AnalyseWährend der Aktienkurs von Novartis Freude bereitet, brauchen Anleger bei Roche gute Nerven. Das hat mit den unterschiedlichen Entwicklungs-Pipelines der beiden Basler Pharmaschwergewichte zu tun. Ein Blick auf die nächsten Quartale zeigt: Die Volatilität bei Roche dürfte hoch bleiben.Die Aktien von Roche sind spannender, dafür bieten die Titel von Novartis mehr Stabilität. Zu diesem Schluss kam The Market Anfang des Jahres nach einem Vergleich der beiden Schweizer Pharmakonzerne. Nach Ablauf des ersten Halbjahres ist es Zeit für ein Zwischenfazit. Und es zeigt sich: Die Aktien von Novartis haben sich in der Tat als stabil erwiesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mehr noch: Mit einem Plus von gut 16% liessen sie den MSCI World Pharmaceuticals, Biotechnology and Life Sciences deutlich hinter sich. Der Index, der die grössten Pharmaunternehmen aus 23 Industrienationen umfasst, legte seit Anfang Jahr lediglich rund 8% zu.Ganz anders präsentiert sich die Lage bei Roche. Die Titel des anderen grossen Basler Pharmakonzerns verzeichneten seit Anfang Jahr ein Plus von lediglich knapp 4%. Auffällig ist dabei: Roche konnte vom allgemeinen Aufschwung bei Gesundheitsaktien der vergangenen Wochen deutlich weniger profitieren.Enttäuschende Studienergebnisse belasten Roche-AktienRoche wurde im ersten Halbjahr zum Verhängnis, dass sich die Aufmerksamkeit des Marktes derzeit auf wenige einzelne Projekte richtet. Sie bieten zwar grosses Potenzial, machen die Aktien aber volatiler und führen bei Rückschlägen zu entsprechend starken Kursverlusten. Im März hatten Enttäuschungen bei gleich drei wichtigen Entwicklungsprogrammen dafür gesorgt, dass die Roche-Titel ihr bis dahin positives Momentum verloren.Den grössten Dämpfer gab es bei der neuartigen Brustkrebstherapie Giredestrant. Sie soll einen neuen Behandlungsstandard für Brustkrebs setzen und könnte gemäss CEO Thomas Schinecker zum meistverkauften Medikament in der Konzerngeschichte werden. Zieht man frühere Roche-Blockbuster wie Herceptin, Avastin oder Rituxan zum Vergleich heran, liesse sich daraus ein theoretischer Spitzenumsatz von mindestens 8 Mrd. Fr. ableiten.Bei der wichtigen Phase-III-Studie persevERA konnte das Medikament in der Erstlinientherapie – also bei der allerersten Behandlung eines aktiven Krebses – das Fortschreiten der Krankheit gegenüber der bisherigen Standardtherapie nicht signifikant verzögern. Das überraschte, hatte Roche doch im vergangenen November noch für einen kleinen Paukenschlag gesorgt: Das Mittel erwies sich in der adjuvanten Therapie – also nach der Entfernung des Tumors, um einen Rückfall zu verhindern – als hoch wirksam.Auch beim wichtigen BTK-Inhibitor Fenebrutinib, den Roche zur Behandlung verschiedener Verlaufsformen der Multiplen Sklerose untersucht, sorgte eine im Frühjahr beobachtete erhöhte Todesrate unter den Probanden für Nervosität bei den Anlegern. Hinzu kamen Dämpfer im Portfolio für Schlankmacher, das sich Roche in den vergangenen Jahren durch Akquisitionen aufgebaut hat. Studiendaten zum Adipositas-Wirkstoff Petrelintid zeigten Anfang März einen Gewichtsverlust von lediglich 10,7% nach 42 Wochen.Zwar hob sich das Präparat, das anders als die Abnehmspritzen von Novo Nordisk und Eli Lilly auf das Hormon Amylin statt auf GLP-1 setzt, durch eine bessere Verträglichkeit ab. Beim Gewichtsverlust hatte jedoch vor allem der Entwicklungspartner Zealand Pharma im Vorfeld höhere Erwartungen geweckt.«Die als Enttäuschung wahrgenommenen klinischen Daten bei Giredestrant, Fenebrutinib und Petrelintid haben das positive Momentum der Aktien Anfang März abgewürgt und aus Roche erneut eine ‹Show-me-Story› gemacht», sagt Urban Fritsche, Pharmaanalyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Der Markt hat seine zuvor vergebenen Vorschusslorbeeren also zurückgenommen und wartet nun wieder ab. «Roche geht bei klinischen Studien ein höheres Risiko ein und beim Krebsmittel Giredestrant ‹all in›», sagt Lukas Leu von der Zürcher Investmentboutique ATG Healthcare Investments. «Das macht die Aktien spannend, aber auch anfällig für Rücksetzer.»Novartis macht vieles richtigBei Novartis präsentiert sich die Lage weniger volatil. Die Sorgen um Umsatzeinbussen durch den Abaluf von Patenten scheinen in den Hintergrund zu rücken. Zwar meldete Novartis bei den Quartalszahlen im Mai eine etwas stärkere Generikaerosion bei Blockbustern wie dem Herzmittel Entresto als erwartet. Der (Noch-)Kassenschlager dürfte in den nächsten Quartalen massiv an Umsatz einbüssen. Entresto ist wie viele andere Medikamente von Novartis ein Small Molecule, also ein chemisch synthetisierter Wirkstoff, der sich leichter kopieren lässt als ein biologischer Wirkstoff. Nach Patentablauf drängen deshalb rasch Generika auf den Markt.Doch die Zuversicht, dass neue Wachstumstreiber wie das Krebsmittel Kisqali, die Radioligandentherapie Pluvicto oder der Cholesterinsenker Leqvio dies ausgleichen können, verfestigt sich am Markt zusehends. Das gilt auch und vor allem mit Blick auf die nächste Patentklippe ab 2029, wenn wichtige Medikamente wie Cosentyx – das Schuppenflechtemittel dürfte in den nächsten Jahren zum wichtigsten Umsatztreiber werden – schrittweise ihren Patentschutz verlieren.«Novartis erhält derzeit Vorschusslorbeeren dafür, dass sie gut durch den Ablauf von Patenten ab 2029 kommen wird», sagt Fritsche, der dies vor allem Konzernchef Vas Narasimhan zuschreibt. Der US-Amerikaner, der 2018 den Chefposten übernommen hatte, hat den zuvor breit aufgestellten Konzern auf fünf Technologieplattformen ausgerichtet: xRNA-Therapien, Radioligandentherapie, Gen- und Zelltherapien, Biotherapeutika und chemische Wirkstoffe. Gleichzeitig konzentriert sich Novartis auf vier Therapiegebiete: Krebs, Immunologie, Neurologie sowie Kardiologie/Nephrologie.Vas Narasimhan, seit 2018 CEO von Novartis.Quelle: ZVG«Narasimhan wurde lange für seine teuren Übernahmen kritisiert. Doch inzwischen zeigt sich, dass er vor allem mit den Transaktionen der jüngeren Vergangenheit richtiglag», sagt Fritsche. Durch die zahlreichen Akquisitionen habe sich Novartis ein Entwicklungsportfolio aufgebaut, das weniger von einigen grossen klinischen Studien abhängig sei, deren Ausgang über Erfolg oder Misserfolg entscheide, als dies etwa bei Roche der Fall sei. Ein Blick auf den Kursverlauf der vergangenen fünf Jahre zeigt: Novartis-Aktionäre konnten durchaus gut schlafen.Durchbruch bei Herz-Kreislauf-Therapie?Trotz des diversifizierten Portfolios dürften mit Blick nach vorne die klinischen Nachrichten im zweiten Halbjahr 2026 für das langfristige Umsatzwachstum von Novartis von grosser Bedeutung sein. ZKB-Analyst Fritsche erwartet nicht weniger als vier Studienresultate in diesem Zeitraum, die alle Multimilliardenpotenzial bergen. «Ihre Ergebnisse dürften entscheidend dafür sein, ob bei der Prognose von Novartis noch Spielraum nach oben besteht», sagt er. Mittelfristig stellt das Management ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 5 bis 6% in Aussicht.Leu von ATG schaut bei den erwarteten klinischen Daten im zweiten Halbjahr vor allem auf Pelacarsen, einen Wirkstoff, der gegen das genetisch bedingte Blutfett Lipoprotein(a), kurz Lp(a), helfen soll. Es gilt als wichtiger Risikofaktor für Gefässverkalkung, Herzinfarkt und Schlaganfall. Pelacarsen blockiert die Produktion von Lp(a) in der Leber und senkt den Blutwert um bis zu 80%.Im Laufe der nächsten Monate werden die finalen Ergebnisse der grossen Zulassungsstudie Lp(a)Horizon erwartet. «Novartis und der Entwicklungspartner Ionis Pharmaceuticals wären die Ersten, die ein zugelassenes Medikament gegen Lp(a) auf den Markt bringen», sagt Leu. Da schätzungsweise 20% der Menschen erhöhte Lp(a)-Werte haben, gilt Pelacarsen als künftiger Multimilliarden-Blockbuster.Bei Roche richten sich die Blicke auf Konkurrent AstraZenecaBei Roche wiederum dürfte das zweite Halbjahr erneut von drei Themen bestimmt werden: Giredestrant, Fenebrutinib und dem Adipositas-Portfolio. Beim Krebsmittel Giredestrant dürften sich die Blicke auch auf den Konkurrenten AstraZeneca richten. Der britisch-schwedische Pharmakonzern wird demnächst finale Resultate seiner Serena-4-Studie vorstellen. Sein Medikamentenkandidat Camizestrant verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Giredestrant und wird als Erstlinientherapie bei fortgeschrittenem Brustkrebs getestet – genau in dem Bereich, in dem Roche einen Dämpfer erlitten hat.Wichtig ist zudem der 30. November. Dann wird die US-Arzneimittelbehörde FDA über die Zulassung von Giredestrant für die adjuvante Behandlung von frühem, hormonabhängigem Brustkrebs entscheiden. Die Zulassung gilt als sicher. Entscheidend ist jedoch, wie breit das Label – also die vorgesehenen Patientengruppen – sein wird, inwiefern es Einschränkungen nach Risikogruppen geben könnte und welcher Preis für das Medikament angesetzt wird.Leu sieht für Roche eine Chance darin, dass Analysten das Adipositas-Portfolio derzeit kaum in ihren Modellen berücksichtigen. «Die Erwartungen am Markt sind diesbezüglich gering. Das ist eine gute Ausgangslage für positive Überraschungen», sagt er. Vor allem wegen des Adipositas-Portfolios und Giredestrant, das in der Brustkrebstherapie einen neuen Standard setzen könnte, hat er Roche deutlich stärker im Portfolio gewichtet als Novartis.Novartis bleibt solide, Roche bietet ÜberraschungspotenzialThe Market bleibt bei seiner These von Anfang des Jahres. Novartis bleibt ein zuverlässiger Wert im Portfolio. Dem Unternehmen ist es gelungen, mit einem diversifizierten Portfolio das Risiko böser Überraschungen zu minimieren. Sollten die oben genannten vier Studien-Readouts, insbesondere zur Bekämpfung des Blutfetts Lp(a), positive Ergebnisse liefern, dürfte sich im laufenden Jahr weiteres Aufwärtspotenzial ergeben.Bei Roche wiederum müssen sich Anlegerinnen und Anleger erneut auf eine volatilere Phase einstellen, die allerdings auch mit einem grösseren theoretischen Aufwärtspotenzial einhergeht. Der Konzern geht beim Krebsmittel Giredestrant aus gutem Grund all in. Rund 70% der Brustkrebspatientinnen kommen langfristig für eine Therapie mit dem Medikament infrage. Sollte es sich durchsetzen, wäre das Potenzial immens. Das heisst aber auch: Bei weiteren enttäuschenden Studienresultaten ist das Rückschlagspotenzial ebenso gross.Dafür spricht nicht zuletzt die Bewertung (siehe Grafik oben). Nachdem beide Aktien in den vergangenen Jahren unter ihrem langjährigen Durchschnitt bewertet waren, liegen sie inzwischen wieder klar darüber. Das macht vor allem Roche anfällig für Rücksetzer, sollten bei einem der grossen Entwicklungsprojekte – dazu gehört auch der Alzheimer-Produktkandidat Trontinemab – weitere Dämpfer folgen.