Deutschland steuert im Übernahmegeschäft auf eines seiner aktivsten Jahre zu. Der Gesamtwert an Projekten mit deutscher Beteiligung liegt kurz vor Halbjahresschluss schon in der Größenordnung vergangener Gesamtjahre - oder übertrifft die Werte sogar. „Wir sind jetzt schon über den Ganzjahresvolumina, die wir 2023 und 2024 gesehen haben“, sagte Tibor Kossa, Ko-Leiter des Investmentbankings von Goldman Sachs in Deutschland und Österreich, am Mittwoch vor Journalisten. Trotz widriger politischer Faktoren hat sich der addierte Wert an Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitons, M&A) gegenüber dem Vergleichszeitraum mehr als verdoppelt: Nach Berechnung des Statistikdienstleisters Dealogic erreichte dieser Wert bis Mitte Juni 152 Milliarden Dollar versus 73 Milliarden in den ersten fünfeinhalb Monaten 2025. Die US-Währung ist die übliche Basis in den internationalen Statistiken. In die Berechnung gehen Transaktionen ein, in denen entweder der Käufer oder der Verkäufer deutsch war oder beide Seiten es waren.Milliardentransaktionen treiben das GeschehenIn den vergangenen zehn Jahren lagen die M&A-Volumina oft erst zum Jahresschluss in dieser Größenordnung, in den Jahren 2023 und 2024 mit 149 Milliarden und 147 Milliarden Dollar leicht darunter. Dabei liegt die Zahl der Transaktionen im bisherigen Jahresverlauf unter dem Wert des entsprechenden Vorjahreszeitraums. Milliardenprojekte sind ein Treiber für die aus M&A-Sicht günstige Bilanz. Nach Dealogic-Berechnung dreht sich die im bisherigen Jahresverlauf mit Abstand größte M&A-Transaktion in Europa um TK Elevator. Die Beteiligungsgesellschaften Advent und Cinven schicken sich an, den Fahrstuhlhersteller TK Elevator an dessen finnischen Konkurrenten Kone abzugeben; das Unternehmen wird dabei mit mehr als 29 Milliarden Euro inklusive Schulden bewertet. Zu berücksichtigen ist dabei aber ein statistischer Basiseffekt: Im vergangenen Jahr hatten Zollpläne des US-Präsidenten Donald Trump zu einer vorübergehenden Flaute an Fusionsprojekten geführt. Zudem fließen in das Zahlenwerk angekündigte Übernahmen ein - unabhängig vom Ausgang: so auch der Plan Unicredits, die Commerzbank zu erwerben, den den Dealogic mit 30 Milliarden Dollar bewertet. Andererseits fehlt das Vorhaben Volkswagens, eine Mehrheit an seiner Schiffsmotorensparte Everllence zu verkaufen. VW wollte nach F.A.Z.-.Informationen diese Woche über die finalen Angebote dreier Bieterparteien entscheiden.Das Rekordjahr der vergangenen zehn Jahre im deutschen M&A-Geschäft war 2021 mit 287 Milliarden Dollar. Rechnete man den aktuellen Stand 2026 auf das Gesamtjahr hoch, würde die Marke gebrochen. Tibur Kossa von Goldman Sachs verwies aber darauf, dass damals außer Unternehmen auch Finanzinvestoren hochaktiv waren - während die momentan verhalten agieren. Private Equity ist momentan zudem eher im Veräußerungs- als im Kaufmodus. „Sie verkaufen mehr Assets, als sie investieren“, sagte Kossa. Ihre Geldgeber dringen auf Ausschüttungen aus bestehenden Fonds. „Der Druck, Liquidität in den eigenen Fonds zu generieren, ist weiterhin relativ hoch.“ Als einen der Trends im Beteiligungsgeschäft nannte Kossa die Abkehr von dem Bestreben, in wenig kapitalintensive Unternehmen zu investieren. Diesen „Asset light“-Ansatz hatten Finanzinvestoren mehrere Jahre lang verfolgt, was zu vielen Deals etwa im Softwaresektor führte. Der ist nun unter anderem durch Unsicherheit wegen Künstlicher Intelligenz erschüttert. Die Rückverschiebung zu kapitalintensiveren Unternehmen nannte am Mittwoch bei einer Veranstaltung auch Leopold Riedl, Partner der Anwaltskanzlei Milbank. „Es gibt eine Entwicklung von Asset Light zu Asset Heavy.“