Kein Bergpass stellte sich dem Tour-Peleton häufiger in den Weg als der Col du Tourmalet, dieser 2115 Meter hohe Koloss, ein von Mythen überlagerter Ort, rau bis zum Gipfel, den die Pedaleure am Donnerstag zum 91. Mal in der Geschichte der Frankreichrundfahrt bezwingen mussten. 1250 Höhenmeter über 17,1 Kilometer vom Örtchen Sainte-Marie-de-Campan aus bei Temperaturen jenseits der 35 Grad Celsius standen an, und so durfte es wenig verblüffen, dass der beste deutsche Rundfahrer Florian Lipowitz den Tourmalet bereits vor dem Start mit Bedeutung überhöht hatte: „Heute werden wir sicher wissen, was im Gesamtklassement gehen wird.“Schweißtreibende Stunden später, nach dem nächsten Ritt durch Südfrankreich, erhärtete sich der Verdacht, dass Lipowitz mit seiner Einschätzung recht haben könnte. Die insgesamt 186 Kilometer von Pau bis Gavarnie-Gédre lieferten nachdrückliche Hinweise, dass nach 2024 und 2025 auch in diesem Jahr Tadej Pogacar allen davonrast. Gut vier Kilometer unterhalb der Passüberquerung des Tourmalet attackierte der Slowene, entfloh allen anderen und war im Ziel längst von einer Menschentraube umringt, ehe seine ersten Verfolger dort ankamen.Und so drängte sich die Frage aller Radsportfragen dieser Zeit auf: Geht das jetzt schon wieder los?MeinungRadsport:Die Planer der Tour de France müssen auf die Hitze reagierenPogacar tritt in die Pedale und rast davon, als hätte ihm eine unsichtbare Fee eine Seilwinde ans Lenkrad gezaubert. Jonas Vingegaard aus Dänemark, zweimaliger Toursieger eines inzwischen fast schon vorherigen Zeitalters, strampelte verzweifelt hinterher, doch da war der Slowene schon entschwunden. Das französische Teenager-Talent Paul Seixas und auch das Red-Bull-Duo mit Remco Evenepoel aus Belgien und Lipowitz wirkten machtlos. Auch sie versuchten zu kontern, vergeblich. Vor ziemlich genau zwei Jahren, währender der elften Tour-Etappe 2024 war es Vingegaard als letztem Radprofi gelungen, Pogacar nach einer Attacke noch zu stellen. Seitdem ließe sich eine Schablone darüber legen, wann immer der Mann in Frankreich das Tempo anzieht.Das war ein unglaublicher Sieg, einer der süßesten Siege mit SicherheitTadej PogacarEs lag noch eine nennenswerte Wegstrecke zwischen Pogacar und jenen, die gemeinhin als Verfolger bezeichnet werden. Vingegaard hatte seinerseits eine Lücke zu einer Sechsergruppe um Lipowitz, Seixas, Evenepoel und Pogacars Edelhelfer Isaac Del Toro gerissen und ließ sie aussehen wie traurige Schulbuben, die gerne Hitzefrei bekommen hätten. Diese sechs Fahrer – ihrerseits Konkurrenten – wirkten allerdings nicht, als hätten sie auf die Schnelle einen gemeinsamen Schlachtplan entworfen. Und so kam es, dass Pogacar über 43 Kilometer bis zum Zielstrich einen fast schon turmhohen Vorsprung herausfuhr, auch im Gesamtklassement. 2:38 Minuten auf Vingegaard, mehr als drei Minuten auf Lipowitz und Co. also mehr, als Verfechter von Dramaturgie und Spannung gutheißen können.Welche taktischen Möglichkeiten es gebe, um Pogacar künftig besser in Schach zu halten, wurde Lipowitz, Tages- und Gesamtsiebter, nach seiner Ankunft gefragt. „Bei der Performance kann man nicht viel machen“, sagte der Ulmer. Am Tourmalet hätten seine „Beine nicht ganz gereicht“. Und auch von seinen Begleitern habe „keiner superhart fahren“ wollen oder können. Lipowitz' Zwischenfazit lautete 15 Etappen vor dem Ende: „Wir müssen jetzt um Platz drei fahren. Jonas ist der Zweitstärkste hier im Feld, dahinter wird es knapp.“Radsport:Etappenplan der Tour de France 2026: Alle Etappen im ÜberblickAm 4. Juli startete die Tour de France 2026 in Barcelona, 21 Etappen stehen auf dem Programm. Der Etappenplan im Überblick.Der Mann, der längst ins Rollen gekommen ist, sprach alsbald ebenfalls in die TV-Mikrofone. „Das war ein unglaublicher Sieg, einer der süßesten Siege mit Sicherheit“, sagte Pogacar. Er sortierte ihn in einer Liste von Tagessiegen – 123 sind es inzwischen, davon 23 bei der Tour – „unter die top fünf“ ein. Ehe er wissen ließ, dass ihm nicht nur seine Form, sondern auch die Mitarbeit seiner Teamkollegen entgegenkam: „Wenn wir explodieren, dann explodieren wir, das war großartiges Teamwork.“Vom Außerirdischen ist in Frankreichs Gazetten bisweilen die Rede, wenn es darum geht, die Außergewöhnlichkeit dieses 27-jährigen Slowenen in ein Wort zu gießen. Menschliche Züge lassen sich aber mit noch höherer Gewissheit erkennen, etwa als er sich zum bisherigen Träger des gelben Trikots äußerte. Der Norweger Torstein Träen war – mit bereits hohem Rückstand – in der Abfahrt vom Tourmalet gestürzt und hatte mindestens Schürfwunden davon getragen, war aber ins Ziel gekommen. Ohne Genaueres über Träens Zustand zu wissen, sagte Pogacar: „Mir wäre es lieber, wenn er heute das Jersey behalten hätte können.“