Parkplatzprobleme in Zürich? Gebe es nicht, findet Stadträtin Simone Brander. Doch in den nächsten Jahren dürften rund tausend Plätze pro Jahr verlorengehenAm 14. Juni kommt eine Initiative gegen grossflächigen Parkplatzabbau an die Urne. Der Stadtrat bekämpft sie mit fragwürdigen Zahlen aus den achtziger Jahren.20.05.2026, 16.00 Uhr5 LeseminutenDer Parkplatz Mythenquai, fotografiert am Dienstag, 16. Juli 2024 in Zuerich. Die Stadt Zuerich baut rund 250 Parkplaetze ab und baut einen Park direkt am See.(KEYSTONE/Christian Beutler)Christian Beutler / KeystonePatrick Wälti ist Inhaber einer Haustechnikfirma in Zürich Wollishofen. Auf das Thema Parkplatzangebot ist er schlecht zu sprechen. Eine Viertelstunde pro Kunde müssten seine Monteure mittlerweile veranschlagen, um einen Parkplatz zu suchen, sagt er. «Sie machen keine Znüni-Pausen mehr, um früher Feierabend zu machen. Sonst finden sie keinen Parkplatz mehr in der blauen Zone.» Ab 16 Uhr sei diese voll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Fahrzeugeinsatz sei unabdingbar, sagt Wälti. «Eine elektrische Notheizung wiegt 35 Kilo, eine Wärmepumpe 80 Kilogramm und mehr. Das kann man weder mit dem Tram noch mit dem Lastenvelo transportieren», sagt Wälti.«Es sind genug Parkplätze vor­handen»Ganz anders klingt es, wenn man der Tiefbauvorsteherin Simone Brander (SP) zuhört. Man könnte meinen, es gebe in Zürich keine fluchenden Handwerker hinter dem Steuer, keinen politischen Konflikt ums Auto und um dessen Abstellplätze. Die Stadträtin sagt: «Es sind genug Parkplätze vor­handen. Und es werden laufend mehr.»Wälti ist Mitinitiant der Parkplatzkompromiss-Initiative – Brander bekämpft sie. Das Volksbegehren, das am 14. Juni an die Urne kommt, fordert, dass die Zahl der Parkplätze in der Stadt Zürich auf dem Stand von 2025 eingefroren wird. Hinter der Initiative stehen die bürgerlichen Parteien und der Stadtzürcher Gewerbeverband. Wird sie angenommen, darf die Stadt Parkplätze auf öffentlichem Grund zwar weiterhin aufheben. Sie muss im selben Quartier aber Ersatz schaffen.Aus Sicht der Initianten ist das Begehren nötig, um zu verhindern, dass Leute aus der Stadt gedrängt würden, die auf das Auto angewiesen seien. Der Stadtrat hält es für überflüssig und schädlich. Die beiden Seiten sind sich aber nicht nur uneinig darüber, ob es überhaupt ein Problem gibt. Sie streiten auch über grundlegende Zahlen.Im Abstimmungsbüchlein spricht der Stadtrat von 200 000 privaten Parkplätzen in der Stadt Zürich. Die Zahl hat eine kuriose Entstehungsgeschichte. Sie beruht auf einer Zählung, die Arbeitslose und Studenten in den achtziger Jahren durchgeführt haben. «Höchst unseriös» sei das, sagt Nicole Barandun, Präsidentin des Zürcher Gewerbeverbands, Mitte-Nationalrätin und Mitinitiantin.Die Stadt verteidigt die Zahl. 200 000 Parkplätze seien sogar «konservativ geschätzt», es seien wohl noch mehr, weil Bauherren Parkplätze erstellen müssten und in Zürich bekanntlich rege gebaut worden sei. Die Stadt führt allerdings erst seit 2023 eine Statistik zu diesen Parkplätzen. Seither seien 6000 Parkplätze bewilligt worden, heisst es bei der Stadt.Auf dieser Grundlage kommt die rot-grüne Stadtregierung zu ihrem Fazit, dass es in der Stadt Zürich mehr als genug Abstellmöglichkeiten gebe. Die Fahrzeuge sollen sich in private Tiefgaragen verschieben. So wie es die neue Parkkartenverordnung bereits vorsieht, die die Stimmberechtigten letzten Herbst angenommen haben. Anwohner erhalten seither nur noch dann eine Jahreskarte für die blaue Zone, wenn sie beweisen können, dass sie keinen privaten Parkplatz mieten können.Doch den Initianten geht es um eine ganz andere Zahl – jene der öffentlich zugänglichen Parkplätze. Hier ist der Abbau offenkundig. Die Stadt selbst schreibt im Abstimmungsbüchlein, in den letzten drei Jahren seien rund 1000 öffentliche Parkplätze «umgenutzt» worden.Gemäss Abstimmungsbüchlein werden in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren weitere 9000 bis 11 000 oberirdische Parkplätze verschwinden. Die Initianten schätzen, dass die Zahl leicht höher sein wird, nämlich 1000 Plätze pro Jahr, die meisten davon in der blauen Zone. Denn in letzter Zeit habe sich die Abbaudynamik verstärkt.Gerade in den letzten Wochen präsentierte die Stadt Strassenbauprojekt um Strassenbauprojekt mit grossflächiger Parkplatztilgung. In Altstetten-West zum Beispiel werden 224 von 361 Parkplätzen in der blauen Zone verschwinden. Dass mehr blaue als weisse Parkplätze verschwinden, ist typisch, denn es gibt in den Quartieren mehr davon. Die Zahl blauer Parkplätze, die für Anwohner wie Besucher wichtig sind, ist innert zehn Jahren von rund 34 000 auf unter 30 000 gesunken. Dies, während die Zahl der in der Stadt Zürich eingelösten Fahrzeuge seit Jahren bei 130 000 verharrt.Hier sehen die Initianten das Problem. Christoph Zürcher, der auf seiner Website Quartierparkplätze.ch seit Jahren Parkplatzabbauten transparent macht, wirft der Stadtregierung vor, blind für verschiedene Lebensrealitäten zu sein. «Der Stadtrat geht vom Büroangestellten aus, der in zehn Velominuten am Arbeitsplatz sein kann. Aber das gilt nun einmal nicht für alle. Wer auf ein Auto verzichten kann, ist privilegiert.» Eine mühsame Knieoperation, ein Jobverlust oder ein Pflegefall im engsten Umfeld könne dies über Nacht ändern, sagt Zürcher.Für die Initiative engagieren sich neben Privatpersonen wie Christoph Zürcher auch Spitex-Mitarbeiterinnen und Handwerker. Der Stadtrat argumentiert zwar, dass Handwerker mit der neuen Gewerbeparkkarte auch auf dem Trottoir parkieren könnten, also nicht mehr auf die blaue Zone angewiesen seien. Doch dies lassen die Initianten nicht gelten.Parkkarte löst das Problem der Gewerbler nichtErstens funktioniere die Trottoirregelung nur auf breiten Trottoirs, zweitens umfasse die Lösung auch nicht alle Formen der Anlieferung, drittens seien Gewerbler nach Feierabend auf einen Platz in der blauen Zone angewiesen. Hinzu kommt, dass die Parkkartenverordnung noch nicht in Kraft, sondern auf unbestimmte Zeit blockiert ist – weil der Fussgängerverein sich gegen das Parkieren auf dem Trottoir rechtlich wehrt.Für den rot-grün dominierten Stadtrat ist so oder so klar, dass die Initiative abzulehnen sei. Andernfalls würde sich die Stadt «dem Diktat des Autos unterwerfen», sagt Simone Brander. Ohne Parkplatzabbau wäre der für Sicherheit und Hitzeminderung wichtige Umbau des Strassenraums in Grünräume nicht mehr möglich. Denn Ersatzparkplätze zu schaffen, sei so gut wie unmöglich.Die Initianten widersprechen dezidiert. Die Stadt dürfe für solche Zwecke nach wie vor Parkplätze abbauen, das sei sogar willkommen. Und es sei machbar, anderswo im Quartier Parkplätze zu schaffen. Die Stadt müsse aber etwas Kreativität beweisen. Denkbar sei beispielsweise, öffentlich zugängliche Parkplätze in privaten Parkhäusern zu schaffen. Diese Möglichkeiten gebe es. Die Stadt habe sie schlicht nicht abgeklärt.Der Zahlenstreit fusst letztlich auf verschiedenen Perspektiven: Der Stadtrat blickt auf Autofahrer, die auch privat parkieren könnten. Die Initianten auf jene, die nicht nur vor der eigenen Haustüre parkieren. Sie erleben den Parkplatzabbau als Schikane.Passend zum Artikel