AnalyseMehrere Schweizer Unternehmen loten derzeit aktiv den Markt nach Kaufinteressenten aus. Zu weiteren gibt es Gerüchte und bei einigen zeichnet sich ab: Ein Deal ist nur eine Frage der Zeit.Global boomen sie wieder: Übernahmen und Fusionen haben im vergangenen Jahr ein Volumen von 4,9 Mrd. $ erklommen, den zweithöchsten Wert nach 2021 mit 5,6 Mrd. $. Und in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres ist das Volumen um weitere 40% über den Vorjahreszeitraum gestiegen, zeigt die jüngste Erhebung von Bain & Company.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was global gilt, trifft allerdings nicht auf die Schweiz zu. Gemäss der jährlichen Umfrage von Oaklins plant erstmalig eine Mehrheit der befragten Schweizer Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten gar keine Übernahme.Das heisst jedoch nicht, dass keine Transaktionen beabsichtigt sind, der Fokus liegt lediglich anders: «Unternehmen überprüfen ihre Portfolios, trennen sich von nicht strategischen oder nicht rentablen Bereichen, suchen Partnerschaften oder nutzen Opportunitäten, die sich aus Marktverwerfungen ergeben», schreibt Oaklins in ihrem diesjährigen M&A Outlook Schweiz.Zur ersten Kategorie gehört Nestlé, die bekanntlich einen Käufer respektive einen Partner für ihr Wassergeschäft mit Premiummarken wie San Pellegrino und Perrier sucht. Zudem will der Nahrungsmittelmulti das verbleibende Glacegeschäft abstossen. Wahrscheinlich ist, dass es in das mit dem Private-Equity-Partner PAI geführte Joint Venture Froneri eingebracht wird. Darin findet sich bereits der Grossteil des ehemaligen Eiscremegeschäfts von Nestlé. Weiter soll das Vitamingeschäft veräussert werden, wenn möglich in einem Komplettverkauf.Weniger publik sind die jüngsten Bemühungen der kleineren und mittelgrossen Unternehmen, zu einem Deal zu kommen. The Market hat sich deshalb mit Insidern, Fondsmanagern und Investmentbankern ausgetauscht, um dieses Segment zu beleuchten.Unter das Thema Marktverwerfungen das Oaklin aufbringt, lassen sich anhand der Gespräche drei Schweizer Unternehmen einordnen – Lem, PolyPeptide und Calida. Allen drei ist gemeinsam: Sie haben einen starken Ankeraktionär und ihre Bewertungen gerieten an der Börse unter Druck – bis Übernahmegerüchte aufkamen oder sie selbst angekündigt haben, strategische Optionen zu prüfen.InhaltsverzeichnisPolyPeptide ist in VerhandlungenLem: Die Eignerfamilie will den wahren Wert kennenCalida braucht eine LösungSanthera könnte einverleibt werdenTemenos: Ebner braucht eine strategische LösungPolyPeptide ist in VerhandlungenNachdem Bloomberg aufgebracht hatte, dass PolyPeptide Kaufinteressenten angelockt habe, bestätigte das Unternehmen Mitte April, «strategische Optionen zu evaluieren». Dies zusammen mit Frederik Paulsen, dem Besitzer des Pharmaunternehmens Ferring und mit 56% Mehrheitsaktionär des Schweizer Auftragsfertigers.PolyPeptide war 2021 als Highflyer an der Schweizer Börse gestartet, doch nach schlechter Kommunikation, Gewinnwarnungen und mehreren CEO-Wechseln hatte das Unternehmen das Vertrauen der Anleger verspielt, der Kurs kollabierte.Offensichtlich suchen das Management und Mehrheitseigner Paulsen das Heil nun in einem Deal. Das Ziel: eine ihnen genehme Bewertung. Gemäss Bloomberg soll PolyPeptide im Verkaufsprozess nun die beiden Private Equity EQT und IDG Capital für eine weitere Verhandlungsrunde ausgewählt haben. Im Gespräch mahnt ein Investmentbanker jedoch, dass PolyPeptide einen so hohen Preis aufrufe, dass offen sei, ob ein Finanzinvestor gegen einen strategischen Käufer bestehen könne. Solche seien allerdings auch im Rennen, sowohl chinesische Interessenten als auch die koreanische Samsung Biologics.Die Marktkapitalisierung von PolyPeptide steht derzeit bei 1,6 Mrd. Fr., betrug im Höchst aber auch schon 4,6 Mrd. Fr. und im Tiefst weniger als 0,5 Mrd. Fr. Solch ausgeprägte Bewertungsschwankungen erschweren die Preisfindung und Fondsmanager merken an, dass PolyPeptide mitunter für Ferring produziert und offen sei, wie potenzielle Käufer dieses Risiko einschätzten, falls Paulson ganz aussteigen sollte.Lem: Die Eignerfamilie will den wahren Wert kennenEbenfalls mit einem stark sinkenden Kurs konfrontiert ist Lem. Die Marktkapitalisierung des auf Strom- und Spannungssensoren ausgerichteten Westschweizer Unternehmens ist in fünf Jahren von 3 Mrd. Fr. auf unter 500 Mio. Fr. gesunken.Lem steht in ihrem grössten Absatzmarkt China unter Druck der zunehmend stärker werdenden heimischen Konkurrenz. Das Unternehmen hat deshalb sein Geschäftsmodell angepasst und bewegt sich weg vom Nischenanbieter hin zu einem Volumenhersteller. Auch die Forschung und Entwicklung wurde von Europa nach Asien verlagert.Dennoch: Eine Ebit-Marge von 20% gehört der Vergangenheit an. Die früheren Zeiten werden nicht zurückkehren, auch wenn die Profitabilität derzeit wieder leicht nach oben zeigt.Genau das – der tief gefallene Kurs gepaart mit ersten Anzeichen, dass die operativen Weichenstellungen zu greifen beginnen – soll nun Kaufinteressenten angelockt haben: Zusammen mit dem Jahresergebnis teilte Lem Ende Mai mit, dass das Unternehmen Interessenbekundungen erhalten habe und diese prüfe. Nun sollen konkrete Offerten vorliegen, sagt eine mit der Situation vertraute Person gegenüber The Market – sowohl von Strategen, darunter chinesische Unternehmen, als auch von Private Equity.Interessant ist die Entwicklung mit Blick auf die Eigentümerstruktur: Sowohl hinter PolyPeptide als auch Lem stehen dominante Ankeraktionäre, was eine Übernahme normalerweise verunmöglicht. Doch die geringe Handelsliquidität lastet derzeit so stark auf der Börsenbewertung, dass das plötzlich ein Sinneswandel auslösen und eine Transaktion einleiten kann: Gemäss dem Insider wolle die Familie Weber, die 52,6% an Lem kontrolliert, nun herausfinden, wie viel jemand für das Unternehmen zu zahlen bereit sei. Eine zweite mit dem Prozess vertraute Person nennt als Ziel, im Herbst einen Deal anzukündigen.Ein Unternehmenssprecher richtet aus: «Das Interesse verschiedener potenzieller Interessenten ist unverändert und die strategische Überprüfung verläuft wie erwartet.» Noch sei keine Entscheidung getroffen und es sei offen, ob der Prozess zu einer Transaktion führe.Calida braucht eine LösungVor einer ähnlichen Situation stand 2022 Calida. Die Familie Kellenberger, die damals 34% an der Wäscheherstellerin kontrollierte, lotete Nachfolgeoptionen aus – gegen den Willen des Managements. Das führte gemäss Investmentbankern und Unternehmenskennern zwar zu einem Angebot der israelischen Wäscheanbieterin Delta Galil, diese ist seit 2012 mitunter Besitzerin der deutschen Schiesser. Das Angebot wurde allerdings zurückgewiesen.Inzwischen ist die Beteiligung der Familie aufgrund eines auf sie ausgerichteten Aktienrückkaufprogramms auf unter 20% gesunken, Gerüchte über einen neuerlichen Veräusserungsversuch kommen dennoch auf. Dies, nachdem der langjährige Verwaltungsratspräsident Felix Sulzberger im Frühling zurücktrat, was diverse Marktteilnehmer zum Schluss kommen lässt: «Jetzt ist eine Übernahme wieder möglich.» Die Lage sei klar, führt ein Insider aus: «Die Familie Kellenberger sowie der CEO und neue Präsident Thomas Stöcklin wissen, dass es nun eine Lösung für das Unternehmen braucht.» Wie diese aussehen soll, ist allerdings noch nicht bekannt.Ein Sprecher teilt mit, Calida kommentiere keine Marktgerüchte oder Spekulationen über potenzielle Transaktionen: «Das Unternehmen fokussiert sich auf die konsequente Umsetzung ihrer Strategie und die Weiterentwicklung ihrer Marken.»Dennoch: Calida ist mit ihren drei Marken – Calida, Aubade und Cosabella – und einem Jahresumsatz von zuletzt 216 Mio. Fr. zu klein für eine eigenständige Kotierung. Zu klein sind auch die einzelnen Brands, als dass Private Equity sie mit Gewinn separieren könnte. «Was bleibt, ist das Übernahmeinteresse von Delta Galil», versichert ein Gesprächspartner und sagt: «Ende Jahr wird Calida nicht mehr an der Börse sein.» Offen ist eine mögliche Gebotshöhe. Einen Preis jenseits von 25 Fr. je Aktie bezeichnen Unternehmenskenner als Wunschdenken.Santhera könnte einverleibt werdenBewegung erwarten mehrere Gesprächspartner bei Santhera. Das Biotech-Unternehmen, das endlich erfolgreich ist, könnte die Aufmerksamkeit eines Pharmakonzerns auf sich ziehen, am ehesten von einem, der auf seltene Krankheiten ausgerichtet ist, meinen sie.Santhera verfügt mit Agamree über einen neuartigen Wirkstoff zur Behandlung von Duchenne-Muskeldystrophie, dessen Absatz rasch steigt. Dies aufgrund des im Vergleich zu bisherigen Kortikosteroiden günstigeren Nebenwirkungsprofils. Vertrieben wird das Medikament in Nordamerika durch Catalyst, die 10% an Santhera hält. Den europäischen Markt bearbeitet Santhera selbst.Mit der Integration von Santhera in einen grösseren Verbund könnten die operativen Kosten deutlich gesenkt werden, sagen Fondsmanager. Das spreche für eine Übernahme. Interesse könnte die italienische Angelini Pharma haben. Sie ist derzeit daran, den Santhera-Vertriebspartner und Grossaktionär Catalyst für 4,1 Mrd. $ zu übernehmen.Solange der Prozess läuft, sei kein Vorstoss in Richtung Santhera zu erwarten. Doch Angelini müsse sich überlegen, was sie künftig mit den im Zug der Übernahme mit eingekauften 10% an Santhera machen will – und wie sie die Lizenzvereinbarung zwischen den beiden Unternehmen pflegen will.Mit einer Übernahme von Santhera könnte Angelini die weltweiten Rechte an Agamree in einer Hand bündeln. Darin sehen Marktkenner eine lukrative Chance, zumal der Wirkstoff ein zentraler Wachstumstreiber von Catalyst ist: «Santhera ist ein logischer Übernahmekandidat», schlussfolgert einer.Einig darin sind sich alle, dass die Aktionäre, die lange auf den Erfolg von Santhera gewartet haben, wohl bereit wären, ab 25 Fr. je Aktie ein Gebot anzunehmen. Das würde einen Käufer gut 360 Mio. kosten. Dennoch mahnt ein Investmentbanker: «Verschiedene Kaufinteressenten haben Santhera bereits angeschaut. Passiert ist bislang nichts.»Temenos: Ebner braucht eine strategische LösungAls Übernahmekandidat wird zudem Temenos gehandelt – allerdings nicht unmittelbar bevorstehend. «Viele haben sich das Unternehmen bereits sehr genau angeschaut», sagt ein Investmentbanker, es habe in der Vergangenheit auch Exklusivgespräche mit einem grossen Private Equity über eine Übernahme gegeben. Doch ein möglicher Deal platzte an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Angeblich ging es damals um 130 bis 140 Fr. je Aktie.Heute und nach einer Halbierung des Kurses auf 70 Fr. ist gemäss Marktteilnehmern ausgeschlossen, dass Private Equity das Unternehmen erneut auf die Kaufliste setzt. Grund ist die Angst, dass künstliche Intelligenz (KI) das Geschäftsmodell der Softwareunternehmen obsolet macht. Ob das auch für auf hoch sensible Anwendungen wie das Kernbankensystem von Temenos sei vor diesem Hintergrund unerheblich. Keiner würde dieses Risiko eingehen, zumal Private Equity bereits auf einem sehr hohen Anteil an Softwareunternehmen sitze. Bevor punkto Übernahme etwas passiere, müsse Temenos wachsen, in den USA neue Kunden gewinnen und den Beweis erbringen, resistent gegenüber KI zu sein, sagt ein Fondsmanager.Einig sind sich aber alle: Temenos-Grossaktionär Martin Ebner wird nicht über die Börse aussteigen können, sondern braucht eine strategische Lösung für einen Exit aus seiner letzten grossen Beteiligung. Zusammen mit seiner Frau kontrolliert Ebner via Patinex 25% des Unternehmens – und die Beteiligung wird mit dem Verkauf von Additiv an Temenos noch wachsen. Ebner hält 28% am Fintech-Unternehmen und die Hälfte des Kaufbetrags wird mit Temenos-Aktien beglichen werden.Wie Ebners Ausstieg einst gestaltet wird, ist offen und es gibt gemäss Fondsmanagern derzeit auch keine Verkaufsgerüchte. An einer strategischen Lösung werde künftig aber kein Weg vorbeiführen.EFG-Bär: Wann kommt der Reverse-Takeover?Ein Thema beschäftigt die Börse im Fünfjahrestakt – gemäss Investmentbankern die Führung der beiden Privatbanken noch häufiger: der Zusammenschluss von EFG und Julius Bär. 2015 gab es dazu Gerüchte, ebenso 2019 und 2024. Der Grund: Ein Zusammenschluss gilt als perfekter strategischer Fit. Einmal scheiterte ein Deal am Austauschverhältnis und der Frage, wie die EFG-Grossaktionärin, die griechische Familie Latsis, in das Konstrukt eingebunden wird. Den jüngsten Annäherungsversuch unterband die Finanzmarktaufsicht Finma, sagen mehrere Quellen.Das war nach dem Benko-Debakel als Bär ohne CEO dastand. Die Konkurrentin EFG hat mit Giorgio Pradelli hingegen einen sehr erfahrenen und in den letzten Jahren äusserst erfolgreichen Konzernchef. Die Idee lag nahe: Ein Zusammenschluss würde das CEO-Problem der Bären lösen, ebenso ihr IT-Thema – EFG arbeitet seit Jahren mit moderner Software von Temenos, während die IT von Bär erneuerungswürdig ist.Marktteilnehmer sprechen deshalb gerne von einem Reverse-Takeover: Trotz dem Grössenvorteil von Julius Bär würde EFG in einem gemeinsamen Konstrukt operativ und punkto Einfluss im Aktionariat die Führung übernehmen. Dazu war EFG gemäss mehreren Quellen jüngst bereit, angeblich auch Julius Bär. Aufgrund des Enforcement-Verfahrens, das die Finma wegen des Benko-Skandals gegen Bär führt, war jedoch kein Deal möglich.Die strategische Logik für einen Zusammenschluss ist aber weiterhin gegeben – gemäss informierten Quellen ebenso die Offenheit der Familie zu einem Deal. Entsprechend gehen alle befragten Marktteilnehmer davon aus, dass ein Zusammenschluss von Bär mit EFG erneut zum Thema wird, sobald das Verdikt der Finma vorliegt und Bär die Risikokontrolle im Sinn der Finanzmarktbehörde wiederhergestellt hat.Ins Fäustchen lachen würde sich Boris Collardi: Der frühere Bär-CEO sitzt heute im Verwaltungsrat der EFG und hält 3,3% an der Privatbank. Bei einem Zusammenschluss mit Julius Bär würde er als Miteigentümer zu der Bank zurückkehren, mit der sich seine Wege 2017 abrupt getrennt hatten.