Wie wir die Nati lieben lerntenDie erfolgreichen Schweizer Fussballer entflammen die Herzen der Menschen im Land. Wie konnte es nur so weit kommen?12.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWir sind Schweiz: ein junger Fan vor dem Match gegen Kanada in Vancouver.Lee Smith / REUTERSSo viel Jubel, Trubel, Emozioni: Der WM-Erfolg der Mannschaft des Trainers Murat Yakin versetzt die Menschen landauf, landab in Begeisterung. Sie zeigt sich in lärmigen Public Viewings oder ereignet sich versteckt in stillen Stuben. Der Erfolg wird diskutiert an Arbeitsplätzen, kolportiert und vergrössert in sämtlichen Medien. Sie greift Raum, wenn nächtens in den Städten Autokorsos Hupkonzerte spielen und der Senn auf der Alp mit einem Juchzer ins Morgenrot tritt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Tor, Tor für die Schweiz.» Sascha Ruefer hat es ins TV-Mikrofon gebrüllt, irgendwo in Amerika neben den welschen und Tessiner Kollegen. Für die Deutschschweiz bedient sich Ruefer sehr langer O-Laute, um zu unterstreichen, was alle gesehen haben.Liebe ist ein Auf und AbGewiss mag das Ausmass des Schweizer Freudentaumels über die Nationalmannschaft mit dem Ausmass des Erfolgs korrelieren. So weit ist die Schweiz an einer WM noch nie gekommen seit der Erfindung des Farbfernsehens. Aber zur simplen Mechanik, dass Erfolg Aufmerksamkeit generiert, kommt als wichtige Voraussetzung für die Fussball-Euphorie die in langen Jahren gewachsene Geschichte zum grössten Fussball-Erfolg der Nationalmannschaft. Es ist eine Liebesgeschichte.Die Liebesgeschichte funktioniert, weil sie nicht nur, wie gerade jetzt, die Begeisterung der Verliebtheit produziert. Sie funktioniert, weil sie Höhen und Tiefen miterzählt. Enttäuschungen und Intrigen. Sie handelt von Zwietracht und Versöhnung. Von Freude und Ärger. Dafür braucht es vertrautes Personal. Und sie benötigt die Verlässlichkeit der Fortsetzung, Jahr für Jahr. Die Nationalmannschaft ist seit mittlerweile einer ganzen Generation immer da, von Turnier zu Turnier.Wenn also Gregor Kobel den fürs Weiterkommen entscheidenden Penalty hält, wehrt der Schweizer Goalie nicht nur einen Ball ab. Kobel schreibt mit seiner Aktion in der gleichen Sekunde die Geschichte seines Vorgängers Yann Sommer fort, dem 2021 in Bukarest gegen den Franzosen Kylian Mbappé Gleiches gelungen ist. Eine weitere Sekunde später ist auch bereits Pascal Zuberbühler zur Stelle mit per Handy-Aufnahme verschickter Botschaft: «Phantastisch, super gemacht, ich wusste, dass Gregi einen rauskratzt, diese Ausstrahlung, diese Körpersprache.»Zuberbühler sagt das mit der ihm eigenen, begeisterten Selbstverständlichkeit, dass die ganze Welt weiss, dass er als Schweizer Goalie seit 2006 weltweit der einzige Torwart ist, der an einer WM keinen einzigen Treffer im Spiel zugelassen hat.Übrigens schieden die Schweizer damals trotz Zuberbühler im Penaltyschiessen aus, nach dem langweiligsten Achtelfinal der WM-Historie. Keine schöne Erinnerung. Wie das Penalty-Ausscheiden gegen Polen 2016. Und so weiter. Alle dürfen den Finger aufstrecken und weiteres beitragen.So ist die Goalie-Anekdote ein winziger Teil im grossen Haufen von Ereignissen, der sich im Lauf der langen Jahre zum grossen Gesprächs- und Erinnerungsschatz geäufnet hat. In den Spielen und im ganzen Drumherum wird dieser Schatz wie in diesen WM-Tagen mit frischem Material gefüttert und bekommt neue Schattierungen. Und aus diesem Schatz wird zur freien Verfügung ständig neu geschöpft, fast nach Belieben mit älteren Facetten verschränkt und in alle Richtungen neu verhandelt.Zum Beispiel die alte Frage, was Granit Xhaka gerade wieder reitet. Gegen Kolumbien wird er in der Trinkpause zum Wüterich, schmeisst die Flasche auf den Boden und staucht den Mitspieler Ardon Jashari rüde zusammen, weil der Jüngere schlecht gespielt hat. Brennen dem Leitwolf die Sicherungen durch, ist die Reizfigur, der Captain und Rekord-Nationalspieler, der beste Fussballer der Schweiz gerade im Begriff, wieder einmal auszuticken?Gemach. Denn da ist Ricardo Rodríguez. Der wie Xhaka 34-jährige Familienvater spürt sofort, Kamerad Granit braucht Zuspruch. Rodríguez eilt herbei und redet auf den Wüterich ein. Xhaka beruhigt sich. Die knappe Szene wirkt wie ein gelungenes Kurzseminar für Empathie im Alltag. Die beiden spielen seit fast zwanzig Jahren zusammen, ergänzen sich wie Tag und Nacht und sind alt gewordene Freunde. Nach dem Siegtreffer sinkt Xhaka auf den Boden und weint.Echte Liebe muss schmerzenWie es mit Xhakas Freundschaft zu Jashari aussieht, wäre eine andere Geschichte. Xhaka hatte an der letzten WM dessen Trikot benutzt, um die serbischen Fans zu provozieren, weil der Spieler Jashari den gleichen Namen hat wie ein Freiheitskämpfer, der sich in Kosovo gegen die Serben wehrte. Es war eine ähnliche Aktion wie nochmals vier Jahre vorher, als Xhaka an der WM in Russland den Siegtreffer gegen Serbien mit der Doppeladler-Geste feierte. Es waren wichtige Momente, weil die Schweiz eine schwierige Lektion lernen durfte, ihre Mannschaft zu lieben.Liebe muss schmerzen, sonst ist sie nicht echt. Die Nationalmannschaft löste damals eine Diskussion aus über die Stellung der Migranten in der Schweiz. Es ging um Fragen, die bis heute unter der Oberfläche der Öffentlichkeit wabern und sich immer wieder neu ausformen. Damals brachten Xhaka und die Nationalmannschaft diese Fragen über Ausländer, Schweizer und Migration mit der Wucht eines unerwarteten Weitschusses explosionsartig aufs Tapet. Der Schuss schmerzte. Die Liebe wuchs.Im Nationalteam geht es immer um viel mehr als um Fussball. Um das Wichtige, das Grosse und das Ganze. Also darum, ob die Zunahme der grauen Strähnen im Haar von Murat Yakin den Nationaltrainer noch attraktiver macht oder nicht. Ob Mädchen und Buben unter zehn Jahren so spät das Spiel schauen dürfen, wenn sie am nächsten Tag in die Schule gehen müssen. Oder was es bedeutet, wenn Johan Manzambi plötzlich aus dem Bildschirm ragt und das Kind an der Hand von Lia Wälti fragt, wie er den Freistoss schiessen soll. Okay, hinter die Linien natürlich.So macht die Nationalmannschaft ein niederschwelliges Angebot für die Teilhabe an ihrem komplexen Tun und Lassen auf und neben dem Platz. Weil das Angebot für alle Menschen im Land besteht, immer wieder Gemeinschaft, Party, Brauchtum zu pflegen. Oder wahlweise berechtigter Besserwisserei zu frönen. Jedes Spiel lockt mit dem Kitzel des offenen Ausgangs. Ein unschlagbares Angebot, das vom ganzen Land wahrgenommen wird. Das ganze Land weiss es, die Schweizer Fussballer sind so erfolgreich wie nie zuvor. Das erzeugt Liebe, die Liebe zu unserer Nati. Und zwar egal, ob man will oder nicht. Es gibt kein Entkommen. Liebe ist stärker als Wille.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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