Zwischen Expats, digitalen Nomaden und Studenten: In Lissabon werden Einheimische zu InselnKeine europäische Innenstadt ist so fest in ausländischer Hand wie Lissabon. Während in der Schweiz über eine Obergrenze abgestimmt wird, hat Portugal viele Anreize zum Zuzug geschaffen. Doch was passiert mit einer Stadt, in der die Mieten höher sind als die Löhne? Ein Spaziergang durch Portugals Dystopie.Florian Haupt, Lissabon09.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEine Szene, wie sie für Lissabon exemplarisch ist: Touristen säumen die Strassen, die traditionellen Trams bahnen sich ihren Weg.Jorge Castellanos / ImagoIn Alvalade leben sie noch nebeneinander: das Portugal, das war, und das Portugal, das ist. Die Lissabonner Mittelklassegegend nahe dem Flughafen wurde in den 1960er Jahren errichtet und ist unaufregend genug, um vom Tourismus ignoriert zu werden. Dabei strahlen manche Läden den alten Charme aus, der Europas südwestlichen Zipfel so romantisch wirken lässt. Wie das Spezialgeschäft für Lampenschirmfransen, das die Besitzerin gerade verlässt, um für eine Kundin ein Massband vom Nachbarn zu holen; ihr Haar ist weiss, sie geht schon gebückt, aber mit ungebrochenem Elan.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um die Ecke in der Rua Luís Augusto Palmeirim liegt die Teestube von Mónica Costa. «R/c Bistro» heisst sie, die Buchstaben stehen für rés-do-chão, Erdgeschoss. Holztische, bunte Lampen, dezente Jazzmusik: Morgens sperrt Costa auf, abends zu. Davor und danach sitzt sie jeweils eine Stunde im Auto oder im Bus.Denn an diesem Punkt ist es mit der Romantik vorbei. Wer in einem Viertel wie Alvalade ein Geschäft führt, kann es sich noch lange nicht leisten, dort zu wohnen. Costa musste nach Torres Vedras ziehen, rund 50 Kilometer auf der Autobahn Richtung Norden, und sie war damit nicht allein. Ein regelrechter Treck ehemaliger Stadtbewohner hat eingesetzt. Bei ihr sei es voll von Lissabonnern, sagt Costa. Sie kenne Leute, die doppelt so weit rausmussten. Ihnen blieb nichts anderes übrig.Wie unhaltbar die Situation auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist, erzählen die Statistiken. Etwa eine Studie der Deutschen Bank vom letzten Jahr, nach der Lissabon eine Miete-zu-Lohn-Ratio von 116 Prozent hat. Das heisst, die Durchschnittsmiete für ein Apartment mit Schlafzimmer in der Innenstadt kostet mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt. In der EU folgen Madrid und Barcelona aus dem Nachbarland Spanien mit je 74 Prozent. Zürich liegt bei 35 Prozent, Genf bei 29 Prozent.Die Schweiz steht vor einem Referendum darüber, ob sie für immer bei maximal zehn Millionen Einwohnern bleiben will. Portugal, 10,7 Millionen Bewohner, mag den Befürwortern als warnende Dystopie gelten, und Lissabon als Symbol für den Ausverkauf einer Stadt. Doch vergleichbar ist die Situation nur bedingt. Die Schweizer haben das zweithöchste Pro-Kopf-Einkommen aller westeuropäischen Flächenländer. Die Portugiesen das geringste.Ein anderes Lissabon, ein anderes PortugalMónica Costa hat viel von der Welt gesehen; ihre Geschichte ist fast die ihres Landes. Geboren wurde sie in Angola, kurz bevor die portugiesische Kolonie ihre Unabhängigkeit erkämpfte. Für die Familie – der Vater arbeitete in der Finanzverwaltung, die Mutter als Lehrerin – ging es später nach Macau, das «Las Vegas des Ostens». Als die Enklave 1999 an China übergeben wurde, kehrte Mónica nach Lissabon zurück, wo sie bereits studiert hatte. 2012 zog sie wegen ihres damaligen Ehemanns nach Brasilien, nach São Paulo.2019 kehrte sie erneut zurück – und staunte nicht schlecht: «Ich fand ein anderes Lissabon vor», sagt sie: «Ein anderes Land.»Was war geschehen? 2012 in der Euro-Krise stand Portugal so schlecht da, dass es die EU zu brachialen Reformen drängte. Die Regierung identifizierte Wirtschaftszweige, die schnell wachsen konnten, wie der Immobiliensektor und der Tourismus. Also öffnete sie den Immobilienmarkt, hob jede Form von Mieterschutz auf und umwarb ausländische Investoren mit Steuerprivilegien und erleichterten Visa. Der Plan ging auf: Spätestens als Madonna 2017 in Lissabon sesshaft wurde, waren Portugal und seine Hauptstadt auf dem globalen Radar.Landesweit hat sich die Zahl der Zuwanderer seither mehr als verdreifacht, auf 1,5 Millionen – etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Expats und digitale Nomaden, Rentner und Studenten strömten herbei. Lissabon wurde zum Hotspot für Ausländer: sonnig, charmant, am Meer gelegen und für viele erstaunlich günstig.Heute gibt es einen Stadtteil wie Campo de Ourique, den der Volksmund «französisches Viertel» nennt. Anderswo dominieren Pensionäre aus Skandinavien, England oder den USA. Die Kinder auf den vielen internationalen Schulen lernen oft kein Portugiesisch; aber das schränkt sie kaum ein, die Sprache der Stadt ist jetzt sowieso Englisch, denn auch der Tourismus boomt unaufhörlich. Im Zentrum gibt es weit mehr Betten für Kurzzeit- als für Langzeitvermietungen.Dem versucht die Regierung neuerdings gegenzusteuern und Mietabschlüsse für mindestens drei Jahre und maximal 2300 Euro monatlich mit Steuerrabatten zu belohnen. Dieser Deckel liegt allerdings immer noch über dem Durchschnittsbruttolohn von gut 1600 Euro.Plötzlich schiessen in Lissabon moderne Wolkenkratzer in die Höhe. Daneben zerfallen ältere Wohnviertel.Horacio Villalobos / Corbis / GettySingle, guter Job: reicht für eine WGMónica Costa musste aus ihrer Wohnung in Entre Campos nahe Alvalade ausziehen, als ein neuer Hausbesitzer ihre zwei Zimmer plus Salon in fünf Studentenräume umwandelte. Damit konnte er 3000 Euro im Monat machen. Allein etwas Bezahlbares zu finden, war unmöglich, sagt sie. Selbst Singles mit guten Jobs ziehen wieder in WG.Costa hat sich damit arrangiert, das Landleben lieben gelernt, für die Fahrt nimmt sie meistens den Bus, um zu lesen. «Persönlich habe ich keine negativen Gefühle», sagt sie. Aber wenn sie auf ihre Stadt schaue, dann mache sie das traurig: «Es ist nicht fair.»Portugal, einst Kolonisator, sieht sich heute selbst kolonisiert. Costa sagt, im Zentrum Lissabons sei sie zuletzt vor vier Jahren gewesen. Freunde aus Brasilien waren zu Besuch. Sonst wisse sie nicht, was sie dort solle. Die Bars von früher gebe es nicht mehr, die Leute auch nicht, ständig mache etwas Neues auf und wieder zu, meistens Brunch-Cafés und Souvenirshops. «Die Innenstadt von Lissabon ist nicht mehr interessant für uns. Sie ist nicht mehr portugiesisch», sagt Costa.Apokalyptische Vision, Satire oder Wirklichkeit?Früher Abend in Graça, einem Nachbarviertel der berühmten Alfama mit ihren engen, steilen Gassen. Am Kloster auf einer Esplanade beginnen sich die Menschen zu sammeln, um die Sonne über der Stadt und dem Fluss Tejo sinken zu sehen. Die «Miradouros», Aussichtsplattformen auf den Hügeln, sind ein Muss, das weiss jeder Reiseführer. Eine japanische Touristin kämpft sich die steilen Treppen hoch, entlang von Graffiti-Mauern, hinter einer versteckten Biegung setzt sich ein Junkie seine Spritze. Unten an der Strasse fährt ein Elektro-Tuk-Tuk mit vier Niederländerinnen vorbei, der Fahrer ruft etwas und zeigt nach oben, zur Kirche, nicht zu den Junkies.An einer Häuserwand am Plateau hängt eine dieser blau-weissen Fliesen, für die Portugal so bekannt ist, dass die Souvenirshops damit überquellen. Auf dem Azulejo steht:«Es war einmal ein grosses und herrliches Kloster im Zentrum von Graça, das ein öffentlicher Ort sein wollte, aber die portugiesische Regierung beschloss, es zum Gewinn einer privaten Gruppe in ein Luxushotel zu verwandeln. Und so verschwand das schöne Viertel Graça und wurde zu einem Vergnügungspark für Touristen, ohne Bewohner, ohne Seele, unmöglich zu unterscheiden. Lissabon, 2035.»Ist das eine apokalyptische Vision? Satire? Oder ist es längst die Wirklichkeit? Das komme aufs Viertel an, sagt Luís Filipe Gonçalves Mendes.Der Professor am Institut für Geografie und Raumordnung hat gerade seine Vorlesung beendet und empfängt in seinem Büro in der Universität von Lissabon. Hier ist die Gentrifizierung noch nicht angekommen, schmucklose Betonquader zwischen wildwachsenden Wiesen. Trotz der Hitze machen die Studenten von der benachbarten Pharmazie-Fakultät draussen einen Wettstreit in Experimenten.Luís Filipe Gonçalves Mendes in seinem Büro in der Universität von Lissabon.NZZGonçalves Mendes forscht seit zwei Jahrzehnten zu Gentrifizierung und Wohnungsnot in Städten und gilt als anerkannter Experte auf diesem Gebiet. Kürzlich empfing er eine Delegation von Europaabgeordneten; mehr bezahlbarer Wohnraum gehört zu den zentralen Vorhaben der aktuellen EU-Kommission. Mendes stiess auf offene Ohren, als er darlegte, wie Wohnungsnot zu Entfremdung führen kann: «Ich sagte ihnen: ‹Das könnte eine der Ursachen sein, die wir im nächsten Jahrhundert untersuchen werden, wenn wir erforschen, wie die Demokratie zugrunde ging.›»Auch Portugal ist politisch gespalten. Nach Jahrzehnten ohne namhafte Rechtsaussenpartei ist die migrationsfeindliche Chega heute die zweitstärkste parlamentarische Kraft.Fürs Erste wirft kaum eine europäische Stadt dem Betrachter ihre Widersprüche so offen hin wie Lissabon. Manche Viertel in der westlichen Oberstadt sind schon komplett saniert, alle Fenster ausgetauscht, die Fassaden sauber gestrichen in aristokratischen Farben, rosa und hellblau. Doch zur Rückseite hin kehrt das bauliche Durcheinander zurück: Boutiquehotels und unbewohnte Ruinen, eine Kunstgalerie und eine Kneipe für die Bauarbeiter, Touristen mit Rollkoffer und Einheimische mit Plastiktüte. Die Konstante allerdings: Wenn irgendwo einmal etwas «arrenda» angeboten wird, «for rent», dann steht in aller Regel dabei: «luxury apartments».An der Praça da Alegria erzählt dieselbe Mauer eines alten Stadthauses von Portugals Zielkonflikt. «Alegria ist in Arbeit», verkündet die Baufirma, die eine Lizenz zur Sanierung in ein Luxus-Boutiquehotel erhalten hat – und das Kapital nicht zuletzt von Teilnehmern des Regierungsprogramms «Golden Visa» einsammelte, mit dem sich Ausländer über Investitionen die Aufenthaltsgenehmigung und letztlich Staatsbürgerschaft für Portugal und die EU erkaufen können. Die oberen Etagen sind schon fertig, das Erdgeschoss noch nicht, dort haben Künstler imaginäre Anwohner an imaginäre Fenster gemalt. «Ich bin kein Schuldschein», denkt eine in ihrer Sprechblase.«Wo einst Inseln von Touristen und Gentrifizierung waren, ist heute ein ganzes Meer», sagt Mendes. «Und nun sind die Einheimischen die Inseln.»Touristen an einer der fotogensten Stellen in Lissabon mit Blick über die Stadt und das Meer.Armando Franca / APRäumungsbriefe und kaum gemeinnützige WohnungenDoch liegt die Schuld nur bei den Ausländern? Mitnichten, sagt der Experte. Es fehle in Portugal an Investitionen in nachhaltiges Wachstum und in den sozialen Wohnungsbau. Der Anteil gemeinnütziger Wohnungen liegt im ganzen Land bei gerade einmal zwei Prozent, so tief wie nirgends sonst in Europa. Zum Vergleich: In Zürich erreicht er immerhin 20 Prozent. Hinzu komme eine unzureichende Umverteilung von Vermögen. «Das bremst die Kaufkraft der heimischen Bevölkerung», so Mendes.Der politische Lagerkampf zwischen links und rechts blockiere zudem die öffentliche Wohnungspolitik. Dabei sei dies ein strukturelles Problem, das die Zusammenarbeit aller erfordere. «Das ist wichtiger als ideologische Differenzen, das ist eine tickende Zeitbombe.»Der Professor spaziert jede Woche durch die Alfama, die östliche Oberstadt. Was er dabei im letzten Jahrzehnt gesehen hat, «trifft mich in Herz und Seele». Der Geograf berichtet von 80- und 90-Jährigen, die nach einem ganzen Leben in einem Haus den Räumungsbrief bekamen, in Altersheime oder gar auf die Strasse mussten. Von alten Nachbarschaftsnetzwerken, die zusammengebrochen und verschwunden sind.Graça nebenan ist noch im Übergang. Am Fenstersims über einem Protestplakat für «weniger Tourismus, mehr Viertel» steht ein Mann mit Airpods, er wirkt wie einer der zahlreichen digitalen Nomaden, die hier für längere Zeit «remote» arbeiten. In manchen Strassen gibt es keine Läden ausser den Souvenirshops in südasiatischer Hand. Alle verkaufen dasselbe, in kaum einem hat es Leute. Dieses Phänomen zwischen Monopol und Überangebot verwundert selbst die Forscher, sagt Mendes. Graça gibt er noch fünf Jahre, wenn es im Rhythmus der letzten Jahre weitergeht: «Dann wird es komplett gentrifiziert sein.»An der Esplanade nähert sich der Sonnenuntergang, eine halbe Stunde vielleicht noch, erklärt der Guide einem amerikanischen Touristenpaar. Die Plätze auf den Mäuerchen sind inzwischen voll besetzt, auch an der Kirche ist nichts mehr frei, im Café sowieso nicht. Ein Trommler hat Chill-Musik zu spielen begonnen, die ersten Selfies sind gemacht. In Lissabon endet ein ganz normaler Tag.Passend zum Artikel
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