Die Zahl der Neurenten steigt stark – nach der AHV und der Armee braucht auch die IV mehr GeldDie jüngsten Zahlen zur Invalidenversicherung sorgen für Unruhe beim Bund. Eine Erhöhung der Lohnbeiträge um 1 Milliarde Franken rückt näher.26.05.2026, 15.50 Uhr4 LeseminutenDie Ausgaben der IV für Personen mit physischen Einschränkungen steigen weniger stark als jene infolge von psychischen Krankheiten.Christian Beutler / KeystoneUngute Erinnerungen werden wach. In den 1990er Jahren ist das zweitgrösste Sozialwerk des Bundes in Schieflage geraten: Die Invalidenversicherung (IV) kam in finanzielle Not, weil die Zahl der neuen Rentner stark zunahm. Sie häufte Schulden von 15 Milliarden Franken an, die bis heute nicht abgebaut sind. Noch immer fehlen 10 Milliarden, die die IV längst in den AHV-Fonds hätte zurückzahlen müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bevor diese Altlasten geregelt sind, zeichnet sich heute in zunehmender Klarheit die nächste Krise ab: Die Anzahl der Neurenten, die seit einigen Jahren wieder ansteigt, hat 2025 einen weiteren Sprung gemacht und ein Niveau von 25 200 erreicht. Dies geht aus der jüngsten IV-Statistik hervor, die der Bund am Dienstag veröffentlicht hat.Für die Zukunft des Sozialwerks ist das Ausmass der Neurenten entscheidend, da ein grosser Teil dieser Leistungen für lange Zeit bezahlt werden muss. Dies gilt vor allem, wenn jüngere Personen betroffen sind. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren gab es in der IV 19 000 Neurenten, vor zehn Jahren lediglich 16 000.Selbst unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums bleibt die Lage düster: Die Neurentenquote ist innert weniger Jahre von 3 auf 4 Promille der Gesamtbevölkerung gestiegen. Letztmals hat die IV vor zwanzig Jahren so schlechte Werte ausgewiesen, als die Nachwehen der Krise der 1990er Jahre langsam verebbten.Hinzu kommt ein zweiter Faktor, der wenig Gutes erwarten lässt: Die Zahl der Neuanmeldungen bei der IV hat ebenfalls stark zugenommen. Von 2014 bis 2025 stieg sie von 47 300 auf 70 700. Die Neuanmeldungen dienen quasi als Frühwarnsystem: Sie führen nicht in jedem Fall zu einer Rente oder anderen Leistungen, aber sie zeigen, in welche Richtung die Entwicklung in den kommenden Jahren gehen dürfte.Schon letztes Jahr ein DefizitDie jüngsten Zahlen sind schlechter als erwartet. Im Referenzszenario für die IV ist der Bund davon ausgegangen, dass die Neurenten 2025 kaum mehr zunehmen. Der tatsächliche Anstieg liegt zwar immer noch innerhalb der Bandbreite der Szenarien, aber klar am oberen Rand. Das lässt gestützt auf die vorliegenden IV-Zahlen den Schluss zu, dass die jährliche Finanzierungslücke in den kommenden Jahren 600 bis 800 Millionen Franken betragen könnte. Letztes Jahr betrug das Defizit der IV unter Einbezug der Kapitalrenditen und der Schuldzinsen gut 200 Millionen Franken. Gemäss den Szenarien dürfte sich dieser Fehlbetrag nun erhöhen.Eine wichtige Rolle könnte die Abstimmung vom 14. Juni spielen: Falls das Volk die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» annimmt und die Zuwanderung einschränkt, dürfte sich dies negativ auf die IV auswirken. Im Referenzszenario geht der Bund von einer Migration aus, die den Rahmen der 10-Millionen-Initiative sprengen würde. Kommen weniger Personen ins Land, reduzieren sich unmittelbar die Lohnbeiträge als wichtigste Einnahmequelle der IV. Mehrere Studien zeigen, dass die Zuwanderer gesamthaft mehr in die Versicherung einzahlen, als sie an Leistungen erhalten.Die grosse Streitfrage wird sein, wie die Politik das Loch in der IV stopfen soll: mit Leistungsabbau, höheren Steuern oder beidem? Eigentlich müssten Bundesrat und Parlament bei den Ausgaben ansetzen und die Leistungen der IV reduzieren. Zumindest hatten sie dies angekündigt, als sie dem Stimmvolk 2009 eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer für die IV vorschlugen. Das Volk sagte Ja, die IV bekam bis 2017 zusätzliche Mittel. Dann versiegte der Geldsegen – und mit ihm der Reformwille. Nicht nur der Bundesrat hat lange zugeschaut, sondern auch das Parlament. Trotz bürgerlicher Mehrheit hat es keine weiteren Einsparungen beschlossen, sondern im Gegenteil punktuell die Leistungen der IV ausgebaut.Warnung des Bundes ungehört verhalltHeute will die zuständige Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider zwar den Anstieg der Neurenten für junge Erwachsene mit psychischen Krankheiten bremsen. Doch sie hat auch bereits eine erneute Erhöhung der Abgaben in Aussicht gestellt – nunmehr ohne Befristung: Im Raum steht eine Erhöhung der Lohnbeiträge um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte. Damit würden die Lohnnebenkosten erneut steigen. Die jährliche Mehrbelastung für Angestellte und Arbeitnehmer würde 0,5 bis 1 Milliarde Franken betragen.Nachdem sich die Aussichten noch einmal verdüstert haben, ist denkbar, dass Baume-Schneider ihre Pläne nachbessern muss. Bereits im Februar hat der Bundesrat bei der Präsentation seiner IV-Vorschläge eine Warnung abgegeben, die wenig Aufmerksamkeit fand: Sollte sich die Lage kurzfristig weiter verschlechtern, müssten bereits vor der geplanten Reform «Massnahmen getroffen werden, um die Finanzierung der laufenden Ausgaben sicherzustellen». Das Innen- und das Finanzdepartement sollen nun Wege suchen, um die Liquidität der IV sicherzustellen.Damit rückt eine weitere Abgabenerhöhung näher. Für die AHV sind in den vergangenen sechs Jahren bereits die Lohnbeiträge und die Mehrwertsteuer erhöht worden. Beschlossen ist zudem, dass die Arbeitgeberbeiträge für die Kinderbetreuung steigen sollen. Zur Debatte stehen heute weitere Erhöhungen für die AHV und die Armee – und zunehmend wahrscheinlich auch für die IV. Noch vor den Sommerferien wird man mehr wissen, sobald das Departement Baume-Schneider neue IV-Zahlen präsentiert.Passend zum Artikel
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