In der Biotechnologiebranche grassiert das ÜbernahmefieberIm laufenden Jahr dürften so viele Biotechfirmen wie noch nie den Besitzer wechseln. Viele Pharmakonzerne brauchen dringend neue Produkte. Auch Roche und Novartis sind auf Einkaufstour.22.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Basler Pharmakonzern Novartis leistet sich mehrere milliardenschwere Übernahmen.Christoph Ruckstuhl / NZZEs ist ein ewiges Fressen und Gefressenwerden in der Biotechnologiebranche. Kaum eine andere Industrie lebt stärker von Fusionen und Übernahmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die grossen Pharmaunternehmen sind auf Akquisitionen angewiesen, weil ihre eigenen Forschungsabteilungen oft zu wenig Neuheiten hervorbringen. Kleine hochspezialisierte Biotechfirmen sind oft schlagkräftiger, wenn es darum geht, neue Medikamente zu entwickeln. Doch um die teuren klinischen Studien für die Erprobung der Wirkstoffe an Patienten zu finanzieren, fehlt ihnen nicht selten das Geld.Karussell dreht sich immer schnellerSchon im vergangenen Jahr zog das Volumen an Fusionen und Übernahmen in der Biotechnologiebranche merklich an. Mit 223 Milliarden Dollar lag es auf dem höchsten Niveau seit 2019. Bei den Deals ab einer Milliarde Dollar gab es 2025 sogar einen Rekord: Insgesamt wurden 35 dieser Mega-Transaktionen gezählt.Im ersten Quartal des laufenden Jahres drehte sich das Karussell noch schneller. In diesem Zeitraum wurden bereits 16 Fusionen und Übernahmen im Wert von mindestens 1 Milliarde Dollar gezählt. Hochgerechnet auf das gesamte Jahr, könnten laut dem Wertschriftenhaus Stifel fast siebzig Transaktionen dieser Grösse resultieren.Das zweite Jahresviertel ist noch nicht zu Ende, doch zeigen sich Pharmakonzerne weiterhin in Kauflaune. Der Basler Medikamentenhersteller Roche gab vor zwei Wochen bekannt, im Bereich Krebstherapien eine Forschungskooperation mit Nurix Therapeutics einzugehen. Diese könnte ihn zur Zahlung von bis zu 2,3 Milliarden Dollar an seine Partnerfirma aus dem amerikanischen Biotechnologiesektor verpflichten. Die erste Tranche, die umgehend fällig wird, umfasst 700 Millionen Dollar.Druck wegen auslaufender PatenteIm zweiten Quartal wurden im Biotechnologiesektor zudem die ersten zwei Akquisitionen dieses Jahres zum Preis von über 10 Milliarden Dollar angekündigt. Der grösste indische Medikamentenhersteller Sun Pharma gab bekannt, für 11,8 Milliarden Dollar die amerikanische Firma Organon zu erwerben. Organon ist auf Medikamente im Bereich der Frauenheilkunde spezialisiert. Das britische Branchenschwergewicht GlaxoSmithKline (GSK) unterbreitete dem ebenfalls amerikanischen Mitbewerber Nuvalent ein Kaufangebot im Wert von 10,6 Milliarden Dollar.Die meisten Marktbeobachter sind sich einig, dass Pharmakonzerne auch im weiteren Jahresverlauf emsig kleinere Konkurrenten aufkaufen werden. Bis Ende dieses Jahrzehnts werden Produkte mit besonders hohen Umsätzen den Patentschutz einbüssen. Das gesamte jährliche Volumen, das der Pharmabranche wegen der Konkurrenz durch Nachahmerprodukte bis 2030 verlorengehen könnte, wird auf bis zu rund 200 Milliarden Dollar beziffert.Verkäufern und ihren Aktionären locken hohe PrämienDie grossen Medikamentenhersteller seien nur mithilfe von Biotechfirmen und deren neuen Präparaten imstande, diese «Patentklippe» zu umschiffen, sagt Christian Koch, Chef des BB-Biotech-Mandates beim Vermögensverwalter Bellevue Asset Management. BB Biotech hält Beteiligungen an Biotechfirmen, die mehrheitlich aus den USA stammen. Die aktuelle Übernahmewelle sieht man bei der Beteiligungsgesellschaft als klaren Beweis für die Innovationskraft dieser Unternehmen. Weil die Pharmakonzerne meist hohe Prämien offerieren, fliesst den Aktionären der Biotechfirmen bei der Andienung ihrer Anteile viel Geld zu.BB Biotech hält auch Aktien von Nuvalent. Das Angebot von GSK bewertet die amerikanische Firma mit einem Aufschlag von 40 Prozent gegenüber dem Schlusskurs, der am 8. Juni, dem letzten Handelstag vor der Bekanntgabe der Offerte, erreicht wurde.Zugleich sind nicht alle Medikamentenhersteller gleich gut bei Kasse. GSK rangiert in Sachen Finanzkraft im Mittelfeld der 26 grössten Pharma- und Biotechnologieunternehmen. Laut Stifel könnte der britische Konzern insgesamt 26 Milliarden Dollar für Fusionen und Übernahmen aufbringen, ohne eine übermässige Verschuldung zu riskieren.Die stärkste «Feuerkraft» attestieren die Branchenbeobachter mit 72 Milliarden Dollar dem weltgrössten Gesundheitskonzern Johnson & Johnson und, mit 69 Milliarden Dollar, Roche. Novartis könnte ihres Erachtens bis zu 46 Milliarden Dollar für Fusionen und Übernahmen ausgeben, womit das zweite Schweizer Branchenschwergewicht ebenfalls zu den sechs finanzkräftigsten Pharmakonzernen gezählt wird.Novartis kündigte dieses Jahr bereits zwei Akquisitionen im Wert von je 2 Milliarden Dollar an. Ende Februar übernahm der Konzern zudem für 12 Milliarden Dollar die amerikanische Firma Avidity Biosciences, die auf seltene Muskelkrankheiten spezialisiert ist.Habenichtse Bayer und TakedaDer Appetit auf grössere Übernahmen dürfte vor diesem Hintergrund bei Novartis vorerst gestillt sein. Dem Lokalrivalen Roche trauen Marktbeobachter hingegen weitere Akquisitionen zu. Roche erlitt in den vergangenen Jahren verschiedentlich Rückschläge mit Medikamenten aus der eigenen Forschung und Entwicklung. Zugleich hielt sich der Konzern mit Zukäufen auffallend zurück.Zu den Habenichtsen in der Pharmabranche werden der grösste deutsche Medikamentenhersteller Bayer und das japanische Unternehmen Takeda gezählt. Beide Firmen seien, so konstatieren die Analysten von Stifel, finanziell eingeschränkt. Takeda kündigte im Mai an, aus Kostengründen 4500 Stellen zu streichen. Auch bei Bayer laufen Sparprogramme.Passend zum Artikel
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