Lissabon ist wunderschön. Die Stadt raubt einem den Atem und manchmal auch den Koffer. Zum Glück gehört Portugal zu den Ländern, in denen sich jeder Ärger genussvoll wegessen lässt.Lissabon ist die Stadt der sieben Hügel, des melancholischen Fado-Gesangs und des süssen Blätterteiggebäcks. Sie ist jedoch auch die Stadt, in der Gepäckstücke das Fliegen lernen, und zwar im Kofferraum eines Uber-Fahrzeugs. Kaum war meine Hand von der Autotür, raste der Fahrer mit quietschenden Reifen mit meinem Hab und Gut davon.Es folgten sechs Tage Funkstille seitens der Uber-Helpline, deren KI-Agenten mir in stoischer Gelassenheit automatisierte Empathie-Bausteine schickten, sowie Besuche bei lokalen Polizeistationen, Oasen der absoluten Entschleunigung. Die portugiesische Polizei jagt keine Verbrecher, nein, sie wartet, bis das Verbrechen sich selbst der Gerechtigkeit stellt.Der Fahrer hat mir die schwere Last des materiellen Besitzes mit einem einzigen Tritt aufs Gaspedal abgenommen. Ich bin jetzt unfreiwillig minimalistisch unterwegs und besitze nur noch die Kleidung am Körper und ein tiefes, brennendes Misstrauen gegenüber jedem Fahrzeug mit vier Rädern und einem Smartphone am Armaturenbrett.Doch wer sechs Tage ohne Zahnbürste und Wechselkleidung in Lissabon strandet, merkt schnell: Frust lässt sich in dieser Stadt hervorragend wegessen. Wenn das Schicksal einem die Koffer stiehlt, tröstet die portugiesische Küche.Kulinarische WiedergutmachungDie kulinarische Reha beginnt obligatorisch im Lissaboner Stadtteil Belém, der Heimat der legendären Pastéis de Nata. Diese kleinen, lauwarmen Crème-Törtchen mit ihrer knusprigen Blätterteigkruste sind die einzig wahre Währung der Stadt. Man streut Zimt und Puderzucker darüber, beisst hinein, und für einen Moment ist alles andere egal. Pastéis de Nata aus der Pastelaria Bairro Alto Hotel, einer Patisserie im Erdgeschoss des gleichnamigen «Bairro Alto»-Hotels in Lissabon. rik. Wer danach Lust auf etwas Deftiges hat, stürzt sich auf den Bacalhau. Es heisst, die Portugiesen kennen 365 Wege, diesen getrockneten Klippfisch zuzubereiten, für jeden Tag des Jahres einen. Ich entscheide mich für Bacalhau à Brás. Der Fisch wird mit feinen Kartoffelstiften, Ei, Zwiebeln und Oliven zu einer himmlischen Masse verrührt, die optisch an einen Unfall erinnert, geschmacklich aber jeden bürokratischen Ärger pulverisiert. Zu Bacalhau à Brás trinkt man Vinho Verde, einen jungen, frischen Wein. Seine Süffigkeit passt perfekt zu diesem Gericht. Getty Images Für den ersten Abend ergatterte ich eine Reservation in der «Cervejaria Ramiro». Seafood-Lover verhökern Haus und Hof, um dort einen Tisch zu bekommen. Serviert wird nichts anderes als alles, was entweder in harten Schalen lebt oder mindestens acht Beine hat. Und natürlich aus dem eiskalten Atlantik gefischt wird.Ab an die Atlantikküste!Am nächsten Tag lasse ich die Stadtgrenzen hinter mir und fahre in Richtung der windgepeitschten Küste rund um Cascais. Dort checke ich auf einem Weingut ein, das auch ein kleines, aber feines Hotel ist.Hier, wo die Wellen mit brutaler Gewalt gegen die Klippen hämmern, servieren die Restaurants wie das Mar do Inferno oder das Adraga das Beste, was der Atlantik zu bieten hat: Percebes (auf Deutsch Entenmuscheln). Trotz ihrem Namen sind sie keine Muscheln, sondern Krebstiere und eine portugiesische Delikatesse. Optisch erinnern diese Kreaturen an die runzligen Zehen eines Miniatur-Dinosauriers. Es erfordert Überwindung, diese zähe, gummiartige Hülle aufzureissen, um an das saftige Fleisch im Inneren zu gelangen. Doch der Geschmack belohnt den Mut: Es schmeckt nach purer, wilder Gischt, nach Jod und der Essenz des Atlantiks. Die Percebes wirken auf die meisten ähnlich abweisend wie Austern. Getty Images Wer es klassischer mag, greift zu den fangfrischen Sardinhas Assadas, die über Holzkohle grilliert, nur mit grobem Salz bestreut und auf einer dicken Scheibe rustikalem Brot serviert werden. Sie sind das kulinarische Äquivalent zu einem verrosteten Kleinwagen – spartanisch, uneitel, aber sie bringen einen irgendwie durch die Nacht. Denn die eigentliche Delikatesse ist das vom Sardinenfett durchtränkte Brot.Und immer wieder bestelle ich hier Pulpo-Salat, und jedes Mal bin ich mir sicher: Schmackhafter und zarter geht nicht. Bis ich mich im nächsten Restaurant damit den Bauch vollschlage.Wird in italienischen Lokalen Olivenöl, Salz und Focaccia hingestellt, kommen in Portugal fast immer Brot und Käse auf den Tisch. Von krümeligem, Stracchino-ähnlichem Queijo bis zum reifen, halbflüssigen Queijo Serra da Estrela, der direkt aus der Rinde gelöffelt wird – ausschlagen sollte man keinen. Auch zum würzigen Queijo Ovelha Curado, einem gereiften Schafskäse, sollte man nie Nein sagen. rik. Portugal ist auch Reisland, er wird südlich von Comporta angebaut, der spanischen Bomba-Variante nicht unähnlich. Auch hier wird damit eine Reispfanne gekocht, am Meer natürlich mit Fisch und Meeresfrüchten, der Arroz de Marisco. Den gibt es immer nur für mindestens zwei Personen. Darum an mir vorbeigehen lassen, weil ich gerade ohne Begleitung reise? Solch eine läppische Begrenzung hat mich noch nie gekümmert, her damit!Jenseits von Fisch und MeeresfrüchtenMeine Reise geht zurück in den Süden, Lissabon durchquere ich schnöde. Dem Übeltäter in meinem Leopardenhemd möchte ich lieber nicht begegnen. Doch, eigentlich schon. Nur würde wohl weder er das Rendez-vous überleben noch ich die folgenden Jahre in einem portugiesischen Knast. Also weiter nach Vila Nova de Milfontes, ein zauberhaftes Städtchen an der Mündung des Rio Mira mit menschenleeren Stränden und ungemein freundlichen Menschen. Sie stellen sogar heimatlosen Katzen ein feudales Häuschen zum Übernachten hin. Und kochen können sie auch.Der Alentejo, der Süden Portugals, ist Heimat vieler schwarzer Schweine. Aus ihren Schultern und Hinterbeinen entsteht der exzellente, mehrere Jahre gereifte Presunto de Porco Preto. Vom Grill kommen die gefragten Presa, Pluma und Secreto; edle, kräftig mit Fett durchzogene Stücke aus Nacken und Zwerchfell der Pata-Negra-Tiere. Eine Strasse in Vila Nova de Milfontes. Getty Images Auf der Rückfahrt nach Lissabon lege ich keine Übernachtung im längst überlaufenen Comporta ein, sondern ein paar Dörfer davor in Melides. Noch ist der Ort verschlafen, doch das dürfte sich bald ändern. Verantwortlich dafür ist Christian Louboutin, der High-Heels-Papst. Er hat einen verfallenen, herrschaftlichen Gebäudekomplex in ein aussergewöhnliches Hotel um- und ausgebaut.Um die Ecke verkauft Louboutin im eigenen Laden einheimisches Handwerk; Geschirr, Kleinmöbel, Textilien und Dekoration, die auch sein Hotel verschönern. Im Bau und damit nur wenige Minuten vom Strand entfernt entsteht bereits sein zweites Hotel, die Eröffnung ist für März 2027 geplant.Wiedersehen mit Lissabon und dem KofferAm sechsten Tag geschah dann das Unmögliche. Ein Telefonanruf der Obrigkeit: Mein Koffer ist wieder da, anonym abgeliefert an einem Polizeiposten. Die Wertsachen sind verschwunden, der Koffer irreparabel beschädigt.Zurück in Lissabon verbringe ich einen letzten Tag und eine letzte Nacht im Viertel Chiado. Im A Vida Portuguesa, einem Geschäft mit riesigem Sortiment von einheimischen Manufakturen für den Heimbereich, kaufe ich nochmals Tischtücher und die gleichen zwei Badetücher aus dickem Leinen: ein grün gestreiftes für mich, ein blau gestreiftes für einen wichtigen Menschen. Genau diese Dinge befanden sich auch im gestohlenen Koffer. Jetzt gehören sie wohl jemand anderem.Das letzte Dinner gibt es dann in der Bar Alimentar, meiner kulinarischen Entdeckung des Jahres in der portugiesischen Hauptstadt. rik. Definitiv einen Abstecher wert: die Bar Alimentar. Was bleibt als Fazit? Wenn Sie das nächste Mal in Portugal in ein Uber steigen, binden Sie Ihren Koffer am besten am Handgelenk fest. Sollte er dennoch verschwinden, verzichten Sie auf die Polizei. Gehen Sie stattdessen zuerst in die nächste Tasca, bestellen Sie Bacalhau, Percebes und ein Dutzend Pastéis. Portugal geht ohnehin nicht durch den bürokratischen Apparat, sondern direkt durch den Magen. 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