Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Heimkehr und ein Massenmord: Odysseus ist der bekannteste Held der Antike. Aber ist er wirklich ein Held?Er meistert Gefahren nicht mit Kraft, sondern mit Esprit, denkt strategisch und weiss sich anzupassen: Odysseus ist der Prototyp einer neuen Zeit. Der Historiker Raimund Schulz hat ihm ein faszinierendes Buch gewidmet.29.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZEs kommt nicht gut, das spürt man sofort. Eigentlich sind Odysseus und seine Gefährten in Sicherheit. Auf einer Insel, die alles bietet, was man sich wünschen kann: frisches Wasser, Wald, Jagdbeute im Überfluss. Aber ein Abenteurer gibt sich damit nicht zufrieden. Die Insel ist durch einen schmalen Streifen Meer vom Festland getrennt. Dort steigt Rauch auf, Schafe blöken. Kein Zweifel: Da leben Menschen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Odysseus müsste weitersegeln, nach Hause. Den Gefährten, die seit Jahren mit ihm unterwegs sind, wäre er es schuldig. Aber er tut es nicht. Das Abenteuer lockt. Er will wissen: Was für Menschen leben dort? Am nächsten Morgen wählt er Begleiter aus und setzt mit einem Schiff über. Unweit vom Strand treffen sie auf eine Höhle. Davor grasen Lämmer und Ziegen in eingezäunten Weiden. In der Höhle stehen Regale, auf denen sich frische Käselaibe stapeln. Eimer mit Molke, Kessel mit Milch. Alles ganz ordentlich, ja perfekt organisiert.Doch in dem Land leben keine Menschen, sondern Kyklopen. Einäugige Riesen. Und der Herr des Hauses, Polyphem, ist ein besonders finsterer Geselle. «Ganz wie ein riesiges Wunder war er geschaffen», heisst es in Homers «Odyssee», dem Epos über Odysseus, das um 700 v. Chr. entstand: «Er glich nicht Menschen, die Brot essen, sondern sah aus wie die bewaldete Kuppe hoher Berge». Grauenhaft also. Die Menschen der Odyssee sind Seefahrer. Berge empfinden sie als bedrohlich. Kein Ort, an den man freiwillig gehen würde.Von den Kyklopen ist noch nichts zu sehen. Irgendwie ist alles zu friedlich, um wahr zu sein. Doch Odysseus lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Den Vorschlag der Gefährten, Käse einzupacken und dann zu verschwinden, verwirft er. Lieber will er warten, bis der Hausherr kommt. Er ist neugierig: Was für ein Kerl ist das? Vielleicht wird er die Gäste ja bewirten. Und womöglich gibt es sogar Gastgeschenke, wie es unter zivilisierten Menschen üblich ist. Also macht man Feuer, isst Käse, trinkt Milch und lässt es sich gutgehen. Bis der Kyklop auftritt.Verehrt wie ein GottDer Rest ist bekannt: Die Begegnung verläuft unerfreulich, um es milde zu sagen. Polyphem entdeckt die Fremden, verschlingt gleich zwei von ihnen. Doch Odysseus lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Mit einem schweren Wein macht er den Riesen müde. Bevor er in den Schlaf sinkt, frisst der Kyklop nochmals ein paar der Männer. Dann gelingt es, ihm mit einem Holzpfahl das Auge auszustechen. Polyphem taumelt durch die Höhle, blind und ausser sich vor Schmerz. Odysseus flieht, bringt sich und die Begleiter in Sicherheit. Aber er hat sechs Gefährten verloren.Die Geschichte vom Kyklopen ist eines der bekanntesten Abenteuer des Odysseus. Ein Beispiel dafür, wie der Held und Weltenbummler dank intellektueller Überlegenheit die finstersten Monster bezwingt, auch wenn sie ihm an Körperkraft haushoch überlegen sind. Zehn Jahre lang kämpfte er vor Troja, dann segelte er zehn Jahre durchs Meer, über die Grenzen der bewohnten Welt hinaus, zu den schauerlichsten Fabelwesen. Bis er wieder nach Ithaka kam und die Herrschaft über sein Fürstentum zurückeroberte.Schon im Altertum war Odysseus ein populärer Held. Im nordwestlichen Griechenland verehrte man ihn wie einen Gott, in Ithaka gab es Spiele zu seinen Ehren. Ob er je gelebt hat? Raimund Schulz schliesst nicht aus, dass in ihm eine historische Persönlichkeit steckt, die im Lauf der Zeit zur mythischen Gestalt wurde. In seinem Buch «Odysseus. Mythos und Wahrheit» folgt der deutsche Althistoriker den Spuren des Helden. Und gibt zugleich ein faszinierendes Panorama der Epoche, in der sich die Legenden um Odysseus zu dem Bild verdichteten, das wir heute haben.Schulz liest Odysseus als mythische Gestalt, literarische Figur und historischen Repräsentanten. Und versteht ihn als Prototyp einer Zeit der Umbrüche. Als Ausdruck der Ängste und Unsicherheiten, die die Menschen damals plagten. Im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr., als die «Ilias» und die «Odyssee» entstanden, veränderten sich Machtverhältnisse und Lebensformen in Griechenland grundlegend. Schulz zeichnet die Entwicklungen knapp und anschaulich nach. Dank einem Aufschwung der Seefahrt und des Handels erlebte die ganze östliche Mittelmeerwelt einen Boom. Der Wohlstand stieg, die Bevölkerungszahl auch. Aber das hiess auch: Es gab immer mehr junge Männer, die in ihrer Heimat nicht mehr zu einem Auskommen kamen.Die Welt wird grösserSie wanderten aus und gründeten in der Fremde neue Städte: Ischia im Golf von Neapel zum Beispiel. Syrakus in Sizilien, Byzantion am Schwarzen Meer oder Kyrene in Libyen. Reiche Städte. In der Fremde lockten Glück und Wohlstand. Die Welt wurde grösser, ging weit über Griechenland hinaus. Nach Asien, Afrika. Und der Blick der Menschen auf die Welt änderte sich. Auch wer in Athen, Korinth oder Argos lebte, bekam mit, was Händler und Reisende von fernen Ländern und fremden Menschen erzählten. Wer es sich leisten konnte, kaufte Waren, die von dort importiert wurden.Die «Odyssee» ist durchdrungen vom Geist dieser Expansion. Und manchmal geprägt vom Blick der Kolonisten. Zum Beispiel in der Kyklopen-Geschichte. Auf einer dem Festland vorgelagerten Insel Position zu beziehen, war ein übliches Verfahren der Siedler: Von einem sicheren Ort schwärmten sie aus, um zu prüfen, ob sich das Land zur Anlage einer Stadt eignen würde. In Odysseus’ Neugier auf das Unbekannte zeigt sich nicht nur der Held, der bereit ist, Gefahr auf sich zu nehmen, um den Dingen auf den Grund zu gehen, sondern auch der Kolonist, der neue Siedlungsräume erschliessen will.Raimund Schulz zeigt, dass die Abenteuer des Odysseus mehr sind als effektvolle Phantasiestücke. Sie sind Ausdruck einer Zeit, in der Handelsbeziehungen in ferne Städte, Besucher aus der Fremde und Reisen in unbekannte Erdteile üblich wurden und für immer mehr Menschen zu einem festen Bestandteil ihres Weltbilds wurden. Die «Odyssee» schildert diese Welt nicht direkt. Aber sie spiegelt sie. In einer wunderbaren Erzählung, die die Sage vom Trojanischen Krieg mit Seefahrerlegenden und der Geschichte des Soldaten verbindet, der nach Jahrzehnten in die Heimat zurückkehrt.Es war eine neue Welt, auch das zeigt Raimund Schulz. Helden wie Achilleus oder Aias waren nicht mehr gefragt. Krieger, deren Ethos sich darin erschöpfte, stärker zu sein als andere, hatten ausgedient. Das Ideal der neuen Zeit war nicht der Kämpfer, der nicht von der Stelle weicht, solange er eine Aufgabe zu erfüllen hat. Sondern der Trickster, der sich in jeder Situation zu helfen weiss. Die Zeiten hatten sich geändert: Klugheit galt mehr als Kraft, Raffinement mehr als Kühnheit. Und List mehr als Ehrlichkeit.Die Regeln des GastrechtsOdysseus verkörpert das, was es braucht, um in der neuen Welt zu bestehen. Schon im Kampf um Troja zeigte er seine eigentlichen Qualitäten nicht als Kämpfer, sondern als Stratege, Redner, Diplomat und Krisencoach. Er schleicht sich nachts ins Lager der Trojaner, um deren Stellungen auszukundschaften, wird vorgeschickt, als es darum geht, Achilleus zu überreden, wieder in die Schlacht zu ziehen. Die Idee, eine Vorhut von Soldaten im Bauch eines hölzernen Pferdes in die Stadt zu schleusen, um die schlafenden Trojaner zu überfallen, geht auf ihn zurück.Die Gefahren, die er auf den Irrfahrten zu bestehen hat, meistert Odysseus nicht mit Körperkraft. Sondern mit Klugheit, Esprit. Er ist aufmerksam, denkt strategisch, kann sich in andere einfühlen und versteht es, sich anzupassen. Er ist auf den eigenen Vorteil bedacht, trickst Gewalt mit List aus, ist immer schon einen Schritt weiter als seine Gegner, nutzt alle Mittel der Täuschung, um seine Ziele zu erreichen. Er lügt schamlos, wenn es die Situation seiner Ansicht nach erfordert, und schreckt vor brutaler Gewalt nicht zurück.Womit wir wieder bei Polyphem wären. Zugegeben, er ist ein schrecklicher Geselle. Und wo immer die Geschichte erzählt wird, sind die Rollen klar verteilt: Da der Held, dort das Monster. Aber ist das wirklich so eindeutig? Ist es mit dem Ethos eines adligen Kriegshelden vereinbar, ins Haus eines Fremden einzubrechen, der einem nichts getan hat, sich schamlos an dessen Eigentum zu bedienen und ihn abzupassen in der Hoffnung, dass man für den Hausfriedensbruch auch noch Gastgeschenke bekommt?Natürlich nicht. Es verstösst gegen alle Regeln des Gastrechts. Und gegen den aristokratischen Comment sowieso. Das Verhalten des Odysseus bei den Kyklopen erinnert an das der jungen Adligen in Odysseus’ Heimat Ithaka, bei Homer Freier genannt: Seit Jahren belagern sie seinen Palast, feiern Abend für Abend auf seine Kosten und drängen Odysseus Gattin Penelope, endlich einen von ihnen zu heiraten. Der Hausherr komme sowieso nicht wieder, sagen sie. Sie fühlen sich im Recht. Wer nicht da ist, hat das Nachsehen.Ordnung und HerrschaftAm Ende schafft Odysseus Ordnung, auf grausame Art. Er bringt die Freier um. Alle. Skrupel hat er nicht. Im wendigen Trickster dringt noch einmal das Adelsethos des archaischen Kriegers durch. Rache ist in diesem Ehrenkodex nicht nur erlaubt, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wer für seine Stellung und seinen Besitz nicht kämpft, ist ein Trottel. Und wer Rücksicht nimmt, muss damit rechnen, am Ende den Schaden zu haben.Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Heimkehr und am Ende ein Massenmord: Odysseus ist kein strahlender Held, sondern eine ambivalente Figur. Das macht ihn zu einem Helden, den jede Zeit neu für sich entdecken muss. Von Homer bis Christopher Nolan. Sein Film «Odyssey», der bald in die Kinos kommt, wird wieder eine neue Version des ewigen Abenteurers zeigen. Odysseus ist ein sympathisches Schlitzohr. Und zugleich ein verstörender Despot. Im tödlichen Ende in Ithaka zeigt er sich für Raimund Schulz nicht nur als kaltblütiger Rächer, sondern auch als Machtpolitiker einer neuen Zeit. Indem er die Freier tötet, nimmt er den Verlust einer ganzen Generation junger Männer in Kauf. Nach dem Freiermord sind die «Stützen der Stadt» ausgelöscht.Ein Krisenmoment. Was kommt, ist zunächst offen. Eine Tyrannenherrschaft, wie sie sich im 7. Jahrhundert v. Chr. in verschiedenen Stadtstaaten etablierte? Das Ende der «Odyssee» läuft darauf hinaus. Die Familien der getöteten Freier sinnen auf Rache. Ithaka steht am Rand eines blutigen Bürgerkriegs. Der Göttervater Zeus persönlich muss eingreifen, um eine Eskalation zu verhindern und die Ordnung, die Odysseus mit einem Massenmord geschaffen hat, zu einer gerechten Herrschaft zu machen.Raimund Schulz: Odysseus. Mythos und Wahrheit. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2026. 320 S., Fr. 37.90.Passend zum Artikel
Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Heimkehr und zum Schluss ein Massenmord: Odysseus ist der bekannteste Held der Antike. Aber ist er wirklich ein Held?
Er meistert Gefahren nicht mit Kraft, sondern mit Esprit, denkt strategisch und weiss sich anzupassen: Odysseus ist der Prototyp einer neuen Zeit. Der Historiker Raimund Schulz hat ihm ein faszinierendes Buch gewidmet.
Schulz analysiert Odysseus als Prototyp der archaischen Griechenland (8.–7. Jh. v.Chr.), wo intellektuelle Strategie Rohkraft überwindet. Manager-Relevanz: Die Lektion des Helden—Intelligenz und Adaptabilität gegen überlegene Gegner—präfiguriert Führung in disruptiven Märkten.









