Jetzt geht es endlich los! Die Tour de France startet am Samstag mit der ersten Etappe, doch schon am Donnerstag können wir als Fahrer spüren, was das bedeutet. Ich habe bereits den einen oder anderen Grand Départ erlebt und kann sagen: Es gab auf jeden Fall schon ruhigere Plätze. Hier in Barcelona ist echt viel los.Es sind viele Leute, die uns am Donnerstag bei der Teampräsentation auf der Straße zugejubelt haben. Die Atmosphäre war echt beeindruckend. Vor allem vor der Sagrada Família, wo eine große Bühne aufgebaut war. Es ist schon cool, dass man bei der Tour immer etwas anderes sieht und etwas anderes hört, bevor es losgeht. Das macht es so besonders jedes Mal. Und das spanische Flair hat einfach was.Dass die Tour de France dieses Jahr in Barcelona startet, ist für mich etwas Besonderes. Hier in Barcelona haben meine Frau und ich unseren letzten gemeinsamen kinderlosen Urlaub verbracht. Deshalb verbindet uns ein bisschen was mit der Stadt. Dass meine Frau und die Kinder jetzt auch hier sind und ich mit ihnen den Nachmittag vor der Fahrerpräsentation zusammen verbringen und das ganze Drumherum erleben konnte, war schön.„Es kommt bei der Tour immer zu Stürzen“Auch für mich ist das alles immer noch etwas Besonderes, obwohl es schon meine elfte Tour ist. Wenn man bei der Teampräsentation auf der Bühne steht, kribbelt es. Ich bin natürlich auch immer noch aufgeregt, bevor es losgeht. Wie das sein kann? Ich bin Vollblutrennfahrer. Das gehört dazu. Man muss aufgeregt sein. Da hat sich über die Jahre kaum etwas verändert.Sorgen mache ich mir vor dem Rennen aber keine. Das zu sagen, klingt immer komisch, weil die Chance relativ hoch ist, dass man in einen Sturz verwickelt wird, wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren in den ersten Tagen los war. Es kommt bei der Tour gerade zu Beginn immer zu Stürzen, weil alles viel hektischer ist als in den anderen Rennen des Jahres. Aber man muss versuchen, das auszublenden und sich auf das zu konzentrieren, auf das man Einfluss hat. Man darf das nicht an sich ranlassen.„Sorgen mache ich mir vor dem Rennen keine“: John Degenkolb geht in seine elfte Tour.dpaDie Konzentration ist jetzt schon hoch. Wir als Team wollen hier unbedingt eine Etappe gewinnen. Wenn wir das schaffen sollten, wäre das ein riesiger Erfolg für unsere Mannschaft. Es war bisher kein gutes Jahr für uns. Das muss man sich so eingestehen. Es hat viele verschiedene Gründe, warum wir nicht so performen konnten, wie wir das wollten. Das macht uns wirklich zu einem der Underdogs bei dieser Tour. Aber es gibt uns auch die Möglichkeit, die Münze hier umzudrehen. Das Krasse ist ja im Radsport: Ein Sieg bei der Tour verändert alles. Deshalb ist der Leistungsdruck ja auch so groß. Wenn man hier etwas reißt, kann man eine miserable Saison komplett umdrehen.Auf den Sprint-Etappen wird meine Aufgabe als Road Captain es sein, unseren Sprinter Pavel Bittner gut ins Finale zu bringen. Ich werde nicht der letzte Anfahrer sein, muss Pavel dann also zwei oder drei Kilometer vor dem Ziel in einer möglichst guten Position absetzen. Den Rest erledigen dann meine Teamkollegen. Wir haben mit Niklas Märkl, dem anderen Deutschen neben mir im Team, einen schnellen Mann dabei, der die Rolle des Anfahrers übernehmen kann. Außerdem gehört mit Frits Biesterbos noch ein starker Rennfahrer zu uns, der im Finale gefordert sein wird. Ich bin dann wahrscheinlich der zweit- oder drittletzte Anfahrer. Das wird aber auch von Tag zu Tag variieren. Da gibt es keine komplett festgelegte Reihenfolge.Die erste Sprintchance gibt es ohnehin erst auf der fünften Etappe. Los geht es am Samstag mit einem Mannschaftszeitfahren, auf das wir uns als Team am Donnerstag vor der Präsentation noch mal mit ein paar Intervallen vorbereitet haben. Wir haben da jetzt nicht so den Fokus draufgelegt wie die Teams, die um das Gesamtklassement kämpfen. Für die geht es da schon um jede Sekunde. Wir werden nicht mit allzu großen Ambitionen reingehen.Aber mal schauen, mir ist am Donnerstag noch etwas aufgefallen: Die beiden Wertungstrikots, also das grüne Sprinttrikot und das gepunktete Bergtrikot, werden am Samstag für den jeweils schnellsten Rennfahrer auf den ersten fünf Kilometern und dem letzten Schlussanstieg vom Mannschaftszeitfahren vergeben. Vielleicht könnte das ja was für uns sein.Aufgezeichnet von David Lindenfeld.Degenkolb stürzt vor Tour-AuftaktRadsport-Routinier John Degenkolb ist im Training vor dem Auftaktzeitfahren an diesem Samstag in Barcelona gestürzt. Der 37 Jahre alte Profi in Diensten des Teams Picnic-PostNL ging schmerzhaft zu Boden. An den Start gehen kann der Etappensieger von 2018 dennoch. „Zum Glück bin ich ohne größere Verletzungen davongekommen, aber Schürfwunden und eine Prellung an der Schulter sind natürlich nicht ideal“, schrieb Degenkolb in den Sozialen Medien: „Aber ich will mich nicht beschweren. Ich freue mich riesig, beim größten Radrennen der Welt dabei zu sein.“ (sid)