Es gab mal eine Zeit, da war Tadej Pogačar immer für eine Überraschung gut. Damals gehörte es noch nicht zur Tagesordnung, dass Radprofis weit vor dem Ziel losfuhren und dort dann alleine eintrafen. Inzwischen weiß jeder, was passieren wird, wenn der Slowene am Start steht. Doch verhindern kann es niemand.Mit einer Demonstration der eigenen Stärke hat Pogačar an diesem Donnerstag nach etwas mehr als viereinhalb Stunden die erste richtig schwere Bergetappe bei der Tour de France für sich entschieden, sich das Gelbe Trikot zurückerobert und einen großen Schritt in Richtung seines fünften Tour-de-France-Sieges gemacht. Wie von vielen erwartet, griff der Profi vom UAE Team Emirates-XRG am Col du Tourmalet an. Kurz sah es noch so aus, als könne Jonas Vingegaard Schadensbegrenzung betreiben. Doch der größte Widersacher des Dominators ließ die Lücke nach dem Gipfel immer größer werden und erreichte das Ziel schließlich mit einem Rückstand von 2:38 Minuten.Dritter wurde Pogačars Teamkollege Isaac del Toro. Der Deutsche Florian Lipowitz distanzierte seinen Ko-Kapitän Remco Evenepoel zwischenzeitlich, kam am Ende aber gemeinsam mit ihm in der Gruppe der Verfolger als Sechster an. Sein Rückstand betrug 2:57 Minuten.30 Sekunden bergauf, 40 Sekunden bergabDass Lipowitz mit Pogačar nicht würde mithalten können, war keine Überraschung. Erstaunlich war dafür, wo Pogačar am Col du Tourmalet Zeit herausholte. Rund 30 Sekunden war er auf dem Weg nach oben schneller als Vingegaard, etwa 40 auf dem Weg runter. Der Siebenundzwanzigjährige raste in die Abfahrt, als wäre er auf der Flucht – und ist dem Dänen inzwischen auch in diesem Metier überlegen.„Heute Morgen bin ich um sieben Uhr aufgewacht und mein Kopf hat schon verrückt gespielt. Ich habe mich wirklich auf den heutigen Tag gefreut“, sagte Pogačar, der seinen Vorsprung am nicht allzu steilen, dafür aber mehr als 18 Kilometer langen Schlussanstieg noch ausbaute: „Es war ein unglaublicher Sieg.“Es war die Etappe, auf die alle gewartet hatten, weil sie Aufschluss darüber geben würde, wie die Kräfteverhältnisse wirklich verteilt sind. So ein Rennen beginnt nicht erst an der Startlinie, sondern viel früher – mit den üblichen Psychospielchen. Schon am Vortag sagte UAE-Sportdirektor Matxin Joxean Fernández, dass er mit einem Angriff von Vingegaard am Col du Tourmalet rechnet. Am Morgen der Etappe hielt Victor Campenaerts von Vingegaards Team im Gespräch mit dem niederländischen Portal „WielerFlits“ dagegen: „Wir gehen davon aus, dass UAE am Tourmalet richtig durchdrehen werden“, sagte er gegenüber WielerFlits und sollte recht behalten.Viele hatten vor dem Start damit gerechnet, dass dieses Rennen am Col d’Aspin, dem ersten großen Berg auf dem Parcours, richtig losgehen würde. Wie man sich doch täuschen kann! Die sechste Etappe ist vom Start weg eine Vollgasveranstaltung. Zunächst bildet sich eine Ausreißergruppe mit Mads Pedersen, der im Kampf um das Grüne Trikot die meisten Punkte beim Zwischensprint abgreifen will. Mit ihm unterwegs ist nur Campenaerts, der später als Relaisstation für Vingegaard dienen soll. Doch daraus wird nichts. Hinten gibt es immer wieder Attacken. Schon am ersten Berg der vierten Kategorie zeigen sich alle Favoriten vorn. Der Vorsprung der Ausreißer schmilzt. Kurz darauf sind beide eingeholt. Zeit zum Durchschnaufen bleibt da kaum.Viel schneller als berechnetDer Veranstalter A.S.O. gibt vor jedem Rennen eine Zeitentabelle aus, die prognostizieren soll, wo die Rennfahrer sich an gewissen Punkten befinden werden, wenn sie mit entsprechenden Durchschnittsgeschwindigkeiten unterwegs sind. Nach 80 Kilometern liegt das Peloton fast zehn Minuten vor dem schnellsten berechneten Schnitt. Wo soll das hinführen? Hinauf zum Col d’Aspin. Dort spannt sich Pogačars Helfer Nils Politt vor das Feld und erhöht das Tempo. Mit gebleckten Zähnen fährt der Deutsche die Konkurrenz müde. Fünf Kilometer vor dem Gipfel übernimmt Teamkollege Tim Wellens. Als die Profis den Fuß des Col du Tourmalet erreichen, ist das Feld schon ausgedünnt.Vorne lässt Pogačar seine Helfer weiter Tempo fahren. Einer nach dem anderen opfert sich. Schon etwas mehr als sechs Kilometer vor dem Gipfel sind fast nur noch die Kapitäne der Teams übrig. Und dann dreht Pogačar, um es in Campenaerts Worten zu sagen, „richtig durch“. 4,6 Kilometer vor dem Gipfel dieses prestigeträchtigsten Berges attackiert der Weltmeister. Vingegaard geht nicht sofort mit, fährt sein eigenes Tempo, hält die Lücke anfangs noch konstant auf ein paar Sekunden beschränkt. Sieben sind es mal, dann zehn, dann wieder neun. Doch mit der Zeit wird das Loch größer.Hinten tobt derweil der Kampf zwischen den Podiumsanwärtern bei dieser Tour: Florian Lipowitz, Paul Seixas und Pogacars Edelhelfer Isaac del Toro überqueren den Gipfel gemeinsam, lassen dann die Gruppe von hinten – zu der unter anderem Red-Bull-Kapitän Remco Evenepoel gehört – aber noch mal herankommen. Wer am Ende Platz drei bei dieser Frankreich-Rundfahrt belegen wird, scheint aktuell die spannendste Frage. Die Tour ist für Vingegaard noch nicht verloren, auch wenn es nicht gut aussieht. Der Däne wird nun auf einen Einbruch von Pogačar hoffen müssen – und sich dabei nicht allzu große Hoffnungen machen können: Den letzten gab es 2023.
Tour de France 2026: Tadej Pogacar dominiert bergauf und bergab am Tourmalet
Auf der ersten Bergetappe der Tour de France fährt Tadej Pogačar wieder einmal allen davon – und ins Gelbe Trikot. Den Tourmalet überquert er als Erster, doch danach ist seine Überlegenheit noch deutlicher.











