«Das ist eindeutig ungesund»: So heiss war es an der Tour de France noch nie – im Peloton wächst die Kritik an den BedingungenDie Fahrer rüsten sich mit Eiswesten und kühlenden Bettauflagen gegen die Hitze. Tiefgreifende Schutzmassnahmen wie eine Änderung des Rennkalenders oder eine Verlegung der Etappenstarts bleiben jedoch aus.15.07.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Ich bin noch nie ein so hartes Rennen gefahren», sagt Tom Pidcock über die Bedingungen an der Tour de France.Guillaume Horcajuelo / EPARot ist an der Tour de France ein Symbol für grossen Einsatz, für einen Kampf auf der Landstrasse. Nach jeder Etappe zeichnen die Organisatoren den «kämpferischsten Fahrer» des Pelotons aus – der Auserwählte darf am nächsten Tag die rote Startnummer tragen. An dieser Tour jedoch steht die Farbe für einen anderen Kampf: jenen gegen die Hitze. Die französischen Behörden kennzeichnen auf den Wetterkarten jene Départements rot, in denen die höchste Hitzewarnstufe gilt. Die Karte des Zentralmassivs, wo sich der Tour-Tross befindet, leuchtet derzeit tiefrot.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während der ersten zehn Etappen der Tour de France war es dieses Jahr durchschnittlich 32,4 Grad heiss – 6,5 Grad wärmer als im bisherigen Rekordjahr 2022. Auch wenn erst 10 der 21 Etappen absolviert sind und der Parcours in der nächsten Woche in die kühleren Alpen führt: Die Tour wird als heisseste der Geschichte in Erinnerung bleiben.Die Behörden scheuen Verkürzungen oder AbsagenDass es ungesund ist, bei Temperaturen von gegen 40 Grad Hochleistungssport zu betreiben, darin sind sich Sportmedizinerinnen, Fahrer und Trainer einig. Dass es gefährlich werden kann, wenn Zuschauerinnen und Zuschauer stundenlang am Strassenrand auf das Fahrerfeld warten, ist ebenfalls unbestritten. Auf das Renngeschehen hatte die Hitzewelle trotzdem nur marginale Auswirkungen.Auf den letzten Kilometern des dritten Teilstücks in den Pyrenäen war das Publikum ausgeschlossen, nicht wegen der hohen Temperaturen, sondern weil in der Nähe der Wald brannte und die Behörden die Verkehrswege für Einsatzkräfte freihielten.Die neunte Etappe vom vergangenen Sonntag wurde um 30 Kilometer verkürzt. Weitere Anpassungen am Parcours oder sogar Absagen sind nicht geplant. Das französische Innenministerium hat zwar den Lokalregierungen erlaubt, der Rundfahrt die Durchfahrtsgenehmigung zu entziehen. Die Behörden in den Gemeinden und Départements scheuen solch einschneidende Massnahmen jedoch; zu prestigeträchtig ist die grösste und wichtigste Rundfahrt des Jahres.Der Tour-Veranstalter ASO und der Weltverband UCI haben lediglich symbolische Massnahmen gegen die Hitzewelle ergriffen. Etwa jene, dass in Zonen, in denen die Soigneurs den Profis bisher nur Flaschen reichen durften, mittlerweile Musetten ausgegeben werden. Immerhin erhalten die Fahrer so mehrere Trinkflaschen aufs Mal.Im Fahrerfeld gibt sich ein Teil der Profis noch gelassen. Schliesslich seien sie vorbereitet, es sei schon während des Höhentrainingslagers in der Sierra Nevada heiss gewesen, sagte zum Beispiel der Deutsche Florian Lipowitz am Rand des Grand Départ in Barcelona.Die Profis bereiten sich gezielt auf die Hitze vor. Sie strampeln daheim dick eingepackt in beheizten Räumen auf der Rolle, legen sich nach einer Trainingseinheit in die Badewanne, um die Körpertemperatur auf über 38 Grad steigen zu lassen. Mediziner nennen das Fieber, Radprofis Hitzetraining.Die Gebrüder Johannessen übernachten auf dem BalkonDer Gesamtführende Tadej Pogacar, der am Dienstag die Etappe am Quatorze Juillet für sich entschied, sagte, das «Körpermanagement» entscheide über Sieg und Niederlage. Oberstes Ziel ist es, den Körper auch auf dem Velo möglichst kühl zu halten. Dafür unternehmen die Teams einiges, dieses Jahr sei es wegen der Hitze ein «logistischer Albtraum», sagte Pogacar.Bis kurz vor dem Start tragen die Fahrer Kühlwesten. Auch auf dem Parcours stopfen sie sich immer wieder Eisklötze ins Trikot. Das Schweizer Team Tudor verbraucht pro Tag 50 bis 60 Kilogramm Eis; hinzu kommen 250 Bidons, 150 davon mit Wasser, der Rest mit isotonischen Getränken gefüllt. Ergibt über 15 Liter Flüssigkeit pro Fahrer.Pogacars UAE-Team hat sogar kühlende Bettauflagen und mobile Klimaanlagen mitgebracht. Kleinere Teams wie die Norweger von Uno-X müssen kreativ werden: Die Zwillingsbrüder Tobias und Anders Halland Johannessen verlegten ihren Schlafplatz vor dem ersten Ruhetag am Montag kurzerhand auf den Balkon ihres Hotels.Mittlerweile mehren sich die kritischen Stimmen unter den Fahrern. Tom Pidcock vom Schweizer Team Q36.5 sagte nach der neunten Etappe, er sei noch nie ein so hartes Rennen gefahren: «Die Verpflegungszonen glichen einem Kriegsgebiet.» Der Tudor-Fahrer Matteo Trentin, der am Dienstag wegen einer Erkrankung aufgab, sagte, das Problem sei auch, dass es in der Nacht kaum mehr abkühle: «Bei diesen Bedingungen Rennen zu fahren, ist eindeutig ungesund.»Wirksame Lösungen sind weit entferntLösungsvorschläge stehen zwar im Raum, lassen sich aber nicht realisieren. Eine Startzeit am frühen Morgen steht ausser Frage, weil die Streckensperrungen und die dafür nötigen Helfer Monate vorher eingeplant werden. Obendrein würden die Einschaltquoten im TV einbrechen; die Fernsehgelder sind eine der Haupteinnahmequellen der Tour de France.Pogacar plädierte sogar für einen radikalen Umbau des UCI-Kalenders und den Verzicht auf grosse Rundfahrten im Juli und August. Wenn er denn die Macht hätte, sagt Pogacar: «Aber diese Macht habe ich nicht.» Die dreiwöchigen Rundfahrten, Giro d’Italia, Tour und Vuelta, finden in klimatisch immer ungünstigeren Monaten statt. Im Mai, während des Giro, sind die Pässe in den Alpen manchmal noch schneebedeckt, es regnet oft, ist eher kühl.Genau dann würden aber in Spanien, wo die Vuelta erst Ende August startet, ideale Bedingungen herrschen. Doch eine solche Revolution ist nicht absehbar. Der Leidensdruck ist offenbar noch zu wenig gross. In den Köpfen vieler Radsportfans und Funktionäre gehört die Tour de France untrennbar in die Sommerferien im Juli. Die Fahrergewerkschaft will nun im Austausch mit der UCI und den Organisatoren grosser Rennen wie der Tour de France nach Lösungen suchen. Die Gespräche sollen im Winter stattfinden.Passend zum Artikel