Interview«Die Wohnungsnot ist eine tickende Zeitbombe»Luís Mendes forscht seit Jahrzehnten zu Gentrifizierung und Wohnungsnot in Lissabon. Der Geografieprofessor über Portugals Besonderheiten, über europäische Vorbilder – und sein Rat an die Schweiz.Florian Haupt, Lissabon09.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIn Lissabon gärt es. Wer hier wohnen will, müsste mehr als sein ganzes Gehalt für die Miete ausgeben.Pedro Nunes / ReutersWo stehen wir bei der Gentrifizierung?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei einer neuen transnationalen Elite und internationalen Kapitalströmen. In der Forschung nennen wir es transnationale Gentrifizierung. Manche sagen auch: Supergentrifizierung. Die erste Gentrifizierung in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren war in Lissabon und anderswo noch sehr lokal: Künstler, Intellektuelle, Freiberufler, die in Alfama oder Bairro Alto wohnen wollten – so wie New Yorker in Soho. Seither gab es verschiedene Phasen; die jüngste begann mit der Wirtschaftskrise ab 2008.Auf die in Portugal fundamentale Reformen folgten.Die Regierung fokussierte sich auf die wirtschaftliche Erholung der Städte. Dafür wurden Wirtschaftszweige identifiziert, die schnell wachsen konnten, wie der Immobiliensektor und der Tourismus. Seit 2013 steigen die Immobilienpreise und Mieten unaufhörlich – eine Folge des neuen Drucks durch die gestiegene Nachfrage nach Wohnraum aus dem Ausland.Wo kam diese Nachfrage her?Aus den USA, Frankreich, Schweden, Deutschland, Grossbritannien, auch China, Russland, Brasilien. Es gibt unterschiedliche Programme mit unterschiedlichen Zielgruppen. Aber alle haben einen tiefgreifenden Einfluss auf die Stadt.Wie viel machen die Ausländer aus?Etwa fünfzehn Prozent aller Immobilientransaktionen in ganz Lissabon. Das klingt nicht nach besonders viel. Aber es konzentriert sich auf die besten Viertel der Stadt, die ohnehin schon am teuersten waren. Exakte Daten liegen uns an dieser Stelle nicht vor, aber rund die Hälfte der Immobilientransaktionen in der Innenstadt wird wohl von Ausländern getätigt. Mit ihrer Kaufkraft haben sie ein neues Nachfrageprofil geschaffen, und das lässt die Preise in die Höhe schiessen. Vom Zentrum aus verlagert sich der Druck dann weiter in die Aussenbezirke, die Vorstadt, den Grossraum.Also liegt die ganze Schuld bei den Ausländern?Überhaupt nicht. Es gibt viele portugiesische Versäumnisse. Zunächst die fehlenden Investitionen in nachhaltiges Wachstum und die fehlende Umverteilung. Beides verhindert, dass die heimische Kaufkraft steigt. Und dann der Mangel an sozialstaatlichen Investitionen in den Wohnungsbau, wie es ihn in anderen Ländern gibt. In Städten wie Kopenhagen oder Wien, um nur ein paar sehr bekannte Beispiele zu nennen, hat man eine kontinuierliche Politik mit unterschiedlichen Massnahmen und nicht zu viel ideologischem Denken. Einen Mix aus öffentlichem und privatem Sektor.Luís Filipe Gonçalves Mendes.PDWarum gibt es eine solche Politik in Portugal nicht?Hier sind wir sehr gespalten zwischen links und rechts. Ich plädiere für ein Bündnis zwischen den verschiedenen Parteien, von der extremen Rechten bis zur extremen Linken. Ich sage denen: Das ist ein strukturelles Problem, das erfordert die Zusammenarbeit aller. Das ist wichtiger als eure ideologischen Differenzen, das ist eine tickende Zeitbombe. Wir haben in Portugal nur zwei und in Lissabon sieben Prozent öffentlichen Wohnungsbau. Ich weiss nicht, wie genau ist die Situation in der Schweiz?Rund vier Prozent landesweit und über zwanzig Prozent in Zürich sind gemeinnützige Wohnungen.Alle europäischen Länder liegen über unseren zwei Prozent. In Kopenhagen gibt es 100-Quadratmeter-Wohnungen für 500 Euro, obwohl die Löhne dort viel höher sind. Hier ist es normal, dass es sich nicht einmal ein Arzt leisten kann, in der Innenstadt zu leben.Welche Massnahmen kann man sich aus anderen Ländern abschauen?Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber wir müssen Genossenschaften und Wohngemeinschaften fördern. Wir brauchen mehr Modulbau. Wir müssen Neubauten ankurbeln und Sanierungen gezielt fördern: Wir hatten nie ein umfassendes Stadterneuerungsprogramm, das Vermietern oder Eigentümern Kredite für die Sanierung ihrer Häuser gewährt hätte. Und wir müssen es dem Staat erleichtern, leerstehende Gebäude in Besitz zu nehmen. Wie in Frankreich oder Dänemark. Dort steht kein Gebäude länger als einen Monat leer. Der Staat übernimmt es. Und ich meine nicht Enteignung, sondern administrative Inbesitznahme.Der enorme Leerstand in der Stadt fällt sofort ins Auge.Allein in Lissabon gibt es 46 000 leerstehende Häuser. Das sind rund zwölf Prozent des gesamten Wohnungsbestands. Ich kenne Orte, die seit fünf Jahrzehnten leer stehen. Wahnsinn! Sie verfallen einfach oder sind unteilbares Erbe, das heisst, die Nachkommen können sich nicht über den Umgang einigen. Sie müssen bedenken, dass Portugal ein Auswanderungsland ist. Nachrückende Generationen haben sich auseinandergelebt und kommen nicht mehr miteinander klar. Jedenfalls muss der Staat eine Inventur machen. Wir müssen wissen, wo und wie wir intervenieren können, und dort dann Programme für sozialverträgliche Mieten auflegen.Und gleichzeitig die Anwerbung von Ausländern beenden?Ich würde Programme wie das der goldenen Visa nicht abschaffen. Aber warum nutzen wir es nicht als Chance? Anstatt pauschal um Investitionen könnten wir darum bitten, eine halbe Million Euro für bezahlbaren Wohnraum zu investieren. Auch die Kurtaxe könnten wir dafür verwenden. Das habe ich dem Bürgermeister schon vor zehn Jahren vorgeschlagen. Aber er sagte Nein, Nein, Nein, das Geld muss in den Tourismus reinvestiert werden.Die Schweiz stimmt bald darüber ab, ob die Einwohnerzahl auf zehn Millionen begrenzt werden soll. Der angespannte Wohnungsmarkt spielt in der Debatte eine Rolle, reiche Expats ebenfalls. Was halten Sie von so einem Vorschlag?Ich halte Verbote für kontraproduktiv. Sie zeugen von Pessimismus und Fremdenfeindlichkeit. Ich würde aber den Besitz von Zweitwohnungen einschränken, die weder genutzt noch zum Verkauf angeboten werden. In Portugal gibt es landesweit etwa 250 000 leerstehende Häuser, die bewohnbar wären.Auch der Tourismus ist in der Schweiz wie in Portugal ein Thema.Bei uns sorgte die Branche für die Hälfte des Wachstums und zwanzig Prozent des BIP. Da gilt es also sehr behutsam vorzugehen, mit akupunkturähnlichen Massnahmen, um den Sektor zu regulieren, ohne das Wachstum zu sehr zu beeinträchtigen.Passend zum Artikel
Wohnungsnot: wie Portugal auf eine tickende Zeitbombe zusteuert
Luís Mendes forscht seit Jahrzehnten zu Gentrifizierung und Wohnungsnot in Lissabon. Der Geografieprofessor über Portugals Besonderheiten, über europäische Vorbilder – und sein Rat an die Schweiz.







