Handwerker verzweifeln an Parkplatzsuche: Die einen zahlen knurrend Bussen, die anderen schicken ihre Mitarbeiter mit dem Velo auf die BaustelleFür die Gewerbetreibenden ist der Parkplatzabbau in der Stadt Zürich ein tägliches Ärgernis – doch sie haben Strategien entwickelt.16.07.2026, 05.00 Uhr6 LeseminutenParkplätze in der blauen Zone gibt es in Zürich immer weniger – das ist auch für Handwerker ärgerlich.Michael Buholzer / KeystonePeter Epting führt seit 46 Jahren eine Schreinerei im Kreis 1. Die Werkstatt ist idyllisch gelegen, in der Nähe des Lindenhofs. Doch der Ort hat einen gewichtigen Nachteil: Seit einigen Jahren gibt es in der Nähe keine Parkplätze mehr. Sind er oder seine Mitarbeiter in der Werkstatt beschäftigt, bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als regelmässig Bussen in Kauf zu nehmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch wenn Epting seinen Radius erweitert, bleibt legales Parkieren eine Herausforderung: «Blaue Parkfelder gibt es im Kreis 1 gar keine mehr», sagt er. «Und wenn ich jene meiner Wagen, die von der Höhe her überhaupt ins Uraniaparkhaus passen, dort abstellen will, muss ich viel Glück haben: Spätestens ab Mittag ist dort nämlich kein Platz mehr.»Epting hat aus der misslichen Lage einen Grundsatz für sein Unternehmen gefasst: Er hat ein hohes Parkbudget. Es enthält neben den speziellen Bewilligungen, die Gewerbetreibende bei der Stadt beantragen können, mehrere tausend Franken für Bussen. Im vergangenen Jahr belief sich der Betrag auf rund 8000 Franken. Und Epting sagt: «So wie es ausschaut, werden es in diesem Jahr sogar eher 9000 Franken.»Ein Bussenbudget, das wächstFür den Anstieg sieht Epting vor allem zwei Gründe: Einerseits hat die Stadtregierung in den letzten Jahren mehrere hundert Parkplätze pro Jahr abgebaut. Andererseits hat Epting bei den Polizeiangestellten, die die Kontrollen durchführen, einen Generationenwechsel festgestellt: «Die Neueren sind weniger kulant.»Epting sagt, dass sich die Parkplatzsuche bei einem Termin von ein bis zwei Stunden kaum lohne. Es dauere einfach zu lange. Auch die Gewerbeparkkarte der Stadt hilft nur begrenzt: Sie gilt nur in der blauen Zone. Der Wagen seiner Angestellten bleibt dann manchmal einfach im Parkverbot oder auf dem Trottoir stehen. Der Chef bezahlt.Epting nimmt also bewusst in Kauf, gebüsst zu werden. Aber manchmal gibt es Dinge, die selbst ihn überraschen: Kürzlich stellte er seinen Wagen auf dem Beatenplatz in eine für «Gewerbe und Güterumschlag» designierte Zone. Als er nach einer Weile zurückkam, hatte er einen Zettel. Bei der Stadtpolizei heisst es, dass dort nur Güterumschlag erlaubt sei. Wer sein Auto stehen lassen wolle, brauche eine Tagesbewilligung. Epting sagt, die hole er sich jeweils nur, wenn er das Auto wirklich den ganzen Tag irgendwo stehen lasse.Der Schreiner nimmt das alles gelassen. Aber er weiss, dass auswärtige Kollegen wegen der Park- und Verkehrssituation zum Teil nur noch widerwillig Aufträge in der Stadt annehmen: Oberländer Handwerker kämen zum Teil nur noch bis zum Kreuzplatz, erzählt er.Die Stadt bietet Gewerbetreibenden eine Parkkarte für 480 Franken im Jahr an, die von bis zu 6 Fahrzeugen genutzt werden darf.Christoph Ruckstuhl / NZZDie Freiheit ausserhalb der StadtDaniel Brunner freut es ein bisschen, wenn er solche Geschichten hört: «Dann bleibt mehr Arbeit für uns», sagt er. Brunner hat seinen Schreinerbetrieb Anfang des Jahres aus dem Kreis 5 nach Dällikon verlegt.Nun hat der Schreiner mit seinen 50 Mitarbeitenden nicht nur mehr Platz. Auch die Zufahrt für Lieferanten sei nun deutlich einfacher, sagt er. Die Verkehrssituation in der Stadt beschäftigt ihn jedoch weiter: Seine Kundschaft befindet sich vor allem in Zürich und im engeren Umland.Daniel BrunnerDenise AckermannBrunner sagt, dass er schon seit etwa zehn Jahren die Kosten für die Suche nach Parkplätzen, Gebühren oder die nötigen Bewilligungen auf die Kunden abwälze: «Es geht ja nicht anders.» Das gebe dann manchmal Diskussionen, Tendenz steigend.Brunner hat Verständnis dafür, dass sich die Bedürfnisse der Bevölkerung verändern. «Der Münsterhof ist wunderschön ohne Parkplätze», sagt er. Aber er sehe zu oft leere Veloständer, wo man früher noch Autos habe abstellen können: «Die Stadt schiesst über das Ziel hinaus.»Brunner wäre mit seiner Firma gerne in der Stadt geblieben. Der Schreinerbetrieb wurde 1947 von seinem Grossvater im Kreis 4 gegründet, später zog er an die Josefstrasse um. Aber irgendwann war die Werkstatt in einem Innenhof zu eng. Er habe sich auch in der Stadt Zürich umgeschaut, aber nichts Passendes gefunden, sagt Brunner. Die Geschichte der Schreinerei Brunner deckt sich mit der Statistik: Die Zahl der Arbeitsstätten des produzierenden Gewerbes in der Stadt ging zwischen 2011 und 2022 ebenso zurück wie die Zahl der Beschäftigten.Den Firmensitz hat Brunner allerdings vorerst im Kreis 5 belassen. Das erleichtert ihm den Zugang zu Bewilligungen – auch für Parkplätze. Er werde einmal beobachten, ob sich das auch finanziell lohne, sagt er.Die Idee des GrossvatersAuch die Familie Hunziker hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein Firmensitz mitten in der Stadt noch Sinn ergibt. Das war vor etwas mehr als zehn Jahren, als klar war, dass der charakteristische bunte Bau des Malergeschäfts an der Kanzleistrasse dringend erneuert werden musste.Seit drei Jahren steht am gleichen Ort ein Ersatzneubau mit dem Firmenschild Armin Hunziker AG, einer Werkstatt und 50 Wohnungen. «Wir haben uns bewusst fürs Bleiben entschieden», sagt Stefanie Hunziker, die das Geschäft zusammen mit ihrem Bruder Oliver in vierter Generation führt. Die Lage sei sehr gut, man komme quasi sternförmig in absehbarer Zeit überall in der Stadt hin. Sie sagt: «Es war uns damals bewusst, dass sich politisch wohl nicht sehr viel ändern wird in der Stadt.»Dabei führte schon Stefanies Grossvater, der ab 1975 in zweiter Generation die Firma leitete, eine Praxis ein, die eigentlich perfekt zur rot-grünen Verkehrspolitik der Gegenwart passt. Die meisten Mitarbeiter des Malergeschäfts fahren morgens eigenständig zum Einsatzort, das Material wird angeliefert. Hunzikers Grossvater wollte damit etwas gegen die unproduktiven Stunden am Morgen unternehmen: jene Zeit, in der Mitarbeiter ankommen und erst einmal Kaffee trinken.Stefanie und Oliver haben die Praxis nicht nur beibehalten, sondern verfeinert: So haben sie die Zahl der Lieferwagen verringert, und die Fahrzeuge sind heute kleiner und wendiger. Für leichtere Transporte kommen Lastenvelos zum Einsatz. Die meisten Mitarbeiter nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel, um zur Baustelle zu kommen. Die Akzeptanz sei gross, sagt Stefanie Hunziker. «Etwa die Hälfte unserer 75 Mitarbeiter kann nicht Auto fahren. Und oft sind sie mit dem öV schneller.»Stefanie HunzikerPDUmso unverständlicher ist es für Hunziker, wie viel sie die Verkehrspolitik der Stadt in ihrem Alltag dennoch beschäftigt. Denn obwohl die Firma den Einsatz ihrer Dienstwagen auf ein Minimum reduziert hat, bekommt sie noch etwa alle zwei Wochen eine Parkbusse. Das Auto in der Nähe einer Baustelle legal zu parkieren, werde immer schwieriger, weil in der Stadt immer mehr Parkplätze verschwänden, sagt Stefanie Hunziker.Dazu komme die Verkehrsplanung in den Quartieren: Die Strassen um den Firmensitz der Hunziker AG sollen noch weiter beruhigt werden. Nun droht die Gefahr, dass die Dienstwagen des Malerbetriebs nur noch in eine Richtung wegfahren können und Lieferanten auf der Kreuzung abladen müssen. Hunziker erzählt dies mit einer Mischung aus Resignation und Belustigung. Aber sie sagt auch: «Manchmal frage ich mich, ob das Gewerbe in der Stadt überhaupt noch erwünscht ist.»Offenbar ist Stefanie Hunziker mit diesem Gefühl nicht allein. In der neuesten Firmenbefragung, welche die Stadt Zürich alle vier Jahre durchführt, empfinden vor allem die produzierenden Betriebe, dass sich die Rahmenbedingungen für sie verschlechtert haben. Als Gründe werden die hohen Mieten und Platzmangel, regulatorische und administrative Hürden, aber auch der Verkehr und die Erreichbarkeit genannt. Allgemein rangiert die Verkehrssituation unter den grössten «Schwächen» des Standorts; wobei das Problem ebenfalls vor allem von den Branchen der Produktion/Industrie und dem Bau genannt wird. Dabei geht es den Befragten allerdings dezidiert um den motorisierten Verkehr, während das ÖV-Angebot und auch die Veloinfrastruktur als gut beurteilt werden. Am schlechtesten bewertet wird – seit zwanzig Jahren bereits – die Parkplatzsituation in der Innenstadt.Passend zum Artikel