«Kühlt sich die Konjunktur ab, melden sich bei der IV mehr Leute an»Die Invalidenversicherung (IV) brauche rasch mehr Geld, sagt ihr Chef Florian Steinbacher. Der Fokus müsse auf der Eingliederung der Jungen liegen: Wer eine Rente erhalte, komme faktisch kaum mehr aus dem System raus.13.07.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Es gibt heute eindeutig mehr Diagnosen. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, daran kann die IV nichts ändern», sagt der IV-Chef Florian Steinbacher. Im Bild: Junge Erwachsene an einem Konzert im Hallenstadion in Zürich.Ennio Leanza / KeystoneHerr Steinbacher, die Invalidenversicherung hat vielleicht schon 2031 kein Geld mehr. Wie kann das sein?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im letzten Jahr verzeichneten wir 25 200 Neurenten. Das sind 2000 mehr, als wir angenommen haben, die Zahl der Neurenten nimmt deutlich zu. Der seit zehn Jahren feststellbare Trend steigert sich zurzeit stark. Die Folge ist, dass die IV in den nächsten Jahren ein Defizit von durchschnittlich ungefähr 700 Millionen Franken pro Jahr schreibt. Das Fondsvermögen umfasst derzeit 3,3 Milliarden Franken. Wenn der Fonds nun jedes Jahr 700 Millionen verliert, ist die Rechnung schnell gemacht.Die Lage ist also kritisch.Sie ist sehr kritisch. Wir haben die Möglichkeit, gegenzusteuern. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren. Es zählt jedes Jahr, um zu verhindern, dass sich der Fonds entleert. Wir brauchen sehr schnell die nächste Reform und ziehen darum die Vernehmlassung vor. Wenn alles wie vorgesehen läuft, kann die Reform 2030 in Kraft treten.Hat man zu lange gewartet und die Probleme aufgeschoben?Nein. Die IV war nie wirklich ausfinanziert. Es gab immer Defizite, der vom Gesetz vorgeschriebene Fondsstand von 50 Prozent einer Jahresausgabe wird schon seit 2020 nicht mehr erreicht. Die 10 Milliarden Franken Schulden, welche die IV bei der AHV hat, schenken auch ein: Das kostet die IV rund 200 Millionen Franken Zinsen pro Jahr. Möglicherweise werden die Zinsen nächstes Jahr sinken, doch das alleine reicht nicht aus.Florian Steinbacher.PDWenn der Fonds schon lange unter der gesetzlichen Grenze liegt, hat man also doch zu lange gewartet.Die letzte IV-Reform wurde 2022 in Kraft gesetzt, viel schneller können wir nicht mit der nächsten kommen. Es ist eine Tatsache, dass die Zahl der Neurenten viel stärker ansteigt, als in den früheren Finanzperspektiven unterstellt wurde. Nun müssen wir handeln.Aber die Neurenten nehmen schon seit 2014 viel stärker zu als die Bevölkerung. Das sind zwölf Jahre.Wir sind erst jetzt mit einer ausserordentlich starken Dynamik beim Wachstum konfrontiert. Besonders bei den 18- bis 24-Jährigen und bei den über 60-Jährigen ist die Zunahme sehr hoch, deutlich höher als in den Finanzperspektiven.Vor ein paar Jahren tönte es noch ganz anders. Damals wurde vorausgesagt, dass die IV dank den früheren Reformen und der befristeten Mehrwertsteuererhöhung stabilisiert sei und bis 2030 sogar die Schulden bei der AHV zurückzahlen könne. Warum so falsche Prognosen?Die Prognosen waren nicht falsch. Aber die Rahmenbedingungen haben sich seither verändert. Bei der AHV weiss man ungefähr, wie viele Leute wann ins Rentenalter eintreten. Die IV dagegen bekommt die Effekte der gesellschaftlichen Entwicklung zu spüren, die kaum vorhersehbar sind. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung hat sich offensichtlich verändert. Der Arbeitsmarkt ist wohl anspruchsvoller geworden. Auch sehen wir, dass kaum ein IV-Bezüger aus der Rente zurück in den Arbeitsmarkt findet. Die früheren Schätzungen zu den Austritten aus dem Rentensystem waren deutlich zu optimistisch. Der Haupttreiber sind aber die Neurenten.Die IV gibt pro Jahr 10 Milliarden Franken aus. Wie viel davon fliesst in Renten?Gegen 6 Milliarden. Die Eingliederung kostet ungefähr eine Milliarde, die medizinischen Massnahmen auch etwa eine Milliarde. Auch in diesen Bereichen steigen die Kosten. Einfach irgendwo eine Milliarde Franken streichen geht nicht. Mit Sparen allein können wir die IV nicht retten.Aber es gibt durchaus Ideen für Kürzungen. Ein ewiges Thema sind beispielsweise die Zusatzrenten für IV-Bezüger, die Kinder haben.Die geplante IV-Reform umfasst auch die Ausgabenseite. Zum Inhalt der Vorlage kann ich noch nichts sagen, der Bundesrat wird im Herbst entscheiden, welche Massnahmen er will. Gleichzeitig muss man realistisch sein. Die Rente von maximal 2520 Franken zu reduzieren, dürfte sozial und finanziell keine Option sein. Schon heute erhält rund die Hälfte der IV-Rentner Ergänzungsleistungen (EL). Bei tieferen Renten würden sich die Kosten auf die EL und die Sozialhilfe verlagern. Wenn wir das Leistungsniveau halten wollen, kommen wir um eine Zusatzfinanzierung nicht herum.Die IV sei seit Jahren nicht ausreichend finanziert, sagen Sie. Trotzdem wurden die Leistungen in den letzten Jahren deutlich ausgebaut, der Zugang zur Rente wurde vereinfacht. Wie geht das zusammen?Die Rechtsprechung des Bundesgerichts hat gedreht, es fand ein eigentlicher Paradigmenwechsel statt. Früher galt beispielsweise bei psychosomatischen Leiden die Vermutung, dass sie therapierbar und überwindbar seien und nur ausnahmsweise zu einer Invalidität führten. Seit 2015 nun wird ein neues Verfahren angewendet, das zu mehr und teilweise höheren Renten führt und mehr Abklärungen verlangt. Auch Teilzeiterwerbstätige bekommen in der Tendenz höhere Renten. Dies, weil die Schweiz wegen eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bei der Berechnung Anpassungen vornehmen musste. Seit 2019 können neu auch Suchterkrankungen grundsätzlich zu einer Rente führen. Das Parlament hat ebenfalls die Leistungen ausgebaut.Können Sie ein Beispiel machen?2024 wurde ein Pauschalabzug eingeführt. Er hat zur Folge, dass der Invaliditätsgrad höher ausfällt, damit gibt es leichter eine Rente und höhere Renten. Das sind politische Entscheide, an die wir uns halten müssen. Durch die Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre muss die IV zudem ein Jahr länger Renten zahlen.Wurde man sorglos, weil man das Gefühl hatte, die IV sei aus dem Schneider?Viele der Änderungen halte ich für berechtigt. Doch sie haben Folgen. Nach Einführung der 5. IV-Revision im Jahr 2008 ging die Zahl der Neurenten zuerst deutlich zurück. Inzwischen nähern wir uns dem Niveau vor der Reform an.Der Bundesrat plant, für die jungen Menschen eine neue Geldleistung einzuführen, eine sogenannte Integrationsleistung. Was ist der Unterschied zu einer IV-Rente?Die Integrationsleistung ist für junge Versicherte von 18 bis 25 Jahren gedacht. Der Betrag, den sie befristet bekommen, beträgt 80 Prozent einer Rente, rund 1000 Franken. Gleichzeitig sollen sie mehr Beratung und Begleitung erhalten. Die Idee ist, dass wir mehr Zeit haben, um betroffene Junge zur Eingliederung zu befähigen und frühzeitige Rentenzusprachen zu vermeiden. Man muss das ganze Netz mitnehmen und mit den Eltern, Ärzten und Arbeitgebern schauen: Wie bekommt man diesen Menschen wieder in die Spur? Oberstes Ziel ist es, die Jungen in den Arbeitsmarkt einzugliedern.Was kann die neue Leistung effektiv bewirken? Der Grundsatz «Eingliederung vor Rente» gilt schon seit langem, auch der Fokus auf Junge mit psychischen Problemen ist nicht neu.Wir sehen, dass sich das Phänomen der psychischen Erkrankungen verstärkt – in praktisch allen westlichen Ländern und aus Gründen, die wir nicht kennen und die wir nicht in der Hand haben. Woher die schweren psychischen Störungen kommen, ist nicht abschliessend geklärt. Wir sind mit dem Bundesamt für Gesundheit daran, Erkenntnisse zu gewinnen. Idealerweise packt man das Problem bei der Wurzel. Wenn die Personen mit 18 Jahren zu uns kommen, dann haben die meisten schon einen ganzen Parcours hinter sich, haben vielleicht die Schule oder die Ausbildung abgebrochen, weisen psychische Auffälligkeiten auf. Das sind komplexe Fälle, die viel Zeit brauchen. Wir müssen etwas tun, wir haben keine Wahl.Wie sind die bisherigen Erfahrungen mit der Eingliederung?Das ist noch nicht abschliessend evaluiert. Es gibt aber sehr viele positive Fälle, wo man durch eine frühzeitige Intervention die Eingliederung geschafft hat. Doch wir müssen unsere Bemühungen weiter verstärken. Letztes Jahr haben sich 70 000 Personen neu bei der IV angemeldet. Dieser Trend setzt sich fort. Und das heisst, dass dann irgendwann auch mehr Renten ausbezahlt werden.Wie hoch ist der Anteil der Personen, die von einer Rente wieder in den Arbeitsmarkt kommen?Er ist sehr gering. Wer eine Rente erhält, kommt faktisch kaum mehr aus dem System raus. Das gilt auch für die Jungen, und das dürfen wir nicht hinnehmen. Aus sozialen Gründen, aber auch, weil bis 65 sehr hohe Rentenkosten entstehen.Wie viel soll die Einführung der Integrationsleistung zusätzlich kosten?Sie soll nicht mehr kosten. Wir brauchen zwar mehr und vielleicht auch anderes Personal. Die Idee ist aber, dass sich der Aufwand auf längere Sicht lohnt, weil wir Renten verhindern können. Wie viele das sein werden, ist schwer abzuschätzen. Doch auch das kann nur ein Teil der Lösung sein, um die IV zu stabilisieren.Auffällig ist der hohe Anteil an Personen, die wegen psychischer Probleme in der IV landen. Haben tatsächlich die Krankheiten zugenommen? Oder eher die Diagnosen und Behandlungen und Krankschreibungen?Es gibt heute eindeutig mehr Diagnosen. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, daran kann die IV nichts ändern. Was die Krankschreibungen angeht: Es ist richtig, dass die Ärzte ihre Patienten schützen, das ist ihre erste Pflicht. Sie müssen aber auch daran denken, wie es weitergeht und wie die Person, die sie krankschreiben, wieder zurück in die Arbeit findet. Je länger die Abwesenheit dauert, desto schwieriger wird die Wiedereingliederung. Laut Statistik verliert man alle drei Monate 20 Prozent Wahrscheinlichkeit, in die Arbeitswelt zurückzukehren. Die Gesundheit der Versicherten hängt auch davon ab, ob sie Perspektiven haben und sich nützlich fühlen.Ebenso fällt auf, dass die Neurenten der über 60-Jährigen zunehmen. Ist das ein Rückfall in frühere Zeiten, als die IV für die Unternehmen ein bequemer Weg war, ältere Mitarbeiter loszuwerden?Das wissen wir nicht. Die wirtschaftliche Lage hat zweifellos einen Einfluss darauf, wie viele Leute sich bei der IV anmelden: Kühlt sich die Konjunktur ab, steigen die Zahlen. Es gibt weniger Jobs, Eingliederungen werden schwieriger. Wichtig ist auch, dass die versicherte Person eine Perspektive hat. Einen 63-Jährigen werden wir nicht mehr in eine Umschulung schicken.Erhält man ab 60 Jahren schneller eine Rente?Das kann man so nicht sagen. Die Chancen, in der Arbeitswelt nochmals neu zu starten, sind bei über 60-Jährigen aber natürlich geringer. Sie bleiben indes nicht mehr lange in der IV und wechseln mit 65 Jahren zur AHV.Wenn der IV das Geld ausgehen sollte: Wer zahlt?Diese Situation hatten wir noch nie. Die Anstalt Compenswiss verwaltet den Fonds der AHV, der IV und der Erwerbsersatzordnung (EO). Quersubventionierungen unter den drei Fonds sind verboten, die AHV darf also keine Leistungen für die IV bezahlen. Klar ist, dass die Renten und die anderen Leistungen weitergezahlt werden. Wie sie finanziert werden, müsste im Notfall noch entschieden werden.Die AHV ist im Parlament ein Riesenthema, von der IV redet praktisch niemand. Wundert Sie das?Das ist verständlich, denn die AHV betrifft alle und interessiert mehr. Die Dringlichkeit bei der IV ändert das nun. Es braucht eine Zusatzfinanzierung. Das Volumen für die Ausfinanzierung der IV ist viel geringer, es geht um eine Erhöhung der Lohnbeiträge um 0,1 oder 0,2 Prozentpunkte. Der AHV-Fonds fällt nicht so schnell auf null. Der IV dagegen läuft die Zeit davon.Eine Erhöhung um 0,2 Prozentpunkte würde reichen, um die IV zu stabilisieren?Das sind rund 1 Milliarde Franken. Stand heute würde dieser Betrag ausreichen.fon. Florian Steinbacher leitet seit knapp vier Jahren das Geschäftsfeld Invalidenversicherung im Bundesamt für Sozialversicherungen. Zuvor arbeitete der Jurist als stellvertretender Direktor der Zentralen Ausgleichsstelle in Genf, wo er die IV-Stelle für Versicherte im Ausland leitete.Passend zum Artikel
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