Ausgerechnet vor einer Tankstelle ist in Zürich ein Velo-Highway geplant. Deren Kunden müssten einen langen Umweg fahren. Kein Problem, sagt die StadtDer Betreiber fürchtet um die Existenz – die Stadt rät ihm, die Kunden mit einem «attraktiven Treibstoffpreis» bei der Stange zu halten.20.07.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenJust an der Tankstelle wurde eine Veloroute geplant.Goran Basic / NZZDie Stadt Zürich baut ein 130 Kilometer langes Netz von Velorouten kreuz und quer durch die Stadt und geht bei der Umsetzung ziemlich radikal vor. An vielen Strassen werden so gut wie alle Parkplätze abgebaut. Auch auf Schulweg-Übergänge oder auf Anlieferungen von Gewerbebetrieben nehmen die Planer wenig Rücksicht, wie mehrere Beispiele zeigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Da verwundert es nicht, dass auch eine Tankstelle aus Sicht der Planer kein Grund sein kann, die Route anders zu führen – obwohl sich für einen Betrieb, der auf Autofahrer ausgerichtet ist, zwangsläufig Existenzfragen stellen.Genau diese Situation liegt im Kreis 6 vor. Hier hat Muhedin Skalonjic vor drei Jahrzehnten seine erste Tankstelle eröffnet und damit den Grundstein für seine wirtschaftliche Existenz gelegt. Skalonjic, der in den 1990er Jahren aus Bosnien in die Schweiz eingewandert ist, machte aus «Scall» ein schweizweit tätiges Unternehmen mit zwanzig Filialen.Was damals niemand wissen konnte: dass just hier an der Sonneggstrasse eine Veloroute gebaut werden würde.Stadt braucht für Beschluss fast zwei JahreAuf der Veloroute würden zwar auch Autos verkehren können, aber nur noch im Einbahnregime. Dadurch würde die Zufahrt zur Tankstelle erheblich komplizierter. Skalonjic schätzt, dass das neue Veloregime den Umsatz für seine Tankstelle halbieren würde.Gegen Velorouten an sich hat Skalonjic nichts. Aber Bedarf auf der Sonneggstrasse sieht er nicht: Es gelte darauf bereits Tempo 30, und es gebe für Automobilisten künstliche Verengungen. Sicherheitsrisiken für Velofahrer seien nicht erkennbar.Die Tankstelle sei auch eine Art Quartiertreff, wo man einen Kaffee trinken könne, sagt Skalonjic. Sie ist eine der wenigen Tankstellen im Kanton, bei denen Angestellte das Tanken übernehmen und die Scheibe putzen. Ohne beidseitige Zufahrtsmöglichkeiten und ohne Parkplätze werde die Strasse «tot» sein. Das sei auch für kleine Läden im Quartier ein Problem. Über zwei Dutzend Parteien haben gemeinsam mit ihm Einsprache erhoben, in erster Linie Gewerbetreibende und Anwohner aus dem Quartier.Die Velorouten-Initiative der SP wurde 2020 an der Urne klar angenommen. Lokal stösst die Umsetzung durch das Tiefbauamt unter Simone Brander (SP) aber auf Widerstand – vor allem aufgrund des meist massiven Parkplatzabbaus.Erste Instanz für Beschwerden war im Kreis 6 die Stadt selbst. Fast zwei Jahre lang hat sich der Stadtrat Zeit gelassen, jetzt liegt das Verdikt vor. Es ist aus Sicht von Skalonjic erstaunlich. Dies nicht unbedingt deshalb, weil die Stadt die Einsprache abgelehnt hat. Sondern weil sie keine Anzeichen sieht, dass die Existenz der Tankstelle gefährdet sein könnte. So steht es im Stadtratsbeschluss.Es ist rechtlich gesehen ein entscheidender Punkt. Zwar müssen Gewerbebetriebe grundsätzlich damit leben, dass sich Verkehrsführungen ändern. Ist aber die wirtschaftliche Existenz bedroht, ist die Massnahme «allenfalls unverhältnismässig», wie der Stadtrat schreibt. Das sei hier aber nicht der Fall. Der Besitzer bleibe den Beweis dafür schuldig.Dass die Zufahrt mit dem Auto erschwert würde, gibt die Stadt im Beschluss freimütig zu. Die zusätzliche Fahrzeit liegt je nach Anfahrtsweg bei bis zu rund drei Minuten. Aber der Betreiber müsse selbst für ein gutes Angebot besorgt sein, dann werde er einen Teil seiner Kundschaft behalten, so die Stadt sinngemäss: «Nach allgemeiner Lebenserfahrung sind viele Fahrzeuglenkende bereit, für einen attraktiven Treibstoffpreis einen kleineren Umweg in Kauf zu nehmen.»Eine Aussage, über die Muhedin Skalonjic nur den Kopf schütteln kann. Ihn störe zudem, dass die Stadt weder mit ihm noch mit anderen Gewerbetreibenden im Quartier jemals das direkte Gespräch gesucht habe. Stadträte träten nur an öffentlichen Veranstaltungen auf, wo ortsfremde, mit den lokalen Verhältnissen nicht vertraute Stimmen den Ton angäben. Mit Gewerbetreibenden aus dem Quartier gebe es keinen Dialog.Auffällig ist, wie lange der Stadtrat für seinen Beschluss gebraucht hat. Dies, obwohl die rot-grünen Parteien Einsprachen gegen Velorouten gerne kritisieren, weil diese die Umsetzung verzögerten. Auf Anfrage schreibt die Stadt, eine solche Prüfung brauche Zeit, zumal mehrere Departemente involviert seien. Besonderes Augenmerk habe man auf die Parkplatzaufhebungen gelegt und die Interessen sorgfältig abgewogen.Diese Abwägung hat ergeben, dass rund die Hälfte aller Parkplätze im Umfeld der Veloroute gestrichen werden soll, nämlich 65 von 124.Zur Kritik an der Kommunikation schreibt die Stadt, es sei nicht möglich, auf der 7 Kilometer langen Strecke alle Gewerbetreibenden im Voraus zu kontaktieren. Diese hätten sich aber über die normalen Verfahren einbringen können.Von 130 geplanten Kilometern sind erst 5,36 gebautDie Stadt hat bisher von den anvisierten 130 Kilometern Veloroute lediglich deren 5,36 realisiert. Anwohner haben an mehreren Orten Rechtsmittel ergriffen, zum Beispiel in Wollishofen oder in Höngg. Auch im Kreis 6 dürfte die Umsetzung noch länger auf sich warten lassen, denn über zwei Dutzend Gewerbetreibende haben den Entscheid der Stadt angefochten. Die nächste Instanz ist das Baurekursgericht.Zusätzlich zum Rechtsweg hat Muhedin Skalonjic eine Petition lanciert. Innert zehn Tagen hätten über 500 Leute unterschrieben. Titel: «Unterstützen Sie Ihre Lieblings-Tankstelle.»Passend zum Artikel