Erst war er «Einstein», nun vergleicht man ihn mit Sergio Busquets: Ein 18-Jähriger dirigiert Marokkos MittelfeldAyyoub Bouaddi gilt als die grosse Entdeckung dieser WM. Am Donnerstag trifft der Jungstar und Mathematikstudent auf Frankreich – sein Geburtsland, gegen das er sich entschieden hat.09.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAyyoub Bouaddi steht erst ganz am Anfang seiner Nationalmannschaftskarriere: Für Marokko bestritt er bislang sieben Länderspiele.GettyDas Klischee eines 18-jährigen Supertalents im Weltfussball ist schnell erzählt: Abseits des Platzes dreht sich vieles um den inszenierten Auftritt in den sozialen Netzwerken, schnelle Autos, schrille Garderobe. Man denkt an das in Leuchtstiftpink gehaltene Outfit des Deutschen Lennart Karl. Oder an die Partyvideos des Spaniers Lamine Yamal auf Jachten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Niemand würde an einen Sieger eines Redekunstwettbewerbs oder an einen Mathematikstudenten denken. Doch genau das trifft auf Ayyoub Bouaddi zu. Der 18-jährige Mittelfeldspieler ist zurzeit an der Weltmeisterschaft der Lenker und Denker der Spielzentrale Marokkos. Seine Passquote liegt selten unter 90 Prozent, seine Spielweise mutet wie die eines Routiniers an. Ehemalige Spieler und Experten haben ihn bereits zur «Entdeckung des Turniers» gekürt.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenIm Viertelfinal gegen Frankreich steht Bouaddi nun aber weniger wegen seiner Klasse am Ball im Fokus als wegen seiner Herkunft: Er trifft auf jenes Land, in dem er geboren wurde – und gegen das er sich kurz vor der Weltmeisterschaft entschieden hat.Der Junge ohne FehlerDie noch junge Karriere Bouaddis verlief rasant. Wegbegleiter überraschte das jedoch nicht, wie sein ehemaliger Jugendtrainer, der ihn beim AFC Creil betreut hatte, der BBC erzählt.Beim Klub nahe seines Geburtsorts Senlis, vierzig Kilometer nördlich von Paris, begann Bouaddi als Vierjähriger Fussball zu spielen. Er blieb neun Jahre. In dieser Zeit habe man keine Fehler an ihm gefunden, sagt der Trainer. Beim AFC Creil wird ein nahezu mythisches Bild gezeichnet: ein Junge, der Bücher den Videospielen vorzog, auf Fast Food verzichtete, ständig fragte, was er noch verbessern könne.Als er 13 Jahre alt war, wechselte Bouaddi in die Jugendakademie von OSC Lille. Drei Tage nach seinem 16. Geburtstag debütierte er in der Profimannschaft – als jüngster Spieler in der Vereinsgeschichte. Ein Jahr später, an seinem 17. Geburtstag, folgte das Startelf-Debüt in der Champions League. Und das gegen Real Madrid. Lille gewann 1:0, Bouaddi beeindruckte mit einer Passquote von 98 Prozent. Die Königlichen dürften sich seinen Namen gemerkt haben.Als «Wunderkind» gilt er auch abseits des Platzes. Freunde nannten ihn «Einstein». Mit 15 gewann er einen Preis in Redekunst, überreicht von der Première Dame Brigitte Macron im Élyséepalast. Sein Abitur legte er ein Jahr verfrüht ab – mit Bestnoten. Parallel zur Fussballkarriere absolviert er ein Online-Bachelorstudium in Mathematik. «Es hilft mir, das Spiel schneller zu verstehen, vor allem taktisch», sagte er «Le Parisien».Kein Anruf von Didier Deschamps?Ein Jungstar mit mathematisch-strategischem Fussballverständnis – den hätte Frankreich sicher gern in der Nationalmannschaft gesehen. Bouaddi durchlief alle Jugendteams der Équipe Tricolore von der U 16 bis zur U 21. Im März dieses Jahres führte er die U 21 sogar als Kapitän auf das Feld.Doch dann: Zwei Monate später debütierte Bouaddi für das A-Nationalteam Marokkos. Ein plötzlicher Sinneswandel?Laut Medienberichten hätte es Bouaddi bevorzugt, weiterhin das französische Trikot zu tragen. Aber der erhoffte Anruf des Trainers Didier Deschamps sei ausgeblieben, so heisst es. Nur mit Zinedine Zidane, Deschamps’ designiertem Nachfolger, soll sich Bouaddi ausgetauscht haben.In Interviews gab sich der Jungstar vorerst gelassen. Die Entscheidung für eine Nation dürfe nicht erzwungen werden. Dann wollte Bouaddi aber wohl doch nicht mehr länger auf eine mögliche Chance warten. Schliesslich stand die Weltmeisterschaft, die grösste Bühne des Fussballs, vor der Tür. Der marokkanische Verband buhlte intensiv um ihn – wie schon bei anderen talentierten Doppelbürgern. Die Funkstille Frankreichs liess diese Wertschätzung vermissen.Zwei Wochen vor WM-Beginn postete Bouaddi ein Bild auf Instagram, das ihn als Zehnjährigen im Trikot der Atlas-Löwen bei der WM 2018 in Russland zeigt. «Ich bin mir des Privilegs bewusst, diese Farben zu verteidigen», schrieb er darunter. Er werde aber immer stolz auf beide Kulturen sein. Auch Wehmut liest man zwischen den Zeilen.Der «marokkanische Busquets» begeistertBouaddi ist nun einer von mehr als siebzig in Frankreich geborenen Spielern, die an der WM nicht für ihr Geburtsland auflaufen. Das WM-Auftaktspiel gegen Brasilien war erst sein vierter Einsatz für das Nationalteam Marokkos. Bouaddi gehörte direkt zu den Besten.Mit seiner schlaksigen Statur erinnert der 1 Meter 85 grosse Box-to-Box-Mittelfeldspieler an Sergio Busquets. Auch Spielintelligenz, Ruhe am Ball und Passsicherheit verbinden die beiden. Sein Spitzname ist nun nicht mehr «Einstein», sondern «marokkanischer Busquets». Olivier Giroud, sein ehemaliger Teamkollege bei Lille, sieht in ihm gar die Reife, die ein 18-jähriger Kylian Mbappé ausstrahlte.Es verwundert also nicht, dass ihn die grossen Klubs jagen: Real Madrid, Arsenal, beide Klubs aus Manchester, Liverpool, Bayern München. In Lille reibt man sich die Hände – im Dezember 2025 verlängerte man mit Bouaddi bis 2029. Ohne Ausstiegsklausel. Der Klubpräsident Olivier Létang soll bis zu 100 Millionen fordern.Trotz seiner eher schmächtigen Statur ist Ayyoub Bouaddi zweikampfstark – hier im Duell mit Schottlands Kieran Tierney.Martin Rickett / PA Images / GettyBleibt ein 18-Jähriger bei so viel Interesse auf dem Boden? «Ich konzentriere mich jetzt nur auf die Weltmeisterschaft», sagte Bouaddi nach seinem WM-Debüt gegen Brasilien. Auch im Fussballersprech ist er bereits routiniert. In Interviews wirkt er, wie er spielt: ruhig und überlegt. Manchmal scheint er noch etwas schüchtern – auf dem Platz aber verschwindet diese Zurückhaltung.Nachdem Marokko im Achtelfinal den Co-Gastgeber Kanada souverän mit 3:0 besiegt hat, kommt es nun im Viertelfinal – wie könnte es anders sein – zum besonderen Duell mit Frankreich (9. Juli, 22 Uhr MESZ). Neben Ayyoub Bouaddi werden dabei auch fünf seiner marokkanischen Teamkollegen gegen ihr Geburtsland antreten.Didier Deschamps wird dann aus nächster Nähe sehen, ob er – falls er es wirklich nicht getan hat – bei Bouaddi besser zum Hörer gegriffen hätte.Passend zum Artikel
Ayyoub Bouaddi: Mathematikstudent, Mittelfeldlenker und Marokkos Hoffnungsträger
Ayyoub Bouaddi gilt als die grosse Entdeckung dieser WM. Am Donnerstag trifft der Jungstar und Mathematikstudent auf Frankreich – sein Geburtsland, gegen das er sich entschieden hat.















