Anwesenheit anderer Touristen bestätigt werden.Das führt dazu, dass Overtourism auch hierzulande zum Thema geworden ist.Florian EggliPDDie Schweiz war immer eine Premium-Destination und nie ein Reiseland für die Massen. Dank ihrer Qualitätsstrategie zieht sie eine kaufkräftige Kundschaft an. Deshalb war Overtourism bis vor wenigen Jahren kein Thema. Zu Verwerfungen und Konflikten mit der Bevölkerung kam es jedoch schon zuvor. Kritik am Tourismus ist so alt wie der Tourismus selbst.Können Sie ein Beispiel aus früheren Zeiten nennen?Viele Luzerner waren gar nicht glücklich, als im 19. Jahrhundert der Quai aufgeschüttet wurde und die heute noch bestehenden Luxushotels für die elitären Gesellschaftsschichten gebaut wurden. Der Tourismus brachte aber auch Innovationen und Fortschritt. So etwa die ersten Lifte von Schindler oder die Elektrizität, von denen auch die Bevölkerung profitierte.Doch jetzt scheinen wir an einem Kipppunkt angelangt zu sein. Viele Leute haben offenbar das Gefühl, der Tourismus bringe ihnen nichts mehr, sondern schade nur.Diese Stimmen gibt es tatsächlich, und sie sind in den letzten Jahren zahlreicher und lauter geworden. Doch es gibt auch viele Leute, die mit der heutigen Situation zufrieden sind. So bringt der Tourismus nicht nur eine grosse Wertschöpfung mit sich. Im Alltag profitieren die Luzernerinnen und Luzerner beispielsweise von einem vielseitigen Freizeitangebot. Alle halbe Stunde legt ein Kursschiff ab. Die umliegenden Berge bieten gut ausgebaute Wanderwege, Seilparks und Mountainbike-Trails. Viele dieser Möglichkeiten wurden mit Geld finanziert, das im Tourismus verdient wurde.Trotzdem wächst die Unzufriedenheit. In Grindelwald haben in einer Umfrage 80 Prozent der Bevölkerung gesagt, dass es im Sommer zu viele Touristen habe. Das ist doch ein Alarmsignal.Zum einen ist die Zahl der Besuchenden in den letzten Jahren auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Es geht jedoch nicht nur um die Anzahl der Touristen, sondern auch um ihr Verhalten. Reisen wurde demokratisiert. Heute reisen viele Menschen aus Schwellenländern, in denen sich eine kaufkräftige Mittelschicht das Reisen leisten kann. Das führt zu Missverständnissen kultureller Art. Gäste aus solchen Ländern fotografieren, ohne zu fragen, betreten private Gärten oder streichen blonden Kindern übers Haar. Doch hier misst man manchmal mit zweierlei Mass.Wie meinen Sie das?Wenn man das eigene Reiseverhalten hinterfragt, stellt man fest, dass wir uns an fremden Destinationen nicht immer an die lokalen Regeln halten. So habe ich in Thailand beispielsweise schon eine Pizza bestellt, obwohl diese eigentlich nicht dorthin gehört. Daran sollte man vielleicht auch einmal denken, wenn man streng mit Touristen aus dem Ausland ist.Wie kann man das Verhalten von Touristen steuern, damit solche Konflikte nicht entstehen?Bei den Touristen muss ein Verständnis für die Bedürfnisse der Einheimischen geschaffen und auf deren erwünschtes Verhalten hingewiesen werden. Genau das macht Schweiz Tourismus mit seiner Initiative «Travel with care, leave with memories». Die in Swiss-Flügen gezeigten Videos und die Plakate in vielbesuchten Destinationen sollen solche Fauxpas verhindern. Zudem kann man mit einem geschickten Marketing und gezielter Produkteentwicklung jene Gäste anziehen, die man sich als Destination wünscht.Und trotzdem wird der Tourismus vermehrt als Belastung empfunden.Die Tourismusbranche hat es in den letzten Jahren verpasst, auf die Vorteile aufmerksam zu machen, die den Einheimischen zugutekommen. Man hat zu oft und zu einseitig auf die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus verwiesen. Doch der Tourismus muss ganzheitlich betrachtet werden. Es darf nicht nur um den Profit der grossen Player gehen. Man muss der Bevölkerung wieder vermehrt vermitteln, dass sich ein qualitativ hochwertiger Tourismus positiv auf die eigene Lebensrealität auswirkt und jedem Vorteile bringt. Zudem hilft eine starke Positionierung der Schweiz als Reiseland auch unzähligen anderen Branchen bei der Vermarktung ihres Angebots.Kann man das Reisen von heute überhaupt noch mit dem Tourismus vergleichen, wie es ihn vor zwanzig oder dreissig Jahren gab?Reisen war früher eine schwierige Aufgabe. Man musste sich in fremden Ländern zurechtfinden und Sprachen sprechen. Oft war man auf die Unterstützung eines Reisebüros angewiesen. Für Touristen von heute, auch aus den Schwellenländern, existieren diese Hürden nicht mehr. Sie benötigen nicht mehr dieselbe Reiseerfahrung, wie sie früher nötig war. Dank den Smartphones funktioniert heute alles viel intuitiver. Sie können zu jeder Zeit online buchen, sich problemlos durch Städte navigieren und sich mit einer App alles übersetzen lassen. Das führt zu den Reiseströmen, die nicht mehr kontrollierbar sind. Man kann nicht mehr Abkommen mit Touroperatoren abschliessen und dadurch eine Lenkungswirkung erreichen.Und wie lassen sich solche Individualreisende lenken?Zunächst müssen die Verantwortlichen festlegen, wohin die Touristen gelenkt werden sollen. Darauf muss die Infrastruktur ausgerichtet werden, beispielsweise hinsichtlich der Frage, wie viele Personen zu einem bestimmten Ort transportiert werden können. Das ist gar nicht so einfach, denn oft gehen die Meinungen darüber, ob es schon zu viele Touristen gibt oder eine Destination noch mehr Gäste vertragen würde, weit auseinander.Und dann?Es gibt keinen Mechanismus, mit dem sich Touristen in eine bestimmte Richtung zwingen lassen. Man kann aber beispielsweise Reizpunkte oder preisliche Anreize setzen. Luzern hat dies umgesetzt, indem es eine Gebühr von 100 Franken für Cars eingeführt hat, die in die Stadt fahren. Es kann auch sinnvoll sein, bestimmte Reiseziele gezielt zu fördern, beispielsweise Destinationen, die eher vernachlässigt werden. Wenn Influencerinnen und Influencer ihren Followern weniger bekannte Orte empfehlen, wirkt sich das sofort aus.Allerdings stellt Social Media auch ein Problem dar. Etwa dann, wenn bestimmte Hotspots plötzlich überrannt werden.Es gibt Beispiele von Orten, die kaum bekannt waren und plötzlich mit einem Ansturm und allen damit verbundenen Problemen zu kämpfen hatten, weil ein einziger Beitrag auf Social Media sie berühmt gemacht hat. So brachte es die Villa Honegg auf dem Bürgenstock zu weltweiter Bekanntheit, weil eine brasilianische Influencerin im Infinity-Pool der Hotelanlage posierte. Das Verzascatal wurde während der Corona-Pandemie in einem Post als «Malediven, 100 Kilometer entfernt von Mailand», bezeichnet. Daraufhin fuhr halb Oberitalien dorthin, die meisten natürlich mit dem Auto.Die Villa Honegg auf dem Bürgenstock wurde weltbekannt, weil dort im Infinity-Pool eine brasilianische Influencerin posierte.PDWarum ist in solchen Fällen ein Chaos kaum zu vermeiden?Die Dynamik ist so enorm, dass die Orte keine Zeit haben, sich vorzubereiten. Im Verzascatal gab es schlicht nicht genug Parkplätze. Das lässt sich auch nicht sofort ändern. Früher gab es viel längere Vorlaufzeiten. Man hatte Zeit, die Infrastruktur an Trends anzupassen. Heute kann der Ansturm über Nacht erfolgen – und ohne, dass es zuvor Anzeichen gab. So ist es mit dem Bootssteg von Iseltwald passiert, der durch eine Netflix-Serie unvermittelt bekannt wurde. Die Gemeinde und die Bevölkerung waren zunächst völlig ausgeliefert. Inzwischen verlangt die Gemeinde fünf Franken für ein Selfie auf dem Steg. Das zeigt, wie man reagieren kann.Asiatische Touristen machen Selfies auf dem Bootssteg von Iseltwald, der wegen einer Netflix-Serie berühmt wurde.Peter Klaunzer / KeystoneSind Eintrittsgebühren für überlaufene Orte wirklich eine Lösung? Auch Venedig verlangt neuerdings Gebühren und ist deshalb nicht weniger voll . . .Eine Gebühr von fünf Franken schreckt einen internationalen Gast, der Tausende Franken für Flug und Hotel ausgibt, selbstverständlich nicht ab. Aber es kann eine sinnvolle Massnahme sein, um Einnahmen zu generieren. Damit können die Begleitmassnahmen finanziert werden, die durch den Ansturm entstehen – wie die Abfallentsorgung oder öffentliche Toiletten. Das hat man in Iseltwald getan. Es ging weniger um ein Lenkungsinstrument als vielmehr um eine Refinanzierung für die Gemeinde.Nehmen die Touristinnen und Touristen eigentlich selbst wahr, dass sie Teil des Problems sein können?Ich glaube, den meisten Touristinnen und Touristen wird es vor allem dann bewusst, wenn sie an einem Ort sind, der ihnen selbst zu überlaufen ist. Niemand will in eine Touristenfalle tappen. Die meisten suchen ein authentisches, intimes Ferienerlebnis. Die Sensibilisierung der Gäste erfolgt daher oft über das eigene Wohlbefinden vor Ort. Kampagnen helfen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie es der lokalen Bevölkerung mit dem Ansturm ergeht.Doch nützen Youtube-Filme mit Verhaltensregeln etwas? Man weiss ja eigentlich, dass man Abfall nicht in die Landschaft werfen und keine fremden Gärten betreten sollte.Bevor eine solche Kampagne gestartet wird, testet man, was funktioniert. Welche Botschaft ist die richtige? Wie viel Humor ist angemessen? Was löst der erhobene Zeigefinger aus? Natürlich erreicht man damit nie hundert Prozent. Aber es ist ein wichtiges Signal – sowohl an die Besuchenden als auch an die einheimische Bevölkerung. Es zeigt, dass die Sorgen ernst genommen und die Probleme angegangen werden.Touristen an einem ganz normalen Werktag in Luzern: Bei Einheimischen entsteht oft Dichtestress.Alexandra Wey / KeystoneEinem Teil der Bevölkerung genügt dies nicht. In Luzern wurde jetzt eine Initiative lanciert, die eine Obergrenze für Hotelbetten vorsieht. Was kann das bewirken?Wenn man einen qualitativ hochwertigen Tourismus will – also weg vom schnellen Tagestourismus hin zu Gästen, die länger bleiben und Wertschöpfung generieren –, dann ist ein Hotelbetten-Stopp kontraproduktiv. Die Hotellerie muss sich weiterentwickeln können. Sie muss auf veränderte Bedürfnisse reagieren und beispielsweise Wellness-Landschaften oder neue Zimmerkategorien schaffen. Wenn man den Markt hier nicht spielen lässt, würgt man diese Entwicklung ab und verpasst die Chance, ein Angebot für diejenigen Gäste zu schaffen, die man wirklich haben möchte.Das heisst, die Initiative setzt Anreize in die falsche Richtung?Genau. Begrenzt man die Hotels, fördert man jene Gruppen, die per Car für ein schnelles Foto und den Uhrenkauf kommen, aber keine nachhaltige Wertschöpfung hinterlassen. Verbote führen gleichzeitig dazu, dass sich die Tourismusströme andere Wege suchen. Das sieht man bereits bei der Regulierung von Airbnb: Seit in der Stadt Luzern der Wohnraum für Übernachtungen eingeschränkt wird, verlagert sich das Angebot in Nachbargemeinden wie Kriens.Wir stimmen demnächst über die SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz ab, bei der es ebenfalls um den Dichtestress geht. Ist es Zufall, dass zur gleichen Zeit auch Overtourism zum Thema wird?Nein, es gibt ja offensichtliche Parallelen: Bei beiden Themen geht es im Kern um die Angst vor dem Verlust der Identität und um einen gefühlten Dichtestress. Interessant ist allerdings die politische Rollenverteilung: Die Linke wehrt sich vehement gegen Overtourism, lehnt aber eine Begrenzung der Zuwanderung ab. Bei der rechtsbürgerlichen Seite ist es genau umgekehrt: Man bekämpft die Zuwanderung, verteidigt im Tourismus aber primär den Wirtschaftsfaktor und die finanzielle Wertschöpfung.Angesichts geopolitischer Spannungen oder des Klimawandels: Wie muss sich der Tourismus verändern, um den Krisen zu begegnen?Destinationen müssen sich sowohl geografisch als auch saisonal breiter aufstellen, um nicht von einem einzelnen Herkunftsmarkt oder einer kurzen Saison abhängig zu sein. Fällt ein Markt aufgrund von einer Krise oder Flugverboten plötzlich weg, müssen andere Segmente den Ausfall kompensieren können. Diese Diversifizierung sehen wir in der Schweiz bereits seit einigen Jahren: So stellen verschiedene klassische Sommer- oder Winterferienorte schrittweise auf Ganzjahresbetrieb um. Und etwas Zweites gewinnt im unsicheren Umfeld an Bedeutung.Nämlich?Der Heimmarkt. Er bildet ein krisenresistentes Fundament. Touristen aus der Schweiz machen schon jetzt rund die Hälfte aller Feriengäste aus. Sie werden in Zukunft noch bedeutsamer werden. Bereits während der Corona-Pandemie haben wir gesehen, wie wichtig der Binnenmarkt ist – also einheimische Feriengäste, die sich mit dem Land verbunden fühlen. Nicht jedes Land hat diesen Vorteil im selben Ausmass wie die Schweiz.Das alles bedeutet aber, dass das Tourismusgeschäft komplexer wird und schöne Bilder der Schweizer Berge nicht mehr genügen.So ist es – und deshalb wird die Ausbildung wichtiger. Früher reichte ein rein betriebswirtschaftliches Studium aus, das auf Marketing und Verkauf fokussiert war. Heute müssen Touristiker in unterschiedlichen Szenarien denken und auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren können. Sie müssen Lebensräume ganzheitlich managen und dürfen nicht mehr nur eine einseitig touristische Perspektive einnehmen. Und sie müssen in der Lage sein, in einen echten Dialog mit der Bevölkerung zu treten. Nur so bleibt die Akzeptanz des Tourismus auch in Zukunft erhalten.Tourismusexperte mit Wohnort LuzernFlorian Eggli leitet seit März dieses Jahres das Institut für Tourismus und Mobilität an der Hochschule Luzern. In seiner Dissertation «Leben mit dem Tourismus in Luzern: Wie Menschen einen touristischen Ort bewohnen» befasste er sich mit der Frage, welche Auswirkungen der Tourismus für Einheimische und Reisende hat. Eggli kennt die Branche aus unterschiedlichsten Perspektiven, von der Praxis bis zur Forschung.Passend zum Artikel