Ein Opfer der Bundesbeteiligung? Warum die Swisscom in die zweite Börsenliga absteigtDie Aktien der Ex-Monopolistin werden im Herbst den Börsen-Leitindex SMI verlassen. Die Swisscom kämpft weiter gegen den Bedeutungsverlust und sucht Wachstum im Ausland.11.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Schweizer Markt ist für die Swisscom gesättigt. Wachstum sucht man in Italien.Ennio Leanza / KeystoneDie Schweizer Börse SIX hat Mitte Woche gemeldet, dass die Swisscom und Kühne+Nagel am 21. September aus dem Swiss-Market-Index (SMI) ausscheiden würden. Für die Swisscom geht damit eine 28-jährige Ära zu Ende. Der führende Telecom-Konzern der Schweiz war seit dem Jahr der Marktliberalisierung und dem Börsengang im Herbst 1998 Teil des Schweizer Blue-Chip-Index.Mit dem Ausscheiden aus dem SMI wird die Swisscom Mitglied im SMIM, dem Index der mittelgrossen kotierten Firmen. Der Abstieg in die zweite Börsenliga hat nicht nur mit der Grösse des Unternehmens zu tun, sondern zeigt auch seinen Bedeutungsverlust. Zumal die Swisscom mit einem Börsenwert von fast 32 Milliarden Franken sich noch immer im Mittelfeld der wertvollsten SMI-Firmen bewegt.Weniger Streubesitz wegen Bundesbeteiligung«Swisscom wurde zum Opfer der Bundesbeteiligung», sagt Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie bei der St. Galler Kantonalbank. Denn nicht nur die Marktkapitalisierung, auch der Streubesitz ist für eine Mitgliedschaft im SMI relevant. Entscheidend ist aber nur der frei handelbare Anteil der Aktien. Weil der Bund 51 Prozent des Kapitals hält, fliessen nur 49 Prozent in die Bewertung ein. Das gibt Swisscom eine freie verfügbare Kapitalisierung von 15,7 Milliarden Franken.Die in den SMI nachrückenden Unternehmen sind der Dermatologiespezialist Galderma und der Pharmakonzern Sandoz. Beide haben steile Kursanstiege hinter sich und kommen auf Kapitalisierungen von 42 und 31 Milliarden Franken. Das ist deutlich mehr als der Free Float von Swisscom. Die SIX berücksichtigt auch das Handelsvolumen, also wie häufig und zu welchen Preisen eine Aktie in einem Jahr gehandelt wird.«Unternehmen, die neu in den SMI aufgenommen werden, stehen im Fokus. Diese Aktien können kurzfristig davon profitieren», sagt Schmidlin. Ein Problem ist jedoch, dass mit dem Abgang von Swisscom und Kühne+Nagel die Diversifikation des SMI abnimmt. «Der Index wird noch stärker Pharma-lastig, das Klumpenrisiko steigt», sagt der Anlageprofi.Der SMI als Leitindex – vergleichbar mit dem Dow Jones – hat nebst dem Imagegewinn eine besondere Bedeutung für institutionelle Investoren, Fonds und ETF. Indexfonds, die den SMI abbilden, werden neu Galderma und Sandoz kaufen müssen und dafür Swisscom- und Kühne+Nagel-Aktien verkaufen. Das dürfte Druck auf die Aktienkurse ausüben.«Kulturelle Verbundenheit» der SchweizDabei steht Swisscom bereits unter Druck. Seit dem Jahreshöchst im März haben die Aktien rund 15 Prozent verloren. Für einen defensiven Dividendentitel ist das viel, zumal Anleger bei Aktien wie der Swisscom vor allem Stabilität und hohe Ausschüttungen suchen. So sind die Aktien derzeit auch unter Profi-Anlegern nicht besonders beliebt. Von den Finanzanalysten, die die Aktien abdecken, empfehlen elf, die Aktien zu halten, elf, zu verkaufen, und kein einziger, zu kaufen.Gleichzeitig kämpft die Swisscom gegen den Bedeutungsverlust. Ende der neunziger Jahre waren Telecom-Konzerne wie Vodafone, Deutsche Telekom oder Mannesmann die Star-Aktien des damaligen Internetbooms. Heute, in der KI-Revolution, liefern sie zwar kritische Infrastruktur, doch Telecom-Anbieter sind austauschbar. Tech-Konzerne wie Nvidia oder Alphabet stehen im Zentrum. Chips und Energie treiben den Umbruch, nicht Internetbandbreite oder Handyabos.Die Swisscom hat sich im Laufe der Jahre mit IT-Dienstleistungen einen bedeutenden Geschäftsbereich aufgebaut. Doch der Kern des Geschäfts hat sich kaum verändert. Das Problem: «Klassische Dienste wie Internet oder Telefonie stehen seit der Liberalisierung des Marktes 1998 unter ständigem Preisdruck», sagt Ralf Beyeler, Telecom-Experte beim Vergleichsdienst Moneyland.Doch auch in diesem widrigen Marktumfeld habe sich die Swisscom gut geschlagen, findet Beyeler. Trotz hohen Preisen hätten die Berner viele Kunden halten können, auch wenn manche zu billigen Marken abgewandert seien. Rund ein Drittel aller Swisscom-Kunden haben sich von der teuren Hauptmarke abgewandt und sind bei Zweitmarken des Konzerns wie Wingo untergekommen.Gemäss Beyeler ist der Telecom-Markt in der Schweiz verteilt. Er ist auch gesättigt, der Umsatz von Swisscom ist seit Jahren rückläufig. Die Swisscom-Führung – seit 2013 unter Urs Schaeppi, heute unter Christoph Aeschlimann – verstand es gut, Gewinnmargen und Dividenden hoch zu halten. Das ist möglich, weil die Ex-Monopolistin von der hohen Loyalität ihrer Kunden profitiert. Das habe mit der «kulturellen Verbundenheit» der Schweizer zu tun, glaubt Beyeler. «Swisscom schafft es, dass viele Kunden bereit sind, 80 Franken pro Monat für ein Handyabo zu zahlen.»Italien-Expansion statt InnovationMit neuen Produkten oder technischen Innovationen hat sich die Swisscom seit 2012 und den damals neuen Datenvolumen-Tarifmodellen nicht hervorgetan. Die Swisscom müsse gar nicht innovativ sein, weil sie sich auf eine konservative, ältere Kundschaft verlassen könne, glaubt Beyeler. «Für viele ist klar, dass sie immer bleiben werden.»Doch diese Kundengruppe schrumpft, und auch die Einwanderung verschafft keine Abhilfe für Swisscom. Von neu Zugezogenen würden Sunrise und Salt stärker profitieren, weil diese Kunden preissensitiver seien. Auch das Firmenkundengeschäft biete wenig Potenzial für Wachstum, sagt der Telecom-Experte.Doch der CEO Aeschlimann hat Wachstum nicht aufgegeben und 2024 das Italien-Geschäft von Vodafone für 8 Milliarden Euro gekauft. Dieses hat der Telecom-Konzern im Januar mit Fastweb verschmolzen, einem italienischen Internetanbieter, den die Berner 2007 gekauft hatten. 2025 ist der Umsatz der Swisscom wieder gestiegen, ebenso die Dividende.Die Auslandexpansionen sind innenpolitisch jedoch umstritten. Für die Aktionäre – und den Bund – sind sie aber einträglich. Wobei sich wegen der höheren Verschuldung und des kompetitiven italienischen Markts das Risikoprofil der Swisscom verändert hat. Der Anlageexperte Schmidlin findet das unproblematisch. Dank der Bundesbeteiligung bleibe die Swisscom ein sehr defensiver Wert. Wer die Aktie wegen der Dividende gut finde, könne an ihr festhalten.Passend zum Artikel