Wenn einer es wissen muss, dann er: unterwegs im Quartier mit einem Polizeiangestellten, der jene Zettel verteilt, die niemand haben will.Es gibt in Zürich zahlreiche Parkplätze, die längst nicht mehr existieren, aber weiterhin rege genutzt werden. Nacht für Nacht. Sie sind die Untoten der städtischen Strassensignalisation. Die Geisterparkplätze.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Autos stehen genau dort, wo früher einmal Markierungen waren. Das Erstaunliche daran ist: Es hat keinerlei spürbare Folgen. Man müsste meinen, dass solches Verhalten eine Flut von Parkbussen zur Folge hat, aber dies ist erwiesenermassen nicht der Fall. Es ist ein Rätsel – gerade für alteingesessene Quartierbewohner, die über die Jahre mitverfolgt haben, wie das Phänomen um sich griff.An einem heissen Sommernachmittag in Zürich Wiedikon soll das Geheimnis der Geisterparkplätze gelüftet werden. Mithilfe des Polizeiangestellten Pierre Thalmann. Sein richtiger Name darf hier nicht genannt werden, zum Schutz seiner Privatsphäre. Er erledigt einen Job, mit dem man sich nicht nur Freunde macht: «Kontrolle ruhender Verkehr» (KRV) heisst die Abteilung im Jargon.Treffpunkt ist eine Strassenecke, wo Anwohner das Phänomen der Geisterparkplätze täglich vom Balkon aus beobachten. Thalmann passt allerdings sichtlich schlecht in eine Mystery-Geschichte. Er hat ein betont helles Gemüt – entspannter Gang, die Sonnenbrille lässig auf der Nase, graumelierter Bart, gewinnendes Lachen. Würde George Clooney in Zürich Bussen verteilen: Etwa so müsste man sich das vorstellen.Trotzdem ist er der ideale Kandidat, um das Rätsel zu lösen, denn das Quartier kennt er in- und auswendig. Er hat früher selbst einmal an dieser Strasse gewohnt. Heute hat er hier sein Revier, wo er regelmässig auf Kontrollgang ist, 20 000 Schritte pro Arbeitstag.In dieser Gegend gibt es zum Beispiel jene Parkfelder in der Seitenstrasse, die im Rahmen einer Verkehrsberuhigung abgebaut worden sind und wo viele nach Feierabend trotzdem das Auto abstellen, aus Gewohnheit. Und dann ist da diese Ecke an der Kreuzung, die strenggenommen noch nie ein Parkplatz war. Aber in den letzten Jahren gab es kaum einen Abend, an dem sie nicht früher oder später besetzt war. Als würde dort eine Art Notrecht durchgesetzt.Der Grund ist einfache Mathematik: In Wiedikon hat die Stadtverwaltung allein in den vergangenen fünf Jahren 130 bis 200 Parkplätze abgebaut – je nach Zählweise. Weil sie zwischendurch die Erfassungsmethode geändert hat, herrscht einige Unklarheit. So oder so ist mindestens jeder zehnte Parkplatz verschwunden. Und weil 59 Prozent der städtischen Stimmberechtigten am letzten Sonntag eine Initiative verwarfen, die gegensteuern wollte, geht das so weiter.Während sich das Angebot reduziert, änderte sich die Nachfrage kaum. Die Zahl der Autos ist hier seit 2003 sogar leicht gestiegen, obwohl Wiedikon in dieser Zeit zu einem Trendquartier geworden ist, zu einer Hochburg links-grün wählender Hipster und neuerdings sogar zu einem Netto-Null-Pilotquartier. Pro tausend Einwohner sind heute zwar deutlich weniger Fahrzeuge registriert als damals, aber weil die Gesamtbevölkerung stark gewachsen ist, gleicht sich das aus.Wer abends spät heimkommt, hat Pech gehabtSeit zehn Jahren kontrolliert Thalmann schon parkierte Autos. Weil er bei der Arbeit aber Uniform trägt, wird er fast überall hinzugerufen, wo Hilfe gefragt ist. Einmal habe er sich neben ein Mädchen gesetzt, das laut weinte und nicht ansprechbar war. Nach einer Weile seien sie dann doch ins Gespräch gekommen. «Sie hatte einfach einen ganz schlechten Tag.»«Das ist jetzt ein bisschen blöd für den.» – Pierre Thalmann (Name geändert) muss einen Bussenzettel verteilen.Später, bei der Verabschiedung, habe sie gefragt, ob sie ihn umarmen dürfe. Für Thalmann kein Problem, da er ohne Waffe unterwegs ist – sonst wäre das ein zu grosses Risiko. Es sei für ihn nicht die erste solche Umarmung gewesen, erzählt er amüsiert – «das Gleiche ist mir auch schon einmal mit einem Zwei-Meter-Mann passiert».Thalmann wechselte einst von einer Bank zur Stadtpolizei, weil er drei Kinder hat und einen Teilzeitjob suchte, der mit den Schulzeiten kompatibel ist. Bereut hat er das nie. «Bei der Polizei gibt es viel Zusammenhalt und Ehrlichkeit», sagt er, «das kannte ich von der Bank in dieser ausgeprägten Form nicht.»Einen verschärften Konkurrenzkampf um die rarer werdenden Parkplätze hat Thalmann in all diesen Jahren nicht wahrgenommen. «Die Leute passen sich an die veränderten Umstände an», vermutet er.Er weiss aber, wie ärgerlich es ist, wenn dann auch noch etliche Parkfelder mit Baumaschinen zugestellt sind – im rundum erneuerten Wiedikon ein Dauerzustand. «Wer zum Beispiel Fussballtrainer ist und erst um 10 Uhr abends heimkommt, hat vielleicht Pech und stellt das Auto darum ausserhalb der Parkzone hin.»Langjährige Quartierbewohner können ein Lied davon singen, je länger, desto häufiger. Am besten passt ein uralter Song von Grönemeyer:Ich dreh jetzt schon seit StundenHier so meine RundenIch finde keinen ParkplatzIch komm zu spät zu dir, mein SchatzSpätestens nach der dritten Wiederholung und der dritten Runde um den Block gibt jeder entnervt auf – und parkiert an der Ecke.
Weniger Parkplätze, mehr Wildparkierer, aber gleich viele Bussen – ein Zürcher Rätsel
Wenn einer es wissen muss, dann er: unterwegs im Quartier mit einem Polizeiangestellten, der jene Zettel verteilt, die niemand haben will.









