An der Schweizer Börse tummeln sich zunehmend «Untote». Hoffnung auf baldige Kursgewinne können sie sich kaum machenDer Swiss-Performance-Index ist erstmals auf über 20 000 Punkte gestiegen. Doch es gibt Firmen, mit denen Investoren trotz der Rekordjagd nichts zu tun haben wollen.29.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSchlatter stellt in Schlieren Schweissanlagen her. Anleger interessieren sich seit Jahren kaum mehr für das Traditionsunternehmen.Christoph Ruckstuhl / NZZDer Schweizer Aktienmarkt entwickelt sich nach zwei starken Vorjahren weiterhin prächtig. Seit Anfang 2026 hat der Swiss-Performance-Index (SPI) um fast 9 Prozent zugelegt. In der zurückliegenden Woche stieg er erstmals auf über 20 000 Punkte. Die Rekordjagd, die Anleger an den amerikanischen Börsen ebenso wie an asiatischen Märkten jubeln lässt, ist auch hierzulande in vollem Gang.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einer der grossen Gewinner am hiesigen Aktienmarkt ist der Industriekonzern ABB, dessen Valoren seit Jahresbeginn um fast 40 Prozent in die Höhe katapultiert worden sind. Ebenfalls deutlich verteuert haben sich die Titel von Huber + Suhner, die um 46 Prozent vorgerückt sind. Beide Unternehmen werden wegen ihrer Geschäfte mit Rechenzentren als Profiteure des KI-Booms gehandelt.Verschmähte MaschinenherstellerDoch längst nicht alle Schweizer Industriefirmen befinden sich in Hochform. Vor allem unter Maschinenbauern sowie unter gewissen Herstellern von Komponenten finden sich Unternehmen, die von Anlegern regelrecht gemieden werden. Ihre Bewertungen sind derart tief gefallen, dass Börsianer von «Zombies» oder «Untoten» zu reden beginnen.Eines dieser Unternehmen ist Carlo Gavazzi. Die Firma aus dem zugerischen Steinhausen stellt Sensoren, Schalter und weitere Teile für die Industrie- und Gebäudeautomation her. Mit knapp 100 Millionen Franken beträgt ihre Marktkapitalisierung nur noch drei Viertel des Buchwerts. Der Börsenwert liegt zudem deutlich unter dem letztjährigen Umsatz. Dieser nahm trotz einem schwierigen Marktumfeld um 5 Prozent auf 137 Millionen Franken zu.Vergleicht man den Umsatz mit dem Börsenwert, gibt es noch extremere Beispiele. Beim Schlieremer Anlagenbauer Schlatter Industries ist die Marktkapitalisierung auf kümmerliche 20 Millionen Franken gefallen. Sie beträgt damit weniger als 20 Prozent des letztjährigen Konzernerlöses von 104 Millionen Franken. Die Firmen Klingelnberg und Komax, beide ebenfalls Maschinenhersteller, werden noch zu einem guten Drittel des Umsatzes bewertet. Kaum besser, mit 39 Prozent, sieht es beim Konkurrenten Starrag Tornos aus.Vor drei Jahren waren Anleger gegenüber den meisten dieser Firmen noch deutlich positiver gestimmt. So wurde Gavazzi per Ende Juni 2023 zu 127 und Komax sogar zu fast 200 Prozent des damaligen Umsatzes bewertet. Im Fall der Werkzeugmaschinenproduzenten Starrag und Tornos, die zu diesem Zeitpunkt noch unabhängig voneinander operierten, waren es immerhin 58 beziehungsweise 65 Prozent. Nur die Marktkapitalisierung von Schlatter lag schon damals ähnlich wie heute im Keller.Klingelnberg fühlt sich ungerecht behandeltKlingelnberg präsentierte Mitte letzter Woche die Zahlen für das zurückliegende Geschäftsjahr (per Ende März 2026). Der Zürcher Maschinenhersteller, der wie Komax stark von Geschäften mit der Automobilindustrie lebt, büsste beim Umsatz 8 Prozent auf 285 Millionen Euro ein. Das Betriebsergebnis (Ebit) fiel von 16,2 auf 10,3 Millionen Franken. Das schwache Abschneiden löste am Aktienmarkt einen weiteren Kursrutsch aus und liess den Börsenwert der Firma auf unter 100 Millionen Franken sinken.Der Luzerner Maschinenhersteller Komax leistete sich in Dierikon einen schicken neuen Hauptsitz. Der Aktienkurs ist abgestürzt.Simon Tanner / NZZKommuniziert wurde das Ergebnis wie in den Vorjahren mit einem knapp formulierten Communiqué. Klingelnberg gehört zu den wenigen kotierten Schweizer Firmen, die nicht einmal eine Telefonkonferenz zur Präsentation des Geschäftsabschlusses durchführen.Auf Anfrage beklagte sich ein Sprecher, das Unternehmen werde zu Unrecht in denselben Topf mit anderen Maschinenbauern geworfen. Man habe trotz der Konjunkturschwäche und dem garstigen geopolitischen Umfeld ein positives Betriebsergebnis erwirtschaftet. Zudem hätten aus der überzogenen Erhöhung der Tariflöhne in der deutschen Metallindustrie spürbare Mehrkosten resultiert. Der Konzern beschäftigt den überwiegenden Teil seiner über tausend Mitarbeitenden in Deutschland.Carlo Gavazzi streicht die DividendeDer Umsatz von Gavazzi stieg vor allem dank Mehreinnahmen im Geschäft mit amerikanischen Kunden. Der Reingewinn fiel allerdings um mehr als die Hälfte auf 1,8 Millionen Franken. Die Firmenführung machte dafür am Donnerstag hohe Sonderaufwendungen für den Bau einer neuen Fabrik in Tijuana an der mexikanisch-amerikanischen Grenze sowie für die Schliessung des Produktionsstandorts auf Malta geltend. Wegen der deutlichen Verschlechterung der Profitabilität schlägt der Verwaltungsrat der Generalversammlung vor, auf die Ausschüttung einer Dividende zu verzichten.Angesichts des stark gefallenen Börsenwerts kam an der Videokonferenz die Frage auf, ob Investoren aus der Private-Equity-Branche bei Gavazzi vorstellig geworden seien. Der Verwaltungsratspräsident Vittorio Rossi verneinte dies.Geringe Liquidität schreckt abDie Zürcher Kantonalbank gehört zu den letzten Finanzhäusern, die in ihrem Research den Komponentenhersteller noch abdecken. Sie sieht wenig Hoffnung, dass Gavazzi den Börsenwert in absehbarer Zeit steigern kann. Es gebe «keinen ersichtlichen Katalysator». Die Analysten weisen zudem auf die geringe Liquidität hin, die im Handel mit den Titeln des Unternehmens herrscht.Mit diesem Manko kämpfen auch die übrigen genannten Kellerkinder an der Schweizer Börse. Die Unternehmen sind in einen Teufelskreis geraten. Je tiefer nämlich ihre Marktkapitalisierung fällt, desto mehr scheuen grosse Investoren ein Engagement. Pensionskassen oder Fondsgesellschaften wollen keine Aktien halten, bei denen sie befürchten müssen, sie wegen der geringen Liquidität dereinst kaum mehr verkaufen zu können.Passend zum Artikel