Alle warten ungeduldig auf das Anlaufen der neuen Odyssee-Verfilmung von Christopher Nolan, die am 16. Juli Deutschlandpremiere hat. Die große Aufmerksamkeit im Vorfeld zeigt, welch ungebrochene Faszination nicht nur der facettenreiche mythische Stoff, sondern auch die Titelfigur ausübt: Odysseus, der blitzgescheite, leidgeprüfte Abenteurer, der im Film von Matt Damon verkörpert wird. Dieses breite Interesse schlägt sich auch in Buchpublikationen nieder, die neue Perspektiven versprechen.Sogar am Teutoburger Wald, sonst eher für das Ringen um den historischen Ort der Varus-Schlacht bekannt, wurde Odysseus nun ins Kreuzverhör genommen: Der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz, von dem eindrucksvolle Panoramen zu Themen wie antike Seefahrt, Krieg, Herrschaft und Weltgeschichte stammen, widmet sich dem vielseitigen Helden aus einer dezidiert sozialkritischen Perspektive.Raimund Schulz: „Odysseus“Klett-CottaSchon in der antiken Philologie war man sich einig, dass die Figur des umtriebigen Migranten in der „Odyssee“ komplexer gezeichnet ist als die Helden der älteren „Ilias“. Auch genießt sie die Sympathie ihres Erzählers – so hatte Eustathios, ein Bischof aus Byzanz, Homer in seinem Kommentar als philodysseus, einen „Odysseus-Freund“, bezeichnet. Gewogen, wenn auch durchaus nicht bedingungslos, ist auch Schulz seinem wortgewandten „Lieblingshelden“. Schulz bemüht sich in dreizehn thematischen Blöcken und einer Bilanz um ein denkbar konkretes Porträt, indem er den im Epos fassbaren großen Themen rund um Liebe und Tod, Abenteuer und Gefahr, Heimat und Fremde, Gewalt und Schönheit, Rausch und Vernunft nachspürt, dabei aber auch immer wieder nüchterne Diagnosen zur menschlichen Natur, zur „Beutegier“ der Menschen und der sie begleitenden Götter bietet.Der historische Fokus ist von Beginn an deutlich: Vor allem die unterschiedlichen Machtkonstellationen sowie die Topographie mit ihren vielfältigen Handelsbeziehungen zwischen West und Ost fesseln den Verfasser: „Ständig waren Menschen unterwegs“, heißt es einmal lakonisch, und die integrierten Kartenansichten belegen eine gewisse Sehnsucht nach Fakten. Dennoch bleibt Schulz vorsichtig bei allzu eindeutigen Zuordnungen, weiß er doch, dass schon der hellenistische Gelehrte Eratosthenes (3. Jh. v. Chr.) allzu Ambitionierte verspottete mit dem ironischen Kommentar, die Route des Odysseus sei erst identifizierbar, wenn man den Schuster gefunden habe, der für die Vernähung des von Aiolos erhaltenen Windschlauches verantwortlich war.Spross einer Familie gut betuchter BetrügerIn diesem Bewusstsein widmet sich Schulz zunächst der „großen Welt kleiner Helden“, wobei er besonders das soziale Gefüge des 7. Jh. v. Chr. (als möglichen historischen Hintergrund der Verschriftlichungszeit) in den Blick nimmt, mit seinem starken Machtgefälle zwischen Aristokraten und Bauern. Wo wäre hier der Ort des Odysseus? Schulz erinnert an seine Abkunft aus einer Familie von gut betuchten Betrügern, eine Hypothek, die seinen Charakter von Beginn an, im Guten wie im Schlechten, auszeichnet. Odysseus schlägt sich als „Diplomat, Kundschafter und Städtezerstörer“ durch. Sein zwielichtiger Ruf sorgt dafür, dass er und seine Mannen auf der Heimreise gen Ithaka nicht immer sonderlich zuvorkommend behandelt werden, etwa bei dem menschenfressenden Riesenvolk der Laistrygonen oder dem nicht weniger kannibalischen Polyphem.Noch die Heimat Ithaka betritt der begnadete Schauspieler in Tarnung, um den Erfolg seiner „mission impossible“ (Schulz hat eine kleine Schwäche für große Vergleiche), die mörderische Rache an den Freiern und ihren Vasallen, nicht zu gefährden. So wirkt denn auch das Ende der „Odyssee“ bei Schulz vergleichsweise ernüchternd; er stellt mit einem unverkennbar sozialromantischen Einschlag fest, dass es „keine Solidarität der Armen und Glücklosen“ gegeben habe, sondern reine Konkurrenz, bringt aber auch Verständnis auf, denn in dieser „nüchternen Bauernwelt“ habe man weder auf „staatliche Unterstützung“ noch auf „Gerechtigkeit“ oder „Barmherzigkeit“ setzen können. Überhaupt: „Ehrlichkeit und Redlichkeit waren in dieser Zeit ein Luxus, den man sich in der Praxis selten leisten konnte.“Kann sich dieser fragwürdige Held aus einer „archaischen, wilden Welt“ dennoch als moderne Orientierungsfigur eignen? Schulz scheint das zu suggerieren, wenn er an Odysseus auf der einen Seite Neugier, Mut und Aufgeschlossenheit hervorhebt, auf der anderen seine Entwicklungsfähigkeit akzentuiert: Aufgrund der zahlreichen existentiellen Erfahrungen sei aus dem „selbstbewussten Betrüger“ ein „skeptischer Zauderer“ geworden, den Selbstzweifel plagten. Somit erscheint er als „Prototyp des fehlerhaften und gebrochenen Helden“, und gerade dadurch erweist er sich als kompatibel noch mit unserer Gegenwart.Was Kalypso nicht bieten kannDazu trägt auch sein Äußeres bei, stellt Schulz ihn sich doch wie einen Club-Türsteher vor; vor allem aber reüssiert er als „Frauenversteher“. Leider neigt Schulz bei aller Subtilität seiner Analysen in dieser Hinsicht zur Bedienung unerfreulicher Klischees, die in letzter Zeit häufiger reproduziert werden: Frauen erscheinen als ein „dämpfendes Moment gegen Götterzorn und grobschlächtige Dummheit der Männer“, auf deren „aktive Mitarbeit und Hilfe“ man auch als Superheld angewiesen war. Immerhin weiß Schulz, dass die Helden der Vorzeit der ständigen Gefahr ausgesetzt waren, „den Reizen junger Frauen an fremden Küsten zu verfallen“. In der Begegnung mit der jungen Prinzessin Nausikaa, die sich „ihrer Sexualität bewusst“ sei, sieht er „eine der schönsten Romanzen der Weltliteratur“. Kirkes Reizen konnte niemand widerstehen, wiewohl sie eigentlich auf die „Entmannung“ ihrer Objekte abzielte, und bei Kalypso bleibt von Odysseus nur mehr ein einsamer „Mann, der gut versorgt Sex liefern muss“.Dagegen steht die harmonische Wesensgemeinschaft mit der klugen und verständigen Penelope, die sich, da scheint Schulz sich ziemlich sicher, „als Sterbliche (im nicht mehr ganz jungen Alter) mit den körperlichen Vorzügen Kalypsos nie messen“ könnte. Immerhin trifft hier noch eine Beobachtung ins Wesentliche: Penelope ist Teil der Gemeinschaft, auf die Odysseus existenziell angewiesen war, und die er gegenüber der – nicht zuletzt durch den Verlust all seiner Gefährten bedingten – Einsamkeit auf Reisen und dem „Sex-Gefängnis“ der Nymphe bevorzugt.Am Ende entpuppt sich Odysseus also doch als soziales Wesen, mit all seinen Vorzügen und Brüchen. Warum teilt er dann nicht den reichen Schatz, den ihm die Phäaken schenkten, mit seinen Leuten? Nun, der Schatz bleibt verschwunden, und das lässt Schulz keine Ruhe. Man möchte ihm wünschen, dass er irgendwo in den finsteren Schlünden des Teutoburger Waldes verborgen liegt. Aber vielleicht hat ja Christopher Nolans Film die Lösung parat.Raimund Schulz: „Odysseus“. Mythos und Wahrheit. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 320 S., Abb., geb., 25,– €.
Historiker Raimund Schulz über Odysseus: Ein faszinierender gebrochener Held
Der Althistoriker Raimund Schulz porträtiert Odysseus als gebrochenen Helden aus einer Betrügerfamilie. Was macht die Figur noch heute zur Orientierung tauglich – und wo bleibt eigentlich der Schatz der Phäaken?














