Am Montag stand für uns bei der Tour de France der erste Ruhetag an. Und mein Fazit fällt durchaus positiv aus. Nach dem kleinen Fehlstart mit dem Sturz im Training kurz vor Beginn der Tour bin ich dann doch ganz solide reingekommen. Von der Form her bin ich im Soll. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich schon komplett am Limit war.Obwohl die ersten Tage echt schwer waren, gingen die neun Etappen dann recht schnell vorüber. Ein Tag Pause ist natürlich trotzdem hilfreich. Nach zwei eher lockeren Sprintetappen war die Etappe vor dem Ruhetag noch mal echt hart. Alle wollten in die Gruppe. Und die Hitze hat auch noch mal ihr Übriges dazu beigetragen. Im Bus wurden auf dem Parkplatz 43 Grad angezeigt. Dass die Etappe verkürzt wurde, hat von der Belastung her wahrscheinlich gar nicht viel verändert. Es wäre ohnehin hart geworden. Aber ich finde es gut, dass etwas unternommen wird bei den Temperaturen.Extreme Hitze: Tour-Profis wie hier Egan Bernal bei der Abfahrt vom TourmaletAFPEin krasses Gefühl hatte ich in der ersten Woche auf jeden Fall bei der Abfahrt vom Col du Tourmalet, bei der ich in der Spitze mit 108 km/h unterwegs war. Dafür muss man schon ein bisschen verrückt sein. Und man muss es ein Stück weit mögen, sich dem Risiko und der Gefahr auszusetzen. Ich mag die Geschwindigkeit einfach. Wenn ich schon nicht berghoch schnell fahren kann, dann wenigstens bergrunter. Die Abfahrt vom Tourmalet ist prädestiniert für hohe Geschwindigkeiten, weil sie lange Geraden hat und weil im unteren Bereich der Asphalt komplett neu gemacht wurde. Es macht auch riesige Unterschiede, ob man allein unterwegs ist oder in einer Gruppe. Ich war relativ weit hinten. Dann rollt man durch den Windschatten noch mal viel schneller.„So eine Abfahrt ist ein ziemlich berauschendes Gefühl“So eine Abfahrt ist ein ziemlich berauschendes Gefühl. Angst verspüre ich aber keine. Man ist da komplett unter Strom, also wirklich total unter Adrenalin. Es ist schon krass, was im Körper freigesetzt wird in solchen Momenten. Manche Rennfahrer mögen das gar nicht. Mich pusht das. Man kann das mit dem Gefühl vergleichen, wenn man im Etappenfinale unterwegs ist. Da ist man dann körperlich zusätzlich noch am Anschlag. In einer Abfahrt bin ich vom Kopf her und der Reaktionsschnelligkeit noch viel klarer in meinen Aktionen.Es gab aber auch eine richtig brenzlige Situation, als plötzlich eine Flasche vor mir lag, die ein Rennfahrer weggeworfen oder verloren haben muss. Die hat sich noch bewegt und ist von links nach rechts gerollt. Bei so einer Geschwindigkeit ist es dann total schwierig einzuschätzen, wie schnell man an der Flasche vorbeikommt. Ich konnte mich auch erst nicht entscheiden, ob ich rechts oder links vorbeifahren soll, habe dann aber im allerletzten Moment nach links gezogen. Das war schon brenzlig. Bei so einer Geschwindigkeit muss man extrem vorausschauend fahren. Da hilft einem vor Gefahrenstellen dann ganz oft auch die Körpersprache der anderen Rennfahrer. Die muss man in so einer Situation lesen und einordnen können. Das ist extrem wichtig.Neuer Asphalt, lange Geraden: Die Abfahrt vom Tourmalet ist wie gemacht für schnelle Abfahrer.AFPUnser Equipment heutzutage hilft natürlich dabei, höhere Geschwindigkeiten zu erreichen. Gerade der Schritt von der Felgen- zur Scheibenbremse war mit dafür verantwortlich, dass wir die Geschwindigkeiten viel länger halten können. Man hat einfach deutlich mehr Bremskraft. Es ist schon so, dass es auch bergab – wie überall im Sport oder im Leben – Unterschiede von Person zu Person gibt. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Es gibt auch Rennfahrer, die das nicht so gut beherrschen. Wenn man dann hinter einem ist, der die komplett falsche Kurvenlinie wählt, steckt man erst mal fest und wird mit ihm zusammen abgehängt, wenn er eine Lücke aufgehen lässt. Deshalb muss man in solchen Situationen schauen, dass man so schnell wie möglich vorbeikommt, um die Geschwindigkeit der Gruppe weiter fahren zu können. Nach so vielen Jahren hat man einen ganz guten Blick dafür, wen man wann überholen muss.Es gibt auch Trainings, um punktuell an ein paar Stellschrauben zu drehen. Aber das ist nicht die Regel. Einige Teams haben mal eine Zeit lang mit einem externen Abfahrtstrainer zusammengearbeitet. Da habe auch ich mal ein, zwei Workshops mitgemacht. Es war schon hilfreich, genauer darüber nachzudenken, wie man eine Kurve anfährt, welche Position man auf dem Rad einnimmt und wohin man sein Gewicht verlagert. Die Abfahrten sind in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Das ist auch immer ein großes Thema in Mannschaftsbesprechungen. Wenn wir wissen, dass eine technisch anspruchsvolle Abfahrt kommt, wollen wir am liebsten im ersten Drittel im Feld sein, um das Risiko zu minimieren, in einen Sturz verwickelt oder anderweitig aufgehalten zu werden.Für die Tour-Etappe am Nationalfeiertag haben wir besondere Rahmen-Lackierungen bekommen. Die hat unser französischer Hersteller, der gerade ein Jubiläum feiert, extra angefertigt. Darüber haben wir uns natürlich gefreut. Am Mittwoch und am Donnerstag stehen für uns nun die nächsten Sprintchancen an. Auf der letzten Flachetappe sind wir mit unserem Sprinter Pavel Bittner Fünfter geworden. Da hat alles echt sehr gut funktioniert. Die Zusammenarbeit der kompletten Mannschaft war wesentlich besser als vorher. Das war schön zu sehen und hat auch noch mal einen richtigen Motivationsboost gegeben.Aufgezeichnet von David Lindenfeld.