Wien: Bei Oma schmeckt’s am bestenKunstvolle Patisserie und vielschichtige Torten in allen Ehren. Aber, sind wir mal ehrlich: Wo schmeckt’s am besten? Bei Oma. Diese Erkenntnis gab den Anstoß zur Wiener Vollpension. In dem Café im Stadtteil Wieden, einen Tortenwurf vom Naschmarkt entfernt, stehen Seniorinnen am Ofen. Auch ein paar Senioren, aber die backenden Damen sind eindeutig in der Überzahl. Was 2012 mit einem Pop-up in einer Schneiderei begann, ist heute eine generationenübergreifend beliebte Institution mit zwei Standorten und einem Team von über 60 Seniorinnen und Senioren.Das Café entstand nicht nur aus Lust auf gute Kuchen, sondern auch als Beitrag gegen Altersarmut und Einsamkeit. An Bewerbungen mangelt es nicht. Die dienstälteste Bäckerin, „Frau Marianne“, ist heute 81 und dabei, seit das Stammhaus im 4. Bezirk vor elf Jahren eröffnet wurde. Die Lage im Souterrain tut der Gemütlichkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil, es passt zu Omas Stube, wo es dank gardinenverhangener Fenster stets ein wenig schummrig war. Die Einrichtung mit ihren Stehlampen, Familienfotos und wolkenweichen Sofagarnituren sieht aus wie geerbt, und auch im Schanigarten dominiert Retro-Charme.Das Gründungsteam ist jung, das merkt man an den unverputzten Wänden und den mit Neonröhren beleuchteten Öfen. Hier wird laufend und vor aller Augen frisch gebacken. „Frau Susi“ macht ihren Eierlikör-Guglhupf, „Frau Maria“ rollt Topfenstrudel. Im Ofen backen Zupfkuchen und Zwetschkenfleck. Jeder und jede darf Lieblingsrezepte mitbringen: meist Backwerk ohne Schischi. Glutenfreie Mohn- und vegane Ribiseltorte sind vielleicht keine Oma-Klassiker, im angesagten 4. Bezirk aber unverzichtbar und ebenso gut. Auch die Wiener Klassiker fehlen nicht: Sachertorte, Kardinalschnitte, Buchteln. Die reiche österreichische Backkultur ist ein Erbe der Donaumonarchie. Wie stilprägend die Wiener Backstuben waren, zeigt der Begriff Viennoiserie: das klassisch französische Gebäck – Croissant, Pain au Chocolat, Brioche – hat seinen Ursprung in Wien (französisch: Vienne). Ersteres wurde der Legende nach 1683 während der Wiener Türkenbelagerung kreiert, als Symbol des osmanischen Halbmondes. Das Kipferl gibt es in Wien bis heute, allerdings nicht aus blättrigem Plunder-, sondern aus kompakterem Mürbe- oder Hefeteig. Mit dem Hofstab von Maria Antonia und später reiselustigen Bäckern kamen die österreichischen Backwaren nach Paris, wo sie auf Pâtisserie-Kunst trafen. Prägend war vor allem die Boulangerie Viennoise, die der österreichische Offizier (und findige Geschäftsmann) August Zang in den 1830er-Jahren in Paris eröffnete. Die dort verkauften „Dinge aus Wien“ waren bald weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt.FÜR FAS-REISE / Sweet: Vollpension in Wien, Österreich. Vollpension TortenMark GlassnerZur Besonderheit des Wiener Backwerks gehört auch das Ambiente, in dem es serviert wird. 2011 wurde die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Zuletzt aber haben es viele Betriebe, vor allem abseits der Innenstadt, schwer (zu viel moderne Konkurrenz, zu wenig Qualität). Und auch jene in Bestlage werden den Erwartungen, die durch Tradition und Besucherschlangen geweckt werden, nicht immer gerecht. Und damit sind wir wieder in der Vollpension. Nicht nur die Süßspeisen, auch der Service ist hier deutlich besser als in manch traditionellem Kaffeehaus. Denn die Senioren sind auch für die Betreuung der Gäste zuständig, und das tun sie so zupackend und charmant, dass man am liebsten ein paar Stunden im Sessel versinken möchte, für ein Kuchenstück und noch eines. Verena C. MayerDas Stammhaus in der Schleifmühlgasse 16, 1040 Wien, ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Der zweite Standort befindet sich in der Musik und Kunst Privatuniversität MUK, Johannesgasse 4A, 1010 Wien. Mallorca: Biss in die VergangenheitEin Biss in ein Cuarto – dieses rechteckige Etwas aus Zucker, Ei und Mehl, so groß und federleicht wie ein herkömmlicher Küchenschwamm – katapultiert Generationen von Mallorquinern in ihre Kindheit zurück. Wo bei Prousts berühmten Roman „In Swanns Welt“ der Biss in eine Madeleine einen Strudel von Erinnerungen wachruft, löst das Cuarto bei Menschen, die auf Mallorca groß wurden, ein unerklärlich wohliges Gefühl aus – vielleicht sind es auch hier die Erinnerungen daran, wie es war, mit den Eltern oder Großeltern im Ca’n Joan de s’Aigo zu sitzen und dort den Geburtstag, den Ferienbeginn oder einfach nur den Moment zu feiern. Eis und Cuarto: der Klassiker im Can Joan de s’AigoPicture AllianceBegleitet wird so ein „Cuarto“ auch heute noch von einer Tasse heißer, zähflüssiger Schokolade, besonders zur Weihnachtszeit; im Sommer steht dagegen eher ein Eis im Glas neben dem gepuderzuckerten Bisquitrechteck. Mit dem Eis begann auch die Geschichte von Ca’n Joan de s’Aigo – vor über 300 Jahren, als gefrorenes Wasser nicht aus dem Kühlschrank, sondern nur aus den Bergen kam. In der Serra de Tramuntana im Nordwesten der Mittelmeerinsel wurde, so legen es Quellen nahe, seit dem 16. Jahrhundert Eis abgebaut und gelagert, in sogenannten „Cases de Neu“, Schneehäusern, das waren Verschläge aus Trockensteinmauern, von denen einige mittlerweile restauriert sind und die man beim Bergwandern entdecken kann. Ein gewisser Joan verkaufte 1700 bereits Eis an alle Haushalte, die sich die Abkühlung leisten konnten. Und bald schon kam er auf die phantastische Idee, das Eis zu schreddern und mit Obstsaft oder mit Mandelmilch zu verrühren, was noch heute der Klassiker in den drei Filialen von Ca’n Joan de s’Aigo ist – neben dem Schokoladen- und dem Aprikoseneis, das es aber nur gibt, wenn die Früchte dafür reif sind.
Reisen mit leichtem Gebäck: Sieben außergewöhnliche Bäckereien in Europa
Es gibt kaum etwas Schöneres, als in einer fremden Stadt eine schöne Bäckerei zu finden. Hier finden Sie die besten Kuchen, duftendes Brot und die heißesten Öfen zwischen London und Berlin, Mallorca, Lissabon und Wien.






