InterviewChristopher Nolan im Interview: «Sogar hinter einem bescheidenen Bettler kann sich ein Gott verbergen»Nach «Oppenheimer» widmet sich der Oscar-Preisträger Homers «Odyssee» – seinem bisher grössten Abenteuer. Im Gespräch erzählt der Regisseur von der zeitlosen Kraft des Epos und davon, was er von seinem Kollegen Guillermo del Toro gelernt hat.Pamela Jahn, London11.07.2026, 05.00 Uhr6 LeseminutenChristopher Nolan hat sich mit Filmen wie «Inception», «Interstellar», «Oppenheimer» oder der «Batman»-Trilogie als einer der wichtigsten Regisseure der Gegenwart etabliert.Gareth Cattermole / GettyMonumental. Im Zusammenhang mit Christopher Nolan bekommt das Wort eine ganz eigene Bedeutung: Nach seinem zweifachen Oscar-Gewinn für das Biopic «Oppenheimer» über den «Vater der Atombombe» taucht der britisch-amerikanische Starregisseur nun tief in die griechische Mythologie ein. Seine Abenteuerverfilmung von Homers «Odyssee», vollständig im Imax-Format gedreht, ist das Blockbuster-Ereignis des Jahres. Nolan selbst wirkt gelassen, sympathisch und reflektiert, wenn er beim Treffen in einem Londoner Nobelhotel über das spektakuläre Werk und seine ungebrochene Leidenschaft fürs Kino spricht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Homers «Odyssee» zählt zu den ältesten und bedeutendsten Werken der europäischen Literatur. Sehen Sie darin eine Art Urgeschichte der Heldenreise?Als wir «Interstellar» drehten, sind mein Bruder Jonathan und ich immer wieder auf die «Odyssee» gestossen. Wir diskutierten über das mögliche Ende des Films, und er wies mich auf Alfred Tennysons Gedicht «Ulysses» hin, das beschreibt, wie es weitergeht, wenn ein rastloser Abenteurer wieder sesshaft wird. Aber mich beschäftigte das Davor, die zehnjährige Heimkehr des Odysseus, und ich war verblüfft, als ich feststellte, wie viel nicht nur meine Filme, sondern fast die gesamte Filmgeschichte diesem Originaltext zu verdanken hat.Was macht dieses antike Versepos heute noch relevant?Die Geschichte ist zeitlos. Sie verbindet uns mit der Vergangenheit, indem sie uns bewusst macht, dass es Dinge gibt, die wir mit unseren Vorfahren teilen, die sich nicht im Geringsten verändert haben und nach wie vor das Fundament unserer Gesellschaft bilden.Welche wären das?Ich habe viel darüber nachgedacht, was im Film als das «Gesetz des Zeus» bezeichnet wird – jene goldene Regel der Gegenseitigkeit, die besagt, dass wir uns anderen gegenüber stets so verhalten sollten, wie wir selbst behandelt werden wollen. Dieses moralische Prinzip lässt sich in fast allen grossen Weltreligionen finden. Auch in der «Odyssee» hatte es eine theologische Grundlage: Sogar hinter einem bescheidenen Bettler kann sich ein Gott verbergen. Es ist dasselbe Prinzip, das uns als Gesellschaft zugleich verbindet und spaltet. Wird es ignoriert oder missbraucht, bricht alles zusammen.Emily Wilsons englische Übersetzung der «Odyssee» ist die erste aus weiblicher Hand. Was macht sie anders?Ich habe nicht ausschliesslich ihre Übersetzung verwendet. Das wurde in den Medien falsch dargestellt. In einem frühen Interview habe ich mich auf den ersten Satz in ihrer Fassung bezogen: «Erzähl mir von einem komplizierten Mann» – er passt wunderbar zu Odysseus. Für meine Recherche habe ich mir aber alle Versionen angeschaut, sowohl E. V. Rieus Prosaübersetzung als auch die Versionen von Robert Fagles und Fitzgerald und sogar ein bisschen die von Alexander Pope.Die Dreharbeiten für «The Odyssey» fanden nicht nur in Marokko und Irland, sondern an mehreren Orten rund ums Mittelmeer statt.Louisa Gouliamaki / ReutersHatten Sie Bedenken, das ursprüngliche Versmass im Drehbuch nicht ausreichend zu respektieren?Nein, von Anfang an ging es mir nur um die emotionale Kraft von Homers Werk, um das Gefühl, dass mich die Geschichte unabhängig von ihrer sprachlichen Form erreicht. Nur so konnte ich meine eigene Adaption schreiben. Das Faszinierende an den verschiedenen Übersetzungen ist, dass sie immer ein Stück weit die Zeit widerspiegeln, in der sie entstanden sind. Als Drehbuchautor und Regisseur sehe ich eine ähnliche Verantwortung, dem Text etwas Neues hinzuzufügen und zu versuchen, eine Verbindung zum Publikum herzustellen.Komplizierte Männer ziehen sich wie ein roter Faden durch Ihre gesamte Filmografie . . .Komplexe, fehlerhafte Charaktere sind immer die interessantesten Protagonisten. Die Herausforderung besteht darin, einen erzählerischen Rahmen zu schaffen, der das Publikum auf ihre Seite zieht. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich ähnlich wie in «Oppenheimer» auch bei Odysseus um einen äusserst intelligenten Mann handelt, der nicht unbedingt sympathisch wirkt. Menschen, die auf einem bestimmten Gebiet unglaublich versiert sind – sei es Oppenheimer in der Kernphysik oder Odysseus in der Kriegsführung –, mangelt es nicht selten an Demut. Das macht sie blind – und dann wird es gefährlich. Odysseus wird in den Übersetzungen meist als «listig» beschrieben: nicht unbedingt eine Eigenschaft, die man einem Helden zuschreiben würde.Wie schafft man es trotzdem, das Publikum für solche Querköpfe zu begeistern?Mit den richtigen Schauspielern, Leuten wie Cillian Murphy oder Matt Damon, die das Zeug haben, den Zuschauern die Perspektive ihrer Figuren auf die Welt überzeugend zu vermitteln, auch wenn diese manchmal falsch ist. Gleichzeitig besteht meine Aufgabe als Regisseur darin, mit den Bildern und der Inszenierung insgesamt einen Sog zu erzeugen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das war schon in «Memento» so, als ich versucht habe, die Gedankenwelt der Figur von Guy Pearce – einem Mann, der sein Gedächtnis verloren hat – erfahrbar zu machen, indem ich die Chronologie der Erzählung umgekehrt habe.Auch in der «Odyssee» geht es ums Zurückschauen. Wie denken Sie heute über die Anfänge Ihrer Karriere?Zeit und Erinnerung sind Themen, die mich mein Leben lang begleiten. Besonders in meinen frühen Filmen wie «Memento», aber auch später in «Inception» habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt. Alle diese Projekte sind mir bis heute sehr präsent. Manchmal bin ich selbst erschrocken, wie viele Jahre seitdem vergangen sind.Als Sie 2016 «Dunkirk» filmten, holten Sie sich nach eigenen Aussagen Tipps von Steven Spielberg, wie man auf dem Wasser dreht. Erinnern Sie sich daran?Stimmt. Ich habe damals auch mit Ron Howard geredet, der kurz zuvor «In the Heart of the Sea» gemacht hatte. Jetzt rufen mich die Leute für Wasserszenen an (lacht).Wenn Nolan ruft, folgen die Stars, wie hier mit Kenneth Branagh am Set des Kriegsfilms «Dunkirk».Melinda Sue Gordon / ImagoWen haben Sie diesmal zu Rate gezogen?Ich habe eine Menge von meinem Freund Guillermo del Toro gelernt, vor allem, dass ein Monster niemals nur ein Monster ist. Diesen Gedanken trug ich während der Dreharbeiten immer im Hinterkopf. Daraus habe ich viel für meine eigene Arbeit mitgenommen, weil ich bisher noch nie eine Geschichte mit Fantasy-Elementen wie einem Zyklopen erzählt habe.In der «Odyssee» ist die Grenze zwischen Göttern und Menschen klar definiert. Warum passiert es immer wieder, dass wir den Unterschied verkennen?Wir leben in turbulenten Zeiten. Dazu kommt, dass Männer leicht zur Selbstüberschätzung neigen. Vor allem in der Politik treten oftmals Menschen in den Vordergrund, die den Ehrgeiz haben, mehr zu sein, als sie sind. Gleichzeitig suchen wir nach Führung, nach Persönlichkeiten, denen wir folgen können. Das ist sowohl ein positiver als auch ein negativer Aspekt der menschlichen Natur. Es verbindet die Gesellschaft auf eine Weise, macht sie aber auch anfällig für Massenwahn und gefährliche Ideologien.Waren Sie eigentlich schon immer von der Antike fasziniert?Ich kenne mich mit griechischer Mythologie jetzt vielleicht ein bisschen besser aus, seit ich den Film gemacht habe, aber darauf kommt es nicht an. Als Regisseur muss ich nicht alles wissen oder die Geschichte aus einer besonders fachkundigen Perspektive betrachten. Ich versuche vielmehr, die Sache aus Sicht des Publikums anzugehen. Dieser Film soll auch für Menschen funktionieren, die nichts über die Thematik wissen, ebenso wie für diejenigen, die sich dafür begeistern. Die Kunst besteht darin, einen guten Mittelweg zu finden.Emma Thomas, die Frau und Produzentin von Nolan, im Juli an der Premiere von «The Odyssey» in London.Scott A. Garfitt / APWie kommt man dahin?Bevor ich mit der Arbeit begann, bevor ich überhaupt die erste Übersetzung las, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und verfasste eine Liste mit all den Dingen, die ich selbst gerne in einer Verfilmung der «Odyssee» sehen wollte.Zum Beispiel?Das Inselvolk der Lotophagen, das den Seefahrern von einer Lotospflanze zu essen gibt, so dass sie ihre Heimat vergessen. Beim Lesen der «Odyssee» stellt man fest, dass sie dort in wenigen Versen vorkommen. Es ist eine winzige Episode, aber sie fesselt unsere Vorstellungskraft. Die Idee dahinter wirkt bis heute nach und taucht in der Kunst immer wieder auf.Welche der berühmten Sagenfiguren ist Ihnen persönlich am nächsten?Wahrscheinlich eher Sisyphus, der von den Göttern dazu verdammt wird, einen riesigen Felsbrocken immer wieder den Berg hinaufzuschieben. Kurz bevor er den Gipfel erreicht, rollt der Stein wieder zurück, so dass er für alle Ewigkeit von vorne beginnen muss. Dieser Mythos kommt dem Filmemachen vielleicht am nächsten.Homer beschreibt in der «Odyssee» die zehnjährige Heimreise seines Helden. Haben Sie nach dem Film das Gefühl, angekommen zu sein?Nein, aber mit jedem abgeschlossenen Projekt kommt man automatisch an den Punkt, eine Aufgabe vollendet zu haben – ob das Ergebnis gelungen ist oder nicht. Das Problem ist aber: Der Gedanke ist trügerisch, denn kaum ist der Film in der Welt, wacht man am nächsten Morgen auf und denkt: Okay, wie geht es jetzt weiter?The Odyssey: Ab dem 16. Juli im Kino.Passend zum Artikel
«Hinter einem Bettler kann ein Gott stecken»: Christopher Nolan im Interview
Nach «Oppenheimer» widmet sich der Oscar-Preisträger Homers «Odyssee» – seinem bisher grössten Abenteuer. Im Gespräch erzählt der Regisseur von der zeitlosen Kraft des Epos und davon, was er von seinem Kollegen Guillermo del Toro gelernt hat.













