Brüssel. In Europas Chefetagen werden alte Fusionspläne wieder hervorgeholt. Unternehmen prüfen Zusammenschlüsse, die sie in den vergangenen Jahren wegen der strengen Brüsseler Kartellbehörde aufgegeben hatten. „Die Reform könnte zu einer Welle neuer Fusionen führen. Wir sehen, dass Unternehmen aufgegebene Projekte wieder auf den Tisch legen“, sagt Caroline Scholke, Partnerin bei Clifford Chance, dem Handelsblatt.Die Reform, um die es geht, sind die neuen Leitlinien der EU-Kommission für die Fusionskontrolle. Was technokratischer kaum klingen könnte, ist eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Weichenstellungen dieser Legislaturperiode. Und wie Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera dem Handelsblatt sagt, soll sie bereits im Dezember in Kraft treten. Diesen Freitag läuft die Konsultationsphase aus.Riberas EU-Kartellbehörde entscheidet über große Fusionen mit europäischer Dimension. Sie kann Deals genehmigen, mit Auflagen versehen oder verbieten. Schlagzeilen machte ihre Vorgängerin mit Vetos gegen den Zusammenschluss der Zugbauer Siemens und Alstom, gegen die Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange und immer wieder mit Verboten oder Auflagen gegen Zusammenschlüsse von Mobilfunkanbietern.Neue Fusionen in Telekommunikation, Energie und PharmaBei der Frage, welche Fusionen die EU zulässt, geht es deshalb um Macht und viel Geld. Größere Unternehmen können mehr investieren und im globalen Wettbewerb besser bestehen. Sie können aber auch mehr Marktmacht bekommen. Dann zahlen Verbraucher höhere Preise, haben weniger Auswahl oder schlechteren Service. Auf einem Kontinent mit fast stagnierendem Wachstum gewinnen solche Verteilungsfragen an Bedeutung: Wenn der Kuchen nicht weiter aufgeht, wird die Frage, wer das größere Stück bekommt, umso entscheidender.Wettbewerbskommissarin Ribera verteidigt die Reform: „Die neuen Leitlinien zur Fusionskontrolle eröffnen eine deutlich breitere Perspektive. Sie sind angepasst an eine Welt, die sich von Grund auf verändert hat“, sagt sie dem Handelsblatt. Künftig sollen bei Zusammenschlüssen nicht mehr nur Preiseffekte, Investitionen und Marktanteile zählen, sondern stärker auch Innovation und Nachhaltigkeit, Resilienz und wirtschaftliche Sicherheit.Genau dies kritisieren jedoch Ökonomen und Verbraucherschützer. „Die Gefahr ist, dass die Wettbewerbsbehörde in einen Zielkonflikt gerät. Die Kommission hat die Fusionskontrolle mit vielen neuen politischen Zielen überladen“, sagt Volker Nocke von der Universität Mannheim, einer der bekanntesten auf Fusionen spezialisierten Ökonomen. Er warnt: „Wenn nicht mehr klar ist, ob es um das Verbraucherwohl, Resilienz, Umwelt oder Industriepolitik geht, wird das Verfahren weniger berechenbar. Das schafft zusätzlichen Spielraum für politische Einflussnahme und für Lobbyismus.“Ceconomy Verdacht auf unzulässige Subventionen: EU prüft Übernahme von Media-Markt und Saturn genauer Für Aktionäre, Banken und Wirtschaftskanzleien ist die Reform dagegen eine gute Nachricht. Sie hoffen auf mehr Spielraum für Zusammenschlüsse, gerade in Branchen, die seit Jahren über zu wenig Größe klagen. Besonders in vier Branchen erwarten Experten neue Vorstöße: „In der Telekommunikation dürfte die Reform besonders stark wirken“, sagt Scholke. „Aber auch Energie, Pharma und digitale Märkte werden profitieren.“EU folgt Mario Draghis Ruf nach mehr ChampionsDie Konzerne argumentieren, sie müssten größer werden, um in neue Netze, Clouds, KI und Erneuerbare investieren zu können. „Skaleneffekte, Innovation und Resilienz müssen als Stärken gesehen werden, nicht als Risiken“, sagt Markus Beyrer, Hauptgeschäftsführer des europäischen Arbeitgeberverbands Business Europe, dem Handelsblatt. Europa brauche Fusionsregeln, die zur neuen globalen Realität passten. Geopolitische Spannungen und Abhängigkeiten in kritischen Lieferketten erforderten einen moderneren Ansatz.Ex-EZB-Chef Mario Draghi hatte in seinem Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit mehr Fusionen und mehr europäische Champions angemahnt. Als Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihrer Vizin Ribera dann den Auftrag gab, die neuen Leitlinien zu entwickeln, wurde das in Brüssel von vielen Unternehmen als Signal verstanden, die Ära strenger Fusionskontrolle könnte vorbei sein.Ex-EZB-Chef Mario Draghi: Mehr Fusionen in Europa angemahnt. Foto: AFPDas Argument ist politisch eingängig. Die USA haben in vielen Branchen konzentriertere Märkte als die Europäer, Südkorea hat mit seinen „Chaebols“ wie Samsung und LG die Welt erobert, China hat staatlich gestützte Giganten. Europa hingegen hat oft mittelgroße „Hidden Champions“. Warum also sollten europäische Unternehmen nicht größer werden dürfen?