Odysseus, der ewige Held: Was wir noch heute von ihm lernen könnenEr hat Monster besiegt, Stürme überlebt, Freier getötet. Nun kehrt Odysseus als Hollywoodheld zurück in die Gegenwart. Doch hat uns der antike Königssohn überhaupt noch etwas zu sagen? Eine Bildungsreise in seine Heimat Ithaka.05.07.2026, 05.31 Uhr11 LeseminutenBrütende Hitze, sanfte Hügel, links Meer, rechts Meer – Ithaka. Hinten im Wagen schwitzen meine Tochter und ich, vorn am Steuer preist der Fahrer Christos das Werk, das uns hierher geführt hat: «Die ‹Odyssee› heilt Krankheiten durch den Klang ihrer Worte», ruft er nach hinten, «es ist das Metrum, die Sprachmelodie, allein schon dieses vibrierende Nnnnn!» Er summt, ich summe mit, das Kind schaut skeptisch. Und plötzlich werden in meinem Kopf diese vor Jahrzehnten auswendig gelernten, längst vergessen geglaubten Verse wieder wach:Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Andra moi ennepe, Mousa, polytropon, hos mala polla / plangchte epei Troies hieron ptoliethron epersen.»«Nenne mir, Muse, den Mann, den vielgewandten, der vielfach / wurde verschlagen, seit Trojas heilige Burg er zerstörte.»So beginnt die «Odyssee»: vierundzwanzig Gesänge, zwölftausendeinhundertzehn Verse, jeder von ihnen ein daktylischer Hexameter: — ∪ ∪ | — ∪ ∪ | — ∪ ∪ | — ∪ ∪ | — ∪ ∪ | — —. Sechs Mal hebt und senkt sich der Vers, als rolle eine Welle gegen den Strand.Verehrer erkennen in der «Odyssee» die Urerzählung des Abendlandes. Dieses Epos weiss mehr über uns als wir selbst! Es leuchtet in die Winkel unserer Psyche, schafft Klarheit und Ordnung – und befremdet uns zugleich mit einer Moral, die heute roh und archaisch erscheint.Odysseus aber, sein Held, hat dem Wandel der Werte getrotzt, das Korsett der Verse gesprengt und sich den Staub der Ruinen vom Mantel geklopft. Als «Ulysses» hat er die literarische Moderne begründet, als Märchenheld Kinderzimmer, Lehrpläne und Filmsets erobert. Auf dem Ratgebermarkt teilt er mit uns «The Wisdom of the Odyssey» oder erklärt uns «Das Odyssee-Mindset». Und während ich auf dieser überhitzten kleinen Mittelmeerinsel das heilende Nnnnn probe, fiebert die Welt Christopher Nolans 250-Millionen-Dollar-Blockbuster «The Odyssey» mit Hollywood-Starbesetzung entgegen.Was also bringt uns nach Ithaka?In einer von Unsicherheit, Bedrückung und militärischer Bedrohung gezeichneten Gegenwart wirkt Odysseus aktueller denn je: als einer, der Krieg, Heimatverlust und Einsamkeit überstanden hat. Wie hat er durchgehalten? Was können wir von ihm lernen?Generationen von Sängern, Schriftstellern, Lehrern, Schülerinnen und Träumern sind den Spuren des Helden gefolgt, in den Versen und immer wieder auch in Griechenland. Manche hatten einen Spaten im Gepäck – allen voran Heinrich Schliemann, der später Troja ausgrub. Zuvor hatte er Ithaka besucht und vergeblich nach Odysseus’ Palast gesucht. Ob wir wohl mehr Erfolg haben als Schliemann?Das Gesetz des Handelns(Gesänge I–IV)Unsere Expedition hat sich eher stockend angelassen. Nicht, dass ich ernsthaft damit gerechnet hätte, wir würden Roland Hampes Versübersetzung schon im Flugzeug aufschlagen. Aber ein Vater darf ja wohl noch hoffen, dass sein Teenager irgendwann das Handy weglegt.Eine Reihe weiter sitzt Odysseus’ Gattin Penelope: eine strickende Frau. Es drängt mich, dem Kind von ihrer Treue zu erzählen, wie sie zwanzig Jahre lang die Typen hinhält, die sie im Palast von Ithaka bedrängen; erst muss das Leichentuch für den Schwiegervater fertig werden, erst dann kann geheiratet werden. In Wahrheit wartet sie auf ihren Mann – und trennt nachts wieder auf, was sie tagsüber webt.«Das Epos beginnt damit, dass nichts passiert», höre ich mich dozieren, doch die Tochter hat gerade kein Gehör für alte Geschichten. Eine dringende Sache muss noch erledigt werden. Hat sie mir nicht unlängst vorgeworfen, keine Zeit mit ihr verbringen zu wollen, wirklich verbringen? Mit den Gedanken immer woanders zu sein?Andere Väter sind tatsächlich woanders, physisch – damit beginnt die «Odyssee». Odysseus’ Sohn Telemachos kennt seinen Vater nur aus Erzählungen. Er war ein Baby, als dieser in den Trojanischen Krieg zog, nun sieht er ratlos zu, wie die Freier am Königshof die Vorräte verprassen und mit den Mägden schlafen. Irgendwann wird seine Tatenlosigkeit der Göttin Athene zu viel. Sie nimmt die Gestalt eines Beraters an und befiehlt ihm: «Rüste das trefflichste Schiff mit zwanzig Gefährten und eile, Kundschaft dir zu erforschen vom lang abwesenden Vater.»«Was haben wir eigentlich vor?», fragt die Tochter. Nun, vielleicht wollen wir etwas erfahren? Auch diese typische Papa-Idee kommt von Odysseus, der als Tourismuspionier «vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt hat». Telemachos, der Sohn, tut es ihm gleich mit seiner Bildungsreise nach Sparta und Pylos. Bis heute beginnen Altgriechischkurse mit dem Verb paideuein, erziehen.Paideuo, paideuso, epaideusa, pepaideuka. Ich erziehe, werde erziehen, erzog, habe erzogen. Schon mein Vater, der Pfarrer wurde, paukte diese Verbstammformen, und so auch ich. Fingerübungen für den Kopf! Im Lichthof der Kanti führten wir die Szene mit dem Kyklopen auf: Odysseus rammt dem einäugigen Riesen einen Pfahl ins Auge und lügt, sein Name sei «Niemand». Als der Kyklop die anderen Riesen zu Hilfe ruft, «Niemand hat mich geblendet!», schütteln die nur die Köpfe.Heute kommt mir die Idee eines Helden, der sich rhetorisch selbst zum Verschwinden bringt, zenmeisterlich vor. Damals, vor Mitschülern und Eltern im Lichthof, war sie ein böses Omen: nur jetzt nicht über die memorierten Verse stolpern, zum Versager werden, zum Niemand – nach all den Jahren des Studiums! Die Angst, wortlos dazustehen, kann ich heute noch abrufen. Obwohl der Klassenprimus Dominik behauptet, ich sei damals fehlerfrei durchgekommen, er aber habe ein Blackout gehabt.«Haben wir schon ein Zimmer für die Nacht?», fragt die Tochter. Sie kommt nicht los vom Handy. Im Zug, im Bus, im Hotel in Patras, einer vor Leben vibrierenden Stadt; irgendwo hier, draussen im Meer, soll sich Odysseus an den Schiffsmast binden lassen haben, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen. Wir verbringen den Abend auf dem Zimmer. Das Kind telefoniert im Bad, irgendetwas liegt im Argen. Ich wälze auf dem Balkon Originalverse. Habe ich die wirklich einmal verstanden?Das Kind kommt aus dem Bad, schmeisst das Handy aufs Bett und fragt: «Gibt es Dinge, die man selbst verschuldet und ewig bereut?» Die Nacht schickt uns Griechen-Pop und Stimmengeschwader durchs Fenster. Mein inneres Bildungsarchiv souffliert mir zum Thema Schuld die Namen Antigone und Ödipus, aber die Stimme der Tochter macht klar, dass mir die jetzt nicht weiterhelfen. Ich bin selbst gemeint. Und bevor ich ins Sinnieren gerate, sage ich: «Ja. Und damit muss man leben.»Wir lernen: Wer nicht handelt, wird behandelt. Wer handelt, muss mit den Folgen leben und weiter handeln.Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch (Gesänge V–VIII)Odysseus ist unser Role Model für ein Leben ohne Reue! Er mordet, betrügt, lügt und lässt andere für seine Entscheidungen bezahlen. In seiner Welt unterliegen Ordnungsverstoss und Vergeltung einer Logik, die den Einzelnen letztlich entlastet: Wer Agamemnon ermordet, wird von Orest erschlagen. Wer ein Haus plündert, liegt am Ende im Blut. Gewissensbisse und Schuldgefühle erübrigen sich.Diese Gewissheit ist Odysseus’ Ruhekissen für sieben lange Jahre auf der Insel Ogygia. Die Gefährten sind tot, er ist allein mit der Nymphe Kalypso, einer Göttin, die ihn in einer Art erotischer Geiselhaft hält: Ohne ihre Hilfe kommt er nicht nach Hause. Als Treuebonus verspricht sie ihm Unsterblichkeit. Dagegen schreitet, nach Rücksprache mit dem olympischen Gesamtgremium, Athene ein: dieselbe Strippenzieherin, die schon Telemachos in Bewegung gesetzt hat. Sie bringt Zeus dazu, den Götterboten Hermes zu Kalypso zu schicken. Und diese muss nun Holz für ein Floss bereitstellen und Proviant für Odysseus’ Rückfahrt.So sind alle wieder unterwegs: Telemachos auf seinem Schiff, Odysseus auf dem Floss – und wir in der gelbblauen Fähre der Reederei Levante Ferries. Meine Tochter bräunt sich auf Deck, ich blättere in einem Buch, das mir Dominik, der tatsächlich Altphilologe geworden ist, noch mitgegeben hat. Die anderen Passagiere sind eher Arbeitspendler als Pilger. Sie dösen, spielen Karten, jemand liegt flach wie nach einer Nachtschicht. Aber die blonde Dame da drüben, die abwechselnd in ihr Notizbuch und in eine innere Ferne schaut – sieht sie nicht wie eine Suchende aus?Einerseits müssen wir etwas mit nach Hause bringen, ein goldenes Vlies, einen Splitter vom Floss, eine tiefere Einsicht. «Papa, gibst du mir die Sonnencrème?» Auch daran sind wohl die alten Griechen schuld, sinniere ich, Platon vor allem mit seiner Ideenlehre, die hinter jeder sichtbaren Erscheinung eine höhere Ordnung vermutet. Seither suchen wir hinter Dingen Bedeutung, hinter dem Leben einen Sinn.Andererseits zeigt uns der Chefgrieche Odysseus, wie man es besser macht. Hunger, Schlaf, Angst, Heimkehr, Weiterleben: Er nimmt die Dinge, wie sie sind. Für Sinnsucher wie mich ein therapeutischer Gedanke! «Du bist bücherklug, aber, sorry, nicht gerade lebensklug», hat mir Anastasia vorgehalten.Odysseus, an den auf Ithaka offenbar vor allem Quellen, Statuen und Reiseführereinträge erinnern – «Bitte, liebe Tochter, kannst du sie gelb markieren?» –, will zwar nichts dringender als nach Hause. Aber das Schicksal hält ihn in einem Dauerprovisorium fest: kämpfen, scheitern, wieder aufstehen, weitergehen; rudern, schlafen, weinen, erzählen. Und weil das Epos die Kreisförmigkeit des Lebens ernst nimmt, stellt es uns sogar die Morgenröte jeden Tag neu vor: Eos, die Rosenfingrige.Dann spuckt uns die Fähre ans Ufer, die griechischen Mitpassagiere brausen in ihren Autos davon. Die Tochter packt das Telefon weg und fragt: «Können wir auf dieser Insel auch schnorcheln?»Wir lernen: Resilienz und Tatkraft sind gut. Aber manchmal braucht man jemanden, der den Götterapparat in Gang setzt. Scheitern, weitermachen, besser scheitern (Gesänge IX–XII)Aus meinem Odysseus-Bildarchiv taucht der Schulkamerad Ludger auf, wie er im Rhein crawlt und in einer beigen Unterhose aus dem Wasser steigt. Wir spielten wieder «Odyssee», diesmal für einen Stummfilm. Ludger hat alles verloren: Kriegsbeute aus Troja, Schiffe, Gefährten. Da hört er Mädchenstimmen, bricht eilends einen Zweig vom nächsten Strauch und tritt, seine Blösse bedeckend, Anita in den Weg, die die Prinzessin Nausikaa spielt: ein nackter Niemand bei den Phaiaken.Ludger sah auf den verwackelten Super-8-Bildern ziemlich reckenhaft aus, nicht umsonst hatten wir ihn als Odysseus besetzt. Zudem hatte ihn Athene aufgehübscht, verkörpert von der geheimnisvollen Aglaia. Ich spielte einen Freier, einen widerlichen Feigling. Es war fast ein wenig zum Eifersüchtigwerden, ja, eigentlich richtig schlimm! Das grosse Elend der Welt verschwand hinter meiner kleinen privaten Kränkung.Was wohl Hollywood daraus macht? Mit Matt Damon als Odysseus und Zendaya als Athene? Bei den Phaiaken jedenfalls kann man lernen, von sich selbst abzusehen. Als ein Barde vom trojanischen Pferd singt, verfällt dessen Erfinder Odysseus in Schluchzen. Nicht aus Stolz über den Hinterhalt, der Troja zu Fall brachte, sondern, das teilt uns das Epos penibel mit: wie eine trojanische Frau, die sich schluchzend über den Leichnam ihres Mannes wirft, während die Sieger sie von hinten mit Speeren in die Sklaverei treiben.«Er weint aus der Perspektive eines seiner Opfer, es ist hochinteressant!», schwärmt unser Altphilologe Dominik. Die «Odyssee» ist der erste Antikriegsroman der Weltliteratur.Warum aber ist Odysseus nicht wie die anderen Griechen direkt nach dem Krieg nach Hause gereist? Nun, es gab ein paar Verzögerungen, und die tischt uns der Vielgewandte, polytropos, jetzt selbst in allen Farben auf. Es sind die Abenteuer, für die er berühmt ist, die Schiffbrüche, die er erleidet und überlebt, die Perlen seiner Leidensfähigkeit (der griechische Name Odysseus ist etymologisch mit dem Schmerz verwandt). Der Rausch bei den Lotophagen, die Winde des Aiolos, Skylla und Charybdis, die Rinder des Helios, von denen die Gefährten naschen, was sie mit dem Leben bezahlen. Und der Besuch in der Unterwelt.«O moi ego!», klagt er jedes Mal, wenn Poseidon wieder einen Sturm schickt und es ihn an ein neues Ufer verschlägt – wehe mir, ich Armer! Ooo moi egooo! Ist er verzweifelt? Oder ist das Selbstmitleid darauf angelegt, seine Wiederauferstehungen spektakulärer erscheinen zu lassen und die Räubergeschichten wahrhaftiger? «Werden nicht irgendwann auch Männer in Schweine verwandelt?», fragt das Kind.Im Super-8-Film fehlt die nicht ganz jugendfreie Szene: Die Zauberin Kirke verabreicht den Männern einen Trank, Odysseus entgeht dessen Wirkung durch ein Kraut, das ihm Hermes gegeben hat. Er bedroht Kirke mit dem Schwert, sie erkennt ihn und will mit ihm ins Bett. Bevor er ihr Lager besteigt, lässt er sie schwören, ihn nicht zu entmannen.Whatsapp-Nachricht von Christoph: «Die Episode mit Kirke gibt es jetzt auch als Playmobil-Set. Ich kauf dir eines!»Wir lernen erstens: Sicherheitsabkommen vor dem Sex sind nichts Neumodisches. Und zweitens: Man darf erschöpft, verzweifelt und traurig sein. Man darf sogar klagen. Nur liegen bleiben darf man nicht.Der Weg ist das Ziel (Gesänge XIII–XXIV)Wohin führt das Reisen, Leiden und Lernen am Ende? Zur Heimkehr, griechisch: nostos; Nostoi, Heimkehren, waren in Griechenland ein Genre für sich. Odysseus’ nostos muss irgendwo in den Überresten der «Schule des Homer» stattgefunden haben, es gibt sonst kaum Ruinen auf Ithaka. Und so stolpern meine Tochter und ich bei vierzig Grad über verwitterte Treppenstufen und Türschwellen – nicht mit dem Spaten wie Schliemann, sondern mit Wasserflaschen, Handy und Reiseführer.Der Ort ist schön unspektakulär. Mauern, Steine, trockenes Gras, eine Handvoll anderer Pilger. Ist das hier der Palast des Odysseus? «Es gibt keinen Hinweis darauf, dass hier ein Palast war», sagt unser Guide Spiros. Aber Odysseus hat hier gewohnt? «Die Mauern gehören eher zu einer Festung, einem Rückzugsort.» Wo stand er denn, der Palast? «Vielleicht gab es gar keinen.»Wir kraxeln weiter, die Zikaden zersägen die Luft, man sieht sie nicht, und doch sind sie da. Irgendwo muss er sich doch verstecken, der Vielgewandte, Listenreiche, hinter dem nächsten Mäuerchen vielleicht? Da vorne unter dem Türsturz? Gibt es ihn überhaupt? «Die konkreteste Spur auf Ithaka ist eine Scherbe mit seinem Namen», sagt Spiros. «Sie zeigt, dass er hier kultisch verehrt wurde.»Der apparatus criticus der Philologen verbürgt es zumindest literarisch: Odysseus kehrt im 13. Gesang nach Ithaka zurück, wenn auch inkognito. Nur seine Amme und sein Hund erkennen ihn auf Anhieb; mit Vater, Sohn, Gattin und Freiern spielt er ein Versteckspiel, ein Wiedererkennungsdrama, griechisch: Anagnorisis. Dann lässt er die Maske fallen, tötet die Freier und die Mägde, die sich mit ihnen eingelassen haben. Dafür hat Odysseus zwanzig Jahre lang gelernt?Gewalt provoziert Gegengewalt, darin gleicht das archaische Gesetz der Vergeltung der weltpolitischen Gegenwart. Das Epos geht damit weiter, dass die Familien der Freier sich zum Rachefeldzug formieren. Athene erzwingt Frieden, und nach zwölftausendeinhundertzehn Versen legen die Barden ihre Leiern schliesslich zur Seite und Homer, der um 750 vor Christus alles verschriftlicht hat, sein Schreibutensil.Neben mir geht meine Tochter schweigend durch die Hitze von Ithaka, ungerührt vom Fehlen authentischer Palastmauern. Vielleicht ist Heimkehr doch keine Erlösung, denke ich. Der Geist des Odysseus muss wieder in See gestochen sein.Wir lernen: Das Leben ist kein Lauf vom Start ins Ziel. Es treibt durch die ewigen Stürme des Notdürftigen, Provisorischen und Improvisierten.Im Taxi meint der Fahrer Christos, die Wahrheit des Epos sei sehr wohl auch archäologisch verbürgt. Sogar der einäugige Schädel des Kyklopen sei entdeckt worden, aber rasch in einem Privatjet in Richtung Amerika entschwunden. Im Moment würde auf der Insel nicht einmal mehr gegraben, jemand habe das gestoppt. Warum? Christos zuckt mit den Schultern. «Vielleicht sollen wir nicht glücklich sein?»Den Hügeln von Ithaka ist es egal. Auch die Wellen schlagen so gleichgültig wie immer gegen das Ufer. In den Bars erhebt sich das Geschnatter der Touristen, mein Kind und ich verbringen den Abend ohne Handy am Badestrand. Und wer weiss, vielleicht kann man hier sogar schnorcheln.Unsere Expedition endet im Odysseus-Museum. Es besteht aus einem einzigen winzigen Raum mit ein paar Vitrinen, und doch überrascht es uns nicht mehr, dass wir hier die blonde Dame von der Fähre wiedertreffen. Wir begrüssen uns wie alte Bekannte. Sie ist Altphilologin in New York und in Begleitung eines Fachkollegen: «Was möchten Sie über die ‹Odyssee› wissen? Fragen Sie uns alles!»Meine Tochter und ich tauschen einen langen, fragenden Blick. Wir wollten doch, bevor unsere Fähre ablegt, nochmals zusammen schwimmen gehen. Eine Frage will uns gerade nicht mehr einfallen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Odysseus, der ewige Held: Eine Bildungsreise in seine Heimat Ithaka.
Er hat Monster besiegt, Stürme überlebt, Freier getötet. Nun kehrt Odysseus als Hollywoodheld zurück in die Gegenwart. Doch hat uns der antike Königssohn überhaupt noch etwas zu sagen? Eine Bildungsreise in seine Heimat Ithaka.
















