PfadnavigationHomeSportJan Ullrich„Es ist unglaublich, was im Radsport derzeit passiert“Von Dirk SchlickmannStand: 07:22 UhrLesedauer: 8 Minuten„Er will einfach nur Rad fahren. So war ich auch“: Jan UllrichQuelle: picture alliance/Panama Pictures/Christoph HardtAm Samstag beginnt in Barcelona die Tour de France. Rad-Legende Jan Ullrich erwartet einen engen Kampf um den Gesamtsieg und sieht Florian Lipowitz vor Remco Evenepoel. Für ihn selbst sei die Vergangenheit mittlerweile abgehakt.Vor 29 Jahren gewann Jan Ullrich als erster und bisher einziger Deutscher die Tour de France. Fünfmal beendete er das wichtigste Radrennen der Welt auf Platz zwei. 2012 wurde er von einem gericht letztinstanzlich des Dopings überführt. Nach seiner Karriere sorgte er jahrelang mit Alkohol- und Drogenproblemen für Schlagzeilen. Mittlerweile ist der 52-Jährige gefestigt, öffentlich rehabilitiert und wieder Teil der Radsportszene. Seine Einschätzungen und Analysen sind gefragt. Auch und insbesondere zur Tour de France. Ein Interview.Frage: Herr Ullrich, die große deutsche Hoffnung bei der Tour de France ist der Vorjahresdritte Florian Lipowitz. Was trauen Sie ihm in diesem Jahr zu?Jan Ullrich: Das Podium ist auf jeden Fall wieder möglich. Das kann er. Im Frühjahr ist er mit den Besten mitgefahren, zuletzt hat er die Slowenien-Rundfahrt souverän gewonnen. Wichtig ist, dass er heile durch die erste Woche kommt. Die Flachetappen sind am gefährlichsten für Gesamtklassementfahrer. Da ist wichtig, dass Florian vom Team geschützt wird. Vergangenes Jahr musste er ja nach einem Platten lange alleine fahren, um den Anschluss wiederherzustellen. Das wird dieses Jahr nicht passieren. In den Bergen kann Florian richtig was reißen. Ich glaube auch, dass er sich im Tour-Verlauf noch steigern kann. Außerdem hilft ihm die Erfahrung aus dem Vorjahr.Frage: Das Team Red Bull-Bora-hansgrohe geht mit der Doppelspitze Lipowitz und Remco Evenepoel an den Start. Kann das funktionieren?Ullrich: Ja. Im Frühjahr hat man es schon gesehen. Da war sich Remco nicht zu schade, Helferdienste für Florian zu leisten. Am Ende entscheiden sowieso die Beine, Kapitänsrolle hin oder her. Ich persönlich denke, dass Florian besser ist. Hinter Remco steht für mich sowieso ein Fragezeichen. Er ist im Frühjahr gut gefahren, hatte aber bei langen Berganstiegen seine Probleme. Danach ist er keine Rennen mehr gefahren.Frage: Als Vorbereitungsrennen hat Lipowitz die kleine Slowenien-Rundfahrt gewählt. Ein richtiger Schritt?Ullrich: Er ist ein Typ, der mehr Ruhe braucht. Den Stress, sich kurz vor der Tour noch mal mit Pogacar zu messen und viele Interviews geben zu müssen, hat er sich nicht angetan. Von daher war der Start bei der Slowenien-Rundfahrt die richtige Entscheidung für ihn. Er ist aus der Schusslinie gegangen und konnte sich perfekt vorbereiten. Ich bin mir sicher: Florian wird uns bei der Tour viel Freude machen.Frage: Kann er eines Tages die Tour gewinnen?Ullrich: Das ist immer schwer zu sagen. Er ist erst im siebten Jahr Radprofi. Daher glaube ich, dass er sich weiterentwickeln und noch stärker werden wird. Er hat seinen Zenit noch nicht erreicht. Er hat ein super Team um sich herum und ist auf einem richtig guten Weg. Es ist sowieso unglaublich, was im Radsport derzeit passiert. Es gibt neue Trainingssysteme, man holt sich Anregungen aus anderen Sportarten, die Ernährung wird bis ins letzte Detail professionalisiert, auch während der Rennen – die Folge ist, dass die Fahrer von Jahr zu Jahr besser und ihre Watt-Leistungen höher werden. Bei Florian ist das ja auch so, wie er gesagt hat.Frage: Sehen Sie Parallelen zwischen sich und ihm?Ullrich: Er ist auch ein ruhiger, zurückhaltender Typ, der nicht im Mittelpunkt stehen will. Er will einfach nur Rad fahren. So war ich auch. Aber das ganze Drumherum meistert er auch gut, finde ich. Wenn er ein Interview gibt, ist das ehrlich und informativ.Frage: Tadej Pogacar ist der Topfavorit. Ist er nur durch einen Sturz oder eine Krankheit zu stoppen?Ullrich: Wie er fährt, ist Wahnsinn. Das hat man auch bei der Tour de Suisse wieder gesehen, wo er auf der ersten Etappe 70 Kilometer alleine fährt und gewinnt. Aber ich würde Jonas Vingegaard nicht unterschätzen. Er ist so ein guter Fahrer, dass er Pogacar gefährlich werden kann. Er hat den Giro souverän gewonnen, dann ein wenig Luft drangelassen und Höhentraining gemacht – diese Strategie könnte aufgehen. Ich denke, er wird noch besser sein als vergangenes Jahr. Er wird am Berg schwer abzuhängen sein, vor allem bei den langen Anstiegen. Pogacar ist der Favorit, aber Vingegaard sehe ich nicht so weit weg, er kann dagegenhalten. Die beiden schweben so ein bisschen über den anderen. Auch in dieser Saison dominieren sie. Da, wo sie starten, gewinnen sie auch. Ich hoffe aber, dass Florian Lipowitz sie ein bisschen ärgern kann, zumindest auf der einen oder anderen Etappe.Frage: Am Ende der dritten Tour-Woche ist Alpe d’Huez gleich zweimal das Etappenziel. Wird erst da die Entscheidung fallen?Ullrich: Wir hoffen alle auf Spannung bis zum Schluss. Ich denke schon, dass es Jonas bis zum Ende offenhalten kann. Ich rechne nicht mit großen Zeitabständen zwischen Pogacar und Vingegaard.Frage: Haben Sie Pogacar mal persönlich kennengelernt?Ullrich: Ja, ich habe ihn vor ein paar Jahren in Paris getroffen und danach noch einmal in Italien. Ich mag ihn sehr, er ist ein sehr angenehmer, entspannter und bodenständiger Typ. Lustig ist er auch noch, da muss man sich nur mal seine Posts in den sozialen Medien anschauen. Er ist der Superstar, hat sich aber nicht verändert. Für unseren Sport ist er ein super Aushängeschild. Nicht nur auf dem Rad. Da ist er ja sowieso unglaublich. Er fährt ja nicht nur bei der Tour de France auf Sieg, sondern schon im Frühjahr bei den Klassikern. Pogacar ist der Eddy Merckx von heute.Frage: Merckx hat, wie auch Jacques Anquetil, Bernard Hinault und Miguel Indurain, fünf Tour-Siege. Pogacar hat mit 27 schon vier. Löst er Merckx als besten Radfahrer aller Zeiten ab?Ullrich: Noch beeindruckender als den fünften oder sechsten Tour-Sieg würde ich finden, wenn er jetzt auch noch irgendwann die Vuelta gewinnt, Olympiasieger wird und bei Paris–Roubaix triumphiert. Diese drei Dinge fehlen ihm noch. Dann hätte er alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Und dann hätte er sogar Eddy Merckx überflügelt, der ja nicht Olympiasieger ist.Frage: Werden Sie bei der Tour vor Ort sein?Ullrich: Ich plane, zu der Vogesen-Etappe in der zweiten Woche zu fahren. Das ist nur eine halbe Autostunde von uns zu Hause in Merdingen entfernt. Meine Kinder würden auch gern mitkommen. Ansonsten bin ich zweimal für Eurosport im Einsatz, am Anfang und am Ende der Tour. Aber da bin ich im Studio in München.Frage: Haben Sie vom Tour-Veranstalter A.S.O. eine Einladung bekommen?Ullrich: Nein. Aber wir haben uns auch nicht aktiv darum bemüht. Ich glaube, das wäre heute kein Problem mehr. Früher war das Verhältnis zur A.S.O. sicherlich nicht immer einfach. Nach allem, was in meiner Karriere und auch danach passiert ist, gab es Vorbehalte. Seit der Amazon-Dokumentation 2023 und meiner offenen Aufarbeitung der Doping-Thematik hat sich jedoch vieles verändert. Heute spüre ich deutlich mehr Offenheit und einen anderen Umgang miteinander.Frage: Was glauben Sie, wie sauber ist die Tour 2026?Ullrich: Ich glaube und hoffe, dass sie sauber ist. Die Fahrer von heute haben hoffentlich aus unserer Zeit gelernt. Die Leistungen heute sind besser als die von uns damals, aber sie sind erklärbar. Training, Ernährung, Material – alles hat sich weiterentwickelt.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.Frage: Seit der angesprochenen Doku sind Sie öffentlich wieder präsent und regelmäßig in TV-Shows zu Gast. Nach den Abstürzen der Vergangenheit wirken Sie zufrieden und mit sich im Reinen. Stimmt der Eindruck?Ullrich: Absolut. Ich habe in meinem Leben viele Höhen und Tiefen erlebt, viele Extreme. Heute habe ich das Gefühl, meine Mitte gefunden zu haben. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: Was brauche ich eigentlich, um glücklich zu sein? Die Antwort ist gar nicht so kompliziert. An erster Stelle stehen die Menschen, die mir wichtig sind. Meine Freundin Elisabeth, die ich liebe, und meine Kinder, mit denen ich jede freie Minute genieße und so viel Zeit wie möglich verbringe. Das gibt mir Halt und bedeutet mir mehr als alles andere. Dazu kommt der Radsport. Er war immer ein Teil meines Lebens und ist die Welt, in der ich mich zu Hause fühle. Mit Rick Zabel hoste ich jede Woche den Radsport-Podcast „Ulle & Rick“, was mir großen Spaß macht. Manchmal ist es noch ungewohnt, selbst die Fragen zu stellen, statt sie zu beantworten, aber genau das macht den Reiz aus. Außerdem veranstalte ich eigene Radsport-Events, nehme an vielen anderen Veranstaltungen teil, bin als Ambassador für verschiedene Partner unterwegs und begleite große Rundfahrten als TV-Experte, beispielsweise bei Eurosport. Hinzu kommen TV-Auftritte, für die ich angefragt werde, sowie mein Museum in Bad Dürrheim, das mir ebenfalls sehr am Herzen liegt. Besonders wichtig ist mir auch mein Engagement für die Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit dem Schirmherrn Harald Schmidt. Wenn ich mit meinen Erfahrungen anderen Menschen Mut machen oder ihnen in schwierigen Situationen Hoffnung geben kann, dann ist das für mich etwas sehr Wertvolles. All diese Aufgaben geben meinem Leben Struktur, Sinn und Freude. Vor allem aber bin ich dankbar, dass ich heute wieder das machen kann, was ich liebe, und dabei Menschen um mich habe, die mir wichtig sind. Das ist für mich Glück.Frage: Sie haben immer noch sehr viele Fans und auch einige Sponsoren, die Ihnen auch Ihre Doping-Vergangenheit nicht nachtragen. Können Sie sich Ihre Popularität erklären?Ullrich: Die Zeit im Radsport war damals eben so – leider. Ich glaube, die Leute spüren, dass ich authentisch bin. Ich bin einfach so, wie ich bin. Den Leuten etwas vorspielen, das kann ich nicht. Ich bin kein Schauspieler. Damals, als es mir schlecht ging, habe ich das auch in der Öffentlichkeit gezeigt. Aber zum Glück ist die Vergangenheit abgehakt.Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) geführt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
Tour de France: Jan Ullrich – „Es ist unglaublich, was im Radsport derzeit passiert“ - WELT
Am Samstag beginnt in Barcelona die Tour de France. Rad-Legende Jan Ullrich erwartet einen engen Kampf um den Gesamtsieg und sieht Florian Lipowitz vor Remco Evenepoel. Für ihn selbst sei die Vergangenheit mittlerweile abgehakt.











