Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinDer Regierende Bürgermeister von Berlin wird seinem Amt nicht gerecht. Er sollte zurücktretenKai Wegner hat sich mit seinem Krisenmanagement nicht gerade verausgabt. Schwerer noch wiegt, dass er den Bürgern nicht die Wahrheit darüber gesagt hat.08.07.2026, 17.43 Uhr4 LeseminutenKai Wegner beim Tennisspielen (von seiner Webpage) undatiertPDSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner ist die derzeit wohl traurigste Gestalt der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands. Als ein mutmasslich linksextremistischer Terroranschlag im vergangenen Januar die Stromversorgung im Südwesten der Stadt lahmlegte, liess er es nicht nur an entschlossener Führung fehlen – der CDU-Politiker sagte offenbar auch nicht die Wahrheit über sein Krisenmanagement.Das ergaben Recherchen und erfolgreiche Offenlegungsbegehren des Berliner «Tagesspiegels» beim Berliner Verwaltungsgericht. Auch in anderer Hinsicht ist der Christlichdemokrat ein politischer Problembär.Bürgerliche Wähler hatten der CDU bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2023 ihre Stimme gegeben in der Hoffnung, ein unionsgeführter Senat werde die drängendsten Probleme der deutschen Hauptstadt in Angriff nehmen: die beispiellose Vermüllung von Strassen und Parks etwa; die autofeindliche Politik links-grüner Vorgängerregierungen; das fast vollständige Scheitern von Integrationsbemühungen in manchen Berliner Bezirken; das notleidende Schulwesen – um nur einige Punkte zu nennen.Doch schnell wurde klar, dass der neue Regierende Bürgermeister weniger zur Gattung der zupackenden Kommunal- beziehungsweise, im Falle Berlins, Landespolitiker mit deutlichem Gestaltungswillen gehört als vielmehr zu jenen Parteigewächsen, die vor allem ihr Amt geniessen wollen. Möglichst störungsfrei, versteht sich.Müll und Dauerstau in BerlinWeshalb es galt, Konflikte mit den eher antibürgerlichen, dafür aber umso artikulationsstärkeren innerstädtischen Milieus zu vermeiden. Oder, wie Kai Wegner es einmal zu Beginn der Wahlperiode am Rande eines NZZ-Interviews sinngemäss ausdrückte: Als Christlichdemokrat habe er erst lernen müssen, was für eine bunte, tolerante und vielfältige Politik eine Metropole wie Berlin brauche.Würde alles andere in der Hauptstadt funktionieren oder seit 2023 auch nur erkennbar besser laufen – die leidgeprüften Metropolenbürger hätten gegen Wegners soziokulturelle Anpassungsbereitschaft vermutlich wenig einzuwenden. Doch das ist nicht der Fall, weder beim Müll noch beim Dauerstau, noch bei der Unsicherheit im öffentlichen Raum.Und eben auch nicht bei der kritischen Infrastruktur – wie rund 100 000 Bewohner der südwestlichen Stadtbezirke feststellen mussten, als sie im Januar bei klirrender Kälte fünf Tage lang ohne Heizung und Licht in ihren Wohnungen sassen. Dass das Berliner Stromnetz anscheinend – wie jetzt auch eine eigens eingesetzte Expertenkommission urteilte – nicht über die nötigen Redundanzen und Notfallkapazitäten verfügt, die in anderen Städten Standard sind, ist Wegner dabei nicht einmal besonders anzulasten.Mangel an Hingabe und WahrhaftigkeitPflege und Schutz des Stromnetzes hatte seit Jahrzehnten auch keiner seiner Vorgänger für applausträchtig gehalten. Vorzuwerfen ist dem bis auf weiteres Regierenden Bürgermeisters indes ein Mangel an Hingabe und Wahrhaftigkeit. Als ihn die Nachricht von dem weiträumigen Stromausfall am Morgen des 3. Januars, einem Samstag, erreichte, eilte er nicht etwa, wie es vermutlich die meisten deutschen Bürgermeister getan hätten, in sein Rathaus, um von dort aus die Hilfsmassnahmen zu begleiten.Er fuhr auch nicht – und zwar weder am Vor- noch am Nachmittag von Tag eins der Krise – in die betroffenen Viertel, um sich ein Bild von der tatsächlich dramatischen Lage zu machen. Diese Unterlassung könnte man bei sehr gutem Willen noch mit dem Wunsch erklären, den Hilfskräften vor Ort nicht in die Quere zu kommen.Nicht erklären kann man hingegen Wegners nachträgliche Kommunikation über seine Kommunikationsanstrengungen am ersten Ausnahmetag – für die er inzwischen, vor allem auf Druck einzelner hartnäckiger Journalisten, die «Berlinerinnen und Berliner» um Verzeihung bat.Allerdings ging es gar nicht um «kommunikative Fehler», wie er sagte, sondern um schlichte Unwahrheiten: Tatsächlich hatte Wegner sich weder, wie er zunächst gegenüber Welt-TV behauptete, «den ganzen Tag zu Hause eingeschlossen», noch hatte er am Samstagmorgen «um 8 Uhr 8 begonnen, die (sic!) Telefonate zu führen». Er telefonierte am Vormittag auch nicht mit Krisenstäben oder dem Energieversorger «Stromnetz» – ebenso wenig wie mit «der Bundesregierung, mit dem Bundeskanzleramt, mit dem Bundesinnenminister».Wegner war weder besonders tätig noch ehrlichDie Senatskanzlei bestritt eine «wissentlich falsche» Aussage Wegners auf Nachfrage des «Tagesspiegels» zuletzt nicht mehr. Wie heftig der Regierende Bürgermeister sich also am Samstagvormittag bei der Krisenkoordination per Textnachricht auch verausgabt haben mag – von Telefongesprächen rauchte ihm jedenfalls nicht der Kopf, den er mittags bei einer Stunde Tennis mit seiner Lebensgefährtin, der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, «frei kriegen» wollte.Was auch erst nach und nach herauskam. Es wirft ein etwas zweifelhaftes Licht auf Teile der Landespresse, dass sie dieses Lavieren und Ausweichen des politisch Verantwortlichen weitgehend hinnahmen, ohne seinen Rücktritt zu fordern. Dass der christlichdemokratische Chef der «Regenbogenhauptstadt Berlin» (Senatsprosa) angesichts eines der womöglich folgenreichsten Terroranschläge der Nachkriegszeit weder besonders tätig noch besonders kräftig oder besonders ehrlich war, ist nämlich durchaus ein Skandal. Ein ungeheuerlicher.Der Spitzenkandidat der Berliner SPD – im September wird an der Spree erneut gewählt – hat deshalb nicht unrecht, wenn er bemerkt, dass der «menschliche Anstand» eigentlich Wegners Rückzug erfordere. Doch «Verantwortung» übernehmen solche Politiker heutzutage am liebsten, indem sie Amt, Würden und Bezüge behalten.Passend zum Artikel
Kai Wegner: Der Regierende Bürgermeister von Berlin sollte zurücktreten
Kai Wegner hat sich mit seinem Krisenmanagement nicht gerade verausgabt. Schwerer noch wiegt, dass er den Bürgern nicht die Wahrheit darüber gesagt hat.










