Auch in seiner Rückzugserklärung zeigte er keine aufrichtige Reue. Er rechtfertigte sein Handeln stattdessen mit einer „Drucksituation“. Wer so argumentiert, ist für einen politischen Spitzenposten nicht geeignet.Zu viele Probleme ungelöstSo richtig Wegners Rückzug ist – ein Befreiungsschlag für die Berliner Landespolitik ist damit nicht verbunden. Dafür gibt es in der Hauptstadt zu viele Probleme, die trotz der Entscheidung des Regierenden Bürgermeisters ungelöst bleiben.Zwar hat sich in Berlin in den vergangenen drei Jahren manches verbessert: Bürgerämter und Polizei haben bessere Bedingungen erhalten, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Mit der Verwaltungsreform wurden Kompetenzkonflikte zwischen Land und Bezirken entschärft.Doch etliches funktioniert in der Hauptstadt weiterhin nicht: Die Stadt ist vermüllt, der Wohnungsmarkt durch Überregulierung gefesselt, der Verkehr durch Dauerbaustellen blockiert. Andere deutsche Großstädte zeigen, wie es besser geht.Eine Drei-Parteien-Koalition wäre nicht gut für BerlinDie Abgeordnetenhauswahl im September sollte ein Ideenwettbewerb sein, um die Probleme zu lösen. Dieser Wettbewerb ist bislang nicht in Schwung gekommen. Daran hat Kai Wegner seinen Anteil, ist aber keineswegs alleinverantwortlich.Fünf etwa gleich starke Parteien kommen seit Monaten in den Umfragen nicht über zwanzig Prozent hinaus – teils liegen sie deutlich darunter. Ändern sich diese Werte nicht, wird nach der Abgeordnetenhauswahl ein Dreierbündnis regieren. Dessen kleinster gemeinsamer Nenner wird nicht ausreichen, um Berlin nach vorne zu bringen.Dies gilt auch, wenn Linkspartei und AfD nicht im Senat vertreten sind. Die Programme von CDU, SPD und Grünen sind zu unterschiedlich, um daraus eine stimmige Reformagenda zu formen. Eine solche Koalition hätte zudem den Nachteil, die Oppositionsarbeit gänzlich den politischen Rändern zu überlassen. Untersuchungsausschüsse dürften so kaum effektiv arbeiten.Die Spitzenkandidaten müssen an ihrer Bekanntheit arbeitenDie Parteien der Mitte sollten daher alles dafür tun, so stark zu werden, dass eine Zweierkoalition realistisch wird. Teils ähneln sich ihre Hausaufgaben: Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD) und Werner Graf (Grüne) sind in der Stadt bislang allesamt zu unbekannt, um als Zugpferde für ihre Parteien zu wirken.Individuelle Herausforderungen der Kandidaten kommen hinzu: Evers geht mit dem Malus ins Rennen, ein Vertrauter Kai Wegners zu sein. Krach fehlt es an Rückhalt in der eigenen Partei. Und Graf ist in einer Doppelspitze gefangen, in der er mit Bettina Jarasch um Aufmerksamkeit wetteifern muss.Alle drei Spitzenkandidaten sind eher Sachpolitiker als Volkstribune. Um die Probleme Berlins zu lösen, ist das nicht von Nachteil. Im Wahlkampf müssen aber alle drei mehr als bisher zeigen, dass sie auch polarisieren können, sich untereinander abgrenzen. Gelingt ihnen das nicht, werden die politischen Ränder profitieren.Der Umgang mit Linkspartei und AfD sollte sich verändernUm Stimmen von Linkspartei und AfD zurückzugewinnen, müssen die Parteien der Mitte ihre Strategien verändern. Die ritualisierte Ausgrenzung der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus hat nicht verhindert, dass die Partei stärker wurde. Die Berliner CDU täte gut daran, stattdessen konservativen Wählern mehr Aufmerksamkeit zu widmen. In ihrer Fraktion im Abgeordnetenhaus gibt es Parlamentarier, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Kai Wegner hat auf ihren Rat keinen Wert gelegt. Stefan Evers sollte sie einbinden. Er selbst ist gesellschaftspolitisch zu liberal, um konservative Herzen zum Glühen zu bringen.SPD und Grüne sind aufgefordert, den Extremismus in der Linkspartei genauso klar zu benennen, wie sie es bei der AfD tun. Bisher vermeiden sie das, um nach der Wahl mehr Machtoptionen zu haben. Dabei ist offenkundig, dass es in der Berliner Linkspartei auch im Vergleich zu anderen Linken-Landesverbänden viele Antisemiten gibt.Dies zeigt sich nicht nur in Neukölln, wo ihr Kandidat für das Amt des Bezirksbürgermeisters einen israelischen Bürgermeister als „Völkermörder“ beschimpfte. Die Landesarbeitsgemeinschaft „Palästinasolidarität“ ist in vielen Bezirken so einflussreich, dass sich ihre innerparteilichen Kritiker kaum trauen, öffentlich in Erscheinung zu treten.Es gibt viele Wähler im linken Lager, denen diese Entwicklungen nicht gleichgültig wären, wüssten sie darüber Bescheid. Die werden sich von Christdemokraten kaum überzeugen lassen. SPD und Grüne sollten sie in eigenem Interesse aufklären.